Löscheinsatz vor der angezündeten Flüchtlingsunterkunft am Stadtrand von Altena © Björn Braun

Er ist wieder zu Hause. Auf der Einfahrt vor seinem Elternhaus schraubt Dirk D. am Motor eines schwarzen Geländewagens herum. Ein unscheinbarer junger Mann, klein, sportlich, Stoppelhaarschnitt, dunkler Dreitagebart. Die Herbstsonne hat sich durch den Nebel gekämpft, hinter den Gärten leuchtet gelb der Herbstwald. Altena im November: ein Kleinstadtidyll, als wäre nichts gewesen. Als hätte Dirk D. kein Feuer gelegt unter dem Dach des Nachbarhauses, während im Erdgeschoss sieben syrische Flüchtlinge schliefen. Als stünde Wochen danach nicht noch immer die Frage im Raum, was ihn zu der Tat getrieben hat. Will er sich erklären? Dirk D. schaut kurz auf. "Da hab ich gerade keine Zeit für", sagt er. Dann verschwindet er wieder unter der schwarzen Motorhaube.

Ist das alles? Für Dirk D. schon.

Ein paar Meter hangaufwärts steht der Bau, den D. angezündet hat, drei Stockwerke hoch und grau. D., der Berufsfeuerwehrmann, der Beamte auf Probe, 25 Jahre alt und über Jahre bei der freiwilligen Feuerwehr, genau wie sein Vater und seine Geschwister. Eines Nachts war er bereit, das Leben anderer Menschen zu riskieren, nur weil er sie nicht als Nachbarn haben wollte.

Der junge Mann hat die Tat mittlerweile gestanden. Sein Komplize hatte bei der Polizei ausgesagt, auch D. stellte sich. Das macht den Fall aus Altena zu einer Ausnahme. Denn seit Jahresbeginn wurde fast täglich irgendwo in Deutschland ein Flüchtlingsheim angegriffen. Doch nur selten fanden die Ermittler einen Täter. Nach Recherchen von ZEIT ONLINE und DIE ZEIT gab es seit Januar in Deutschland 222 gewalttätige Angriffe gegen Flüchtlingsunterkünfte. 95 Prozent davon blieben bisher unaufgeklärt.

Das Bundeskriminalamt macht hinter vielen Anschlägen einen neuen Tätertyp aus: Menschen aus der Mitte der Gesellschaft. Ersttäter, die nie etwas verbrochen haben und nicht mit der rechtsextremen Szene verbunden sind, bevor sie ein Flüchtlingsheim attackieren. Es sind Bürger wie D. aus Altena, Sohn eines Waldarbeiters und perfekt ins Kleinstadtleben integriert. D. hatte eine feste Arbeitsstelle, ist Autoliebhaber, Fitnessfan und hat 900 bunt zusammengewürfelte Facebook-Freunde gesammelt. Keine Sicherheitsbehörde hat solche Menschen im Blick.

Juristisch sauber – und doch eine Zumutung

Zum Schwerpunkt „Angriffe auf Flüchtlingsheime“ finden Sie in der ZEIT Nr. 49 vom 03.12.2015 eine ausführliche Analyse.

Die Staatsanwaltschaft Hagen gab nach der Festnahme bekannt, der Geständige sei in der rechten Szene weder vernetzt noch organisiert. Sie wertete den Brandanschlag deshalb als schwere Brandstiftung, nicht als versuchten Mord. Der Hintergrund sei "eine persönliche Überzeugung, keine politische", sagte ein Sprecher der Behörde. Und weil die Staatsanwaltschaft keine Flucht-, Verdunklungs- oder Wiederholungsgefahr sah, beantragte sie keinen Haftbefehl, sondern ließ Dirk D. wieder laufen. Juristisch sauber – und doch eine Zumutung. Jedenfalls für die Flüchtlinge, die den Brandstifter gleich nebenan wissen.

Als die Stadtverwaltung im vergangenen Spätsommer entscheidet, dort Flüchtlinge aus Syrien anzusiedeln, folgt sie dem Willen des Bürgermeisters von Altena, Andreas Hollstein. Andere Lokalpolitiker aus Nordrhein-Westfalen warnten kürzlich in einem Brief an die Kanzlerin vor einer Überlastung durch die vielen Flüchtlinge. Andreas Hollstein hebt dieses Gejammer aus seinem lederbezogenen Sessel. Ein "grottenschlechtes Signal", sagt er.