AfD-Parteitag in Hannover ©Axel Schmidt/Reuters

Der eigentliche Chef dieses Parteitags der Alternative für Deutschland in Hannover ist ein 73 Jahre alter Mann, der Satzungsfragen "erotisch" findet. Wann immer Albrecht Glaser an diesem Wochenende an das Mikro tritt, hat er nachher den Applaus und die Zustimmung der Mehrheit im Saal sicher. Er kann über den juristischen Unterschied zwischen "Einvernehmen" und "Benehmen" dozieren und die Repräsentationsprinzipien im Bundesrat und in der Fifa mit denen im Bundesprogrammausschuss der AfD vergleichen. Im Beratungsmarathon zu Satzungsfragen ist er eine Autorität und trägt zum detailverliebten, seriösen und professionellen Bild bei, das die Partei in Hannover abgibt.

Doch außerhalb der Paragraphendiskussion und außerhalb der Gruppe der AfD-Mitglieder kennt kaum jemand Albrecht Glaser, obwohl er stellvertretender Vorstandssprecher ist. Er spricht nicht bei den Anti-Asyl-Demonstrationen und er wettert nicht in Talkshows. Nach außen gibt die AfD ein anderes Bild ab.

Da behauptet Alexander Gauland, die "zugegebenermaßen bewundernswerten freiwilligen Helfer" würden "immer mehr zu nützlichen Idioten einer verantwortungslosen Utopie herabgewürdigt." Armin-Paul Hampel will alle 18-45-jährigen Flüchtlinge aus Syrien und dem Irak zum Kämpfen zurück in ihre Heimatländer schicken, und Björn Höcke bemängelt die verlorene Wehrhaftigkeit des deutschen Mannes. Es tut sich also auf den ersten Blick eine riesige Lücke auf zwischen der AfD dieses Parteitags und der AfD der Straße und der Schlagzeilen. Eine Lücke zwischen den Glasers und den Höckes dieser Partei.

Das ist es, was die AfD gerne als ihre "innere Pluralität" bezeichnet, und was Alexander Gauland, der wie kein anderer für den Spagat zwischen seriösem Auftreten und nationalistischem Populismus steht, mit dem Satz legitimierte: "Ich bin gegen rote Linien in der Partei." Alles, was legal ist, ist in der AfD okay.

Abwerfen der "Lucke-Altlasten"

In der Praxis gilt diese unbedingte Offenheit allerdings nur in die nationalistische und konservativer Richtung, wie auch dieser Parteitag zeigt. Linke oder gesellschaftspolitisch liberale Positionen schließt die AfD aus. Glaser und all die anderen bauen an diesem Wochenende an einem stabilen Fundament für Höcke und Co.

Dafür beseitigen sie vor allem die "Lucke-Altlasten", wie Glaser das nennt. Die Regelungen, auf denen der einstige Parteivorsitzende bestanden hatte. Die Wut auf ihn ist hier noch lebendig. Auf dem Parteitag sprechen die Delegierten mal vom "falschen Lucke-Geist", mal von der "unsäglichen Vergangenheit" vor der Parteispaltung, mal, in Anlehnung an den Fifa-Präsidenten, vom "Blatter-Lucke-Prinzip". Und ganz am Ende, als die neue Satzung verabschiedet wird, freut sich die Vorsitzende Frauke Petry, dass man die "Satzung von Bremen repariert" habe. Die Partei wird nun weiterhin von zwei oder drei Personen geführt und nicht wie Lucke wollte von einer.

Es finden sich dann aber an diesem Parteitag auch in der Satzung sehr viele Hinweise auf die Ausrichtung der Partei, sehr viele Regelungen, die es so nur bei der AfD geben kann. Zum Beispiel verbietet sie Vereinigungen in der Partei, die sich auf "Abstammung, Nationalität oder Geschlecht" gründen. Es wird es also keinen "Frauenverein" geben in der AfD, wie es ein Redner nennt, und wie es das in allen anderen Parteien gibt. Begründung eines Delegierten: "Es gibt ja auch keine Vereinigung heterosexuelle blonde Männer in der AfD."

Als eine Rednerin daraufhin anmerkt, dann solle man doch konsequenterweise auch Vereinigungen, die sich über Religion definieren, verbieten, überzeugt ein Gegner die Delegierten mit dem Argument: "Vor dem Hintergrund der drohenden Islamisierung ist es wichtig, dass die AfD ein Bekenntnis abgibt zur christlich-abendländischen Kultur!" Christen dürfen sich also organisieren in der AfD, Frauen nicht.