Der Protest gegen das Freihandelsabkommen mit den USA ist vor ein paar Wochen im Alten Land vom Baum gefallen. Äpfel, klein und rot, liegen in Weidekörben auf dem Platz vor dem Berliner Hauptbahnhof. Tausende greifen zu, stecken sie in Taschen oder gleich in den Mund. "Bio-Äpfel für einen saftigen Protest", steht auf einem Schild. Gleich daneben schleppen Elke Röder und ihre Mitarbeiter Kisten mit Nachschub heran.

Röder ist die Geschäftsführerin des Bundesverbands Naturkost Naturwaren (BNN). Ihre Organisation vertritt die Verkäufer und Hersteller von regionalen Biolebensmitteln. Die Andechser Molkerei ist Mitglied und auch die Gewürzmühle Brecht in Eggenstein bei Karlsruhe. Heute stehen Röder und ihr Team auf dem Berliner Washingtonplatz und verteilen mit vollen Händen Äpfel an die Teilnehmer von Europas größter Anti-TTIP-Demonstration. "Wenn das Abkommen unterzeichnet wird, dann verlieren wir die Möglichkeit, die Gesellschaft nach unseren Werten zu gestalten", ruft Röder durch den Lärm.

Dutzende Verbände aus ganz Deutschland haben die Demonstration in der Hauptstadt gemeinsam organisiert. Auch der Mieterbund, die Jugend des Deutschen Alpenvereins und der Verband deutscher Schriftsteller sind nach Berlin gekommen, um gegen TTIP zu demonstrieren. Die einen protestieren aus Angst vor Umweltzerstörung, die anderen fürchten sich vor einem Abbau von Kultursubventionen. Es sind Hunderte Partikularinteressen, die sich dicht an dicht durch das Regierungsviertel schieben. Doch scheinen alle Gruppen zu hoffen, dass sie die Unterzeichnung des verhassten transatlantischen Freihandelsabkommens noch stoppen können.

"Spreewaldgurken statt Genmais"

Am Spreeufer springt ein Mann im Maiskostüm auf Elke Röder zu und schüttelt ihr die Hand. Röder, in Jeansrock und orangefarbenem BNN-T-Shirt, lacht. "Ein Kollege vom Dachverband", sagt sie und reiht sich wieder in den Demonstrationszug ein. Sie sei zunächst überrascht gewesen, dass alle Mitglieder ihres Verbands das Abkommen mit den USA so entschieden ablehnen, erzählt Röder. "Weil die Verhandlungen aber schließlich geheim ablaufen, wissen wir ja auch gar nicht, was genau da auf uns zukommt", sagt sie.

Ihr Verband setzt sich seit Jahren für regionale Lebensmittelerzeugung ein. Einen massenhaften Import von Lebensmitteln aus Übersee lehnt Röder deshalb ab. "Spreewaldgurken statt Genmais", so sagt es einer ihrer Kollegen. Die Mitglieder des BNN hätten keine Angst vor dem, was kommt, argumentiert die Geschäftsführerin, doch vermissten sie ein "sozial-ökologisches Leitbild" in den Verhandlungen um TTIP. In ihren Augen profitieren vom Freihandel, so wie er derzeit in Brüssel verhandelt wird, vor allem Großkonzerne und Banken.

Als Geschäftsführerin des BNN gehört Röder zu den Profis im Umgang mit dem Protest gegen TTIP. Immer wieder besucht sie Dialogveranstaltungen im Wirtschaftsministerium, hält Kontakt zu Unternehmern und Landwirten. Doch längst nicht alle, die in der Hauptstadt auf die Straße gehen, formulieren ihre Bedenken gegen TTIP so klar wie Röder: "Kapitalistische Weltrevolution stoppen", dröhnt es aus Lautsprechern über die Köpfe der Leute hinweg. Auf einem Banner fordert die Marxistisch-Leninistische Partei Deutschlands "Freiheit für Kurdistan". Und zu Klängen, die an Astor Piazolla erinnern, schieben sich Mitglieder der Initiative "Tango gegen TTIP" eng umschlungen an der Demonstration vorbei. Die Berliner Demo ist nicht nur knallharte Realpolitik, sondern auch ein Event für Schwärmer und Freaks.

Es geht nicht um die Details

Zwar lassen sich derzeit noch kaum Erkenntnisse über die Zehntausenden Demonstranten von Berlin gewinnen. Doch decken sich erste Eindrücke mit Forschungsergebnissen des Göttinger Instituts für Demokratieforschung: Im Juni hatten die Wissenschaftler aus Göttingen knapp 700 Teilnehmer einer Anti-TTIP-Demo in München unter anderem nach Alter und Geschlecht befragt. Im Vergleich zu den Pegida-Kundgebungen in Leipzig oder den Protesten gegen Stuttgart 21 waren die Teilnehmer deutlich jünger und weiblicher. Auch in Berlin waren auffällig viele Studenten und Schüler auf der Straße. Der Frauenanteil scheint ebenfalls deutlich höher zu sein als bei anderen Demonstrationen.

Und auch die politische Zugehörigkeit der Demonstranten scheint klar: Über ihren Köpfen wehen Fahnen von Grünen, Linken und Gewerkschaften. Elke Röder saß Mitte der achtziger Jahre für die Alternative Liste im Stadtparlament von Göttingen. "Viele Mitglieder des BNN waren in den siebziger Jahren Teil von Friedensbewegung und Anti-Atomkraft-Protesten", erzählt sie, als die Demonstration auf Höhe des Kanzleramts zum Stehen kommt. Heute streite man deshalb gar nicht um die Details des Abkommens, sondern um eine sozial-ökonomische Zukunft. Die Buchverleger und Alpenfreunde ein paar Reihen weiter vorn würden ihr wohl zustimmen.