"Mama Merkel" ist nicht mehr da. Die Kanzlerin, die Anfang September ihre Arme für Syrer öffnete, sie unbürokratisch ins Land und sich dafür weltweit bewundern ließ, sie hat sich abgewandt von denen, die alle Hoffnungen auf sie richten. Nur sie spricht nicht darüber.

Seit dem Wochenende haben mehrere Ankündigungen Verunsicherung ausbrechen lassen unter den Flüchtlingen. Wird es für sie künftig noch möglich sein, die Familien nachzuholen? Werden sie ihren sicheren Schutzstatus verlieren, gar wieder zurückgeschickt in die für sie so ungastlichen Länder Ungarn oder Italien? 

Die Koalition befindet sich zwar im Kommunikationschaos, aber das Signal ist bereits jetzt glasklar: Deutschland macht dicht. Wie die Kanzlerin dazu steht, das wissen wir nicht. Hat sie inzwischen auch die Sorge, dass die deutsche Hilfsbereitschaft und -fähigkeit an ihre Grenzen geraten ist? Allein im September ließen sich in der Bundesrepublik 85.000 Syrer, 18.000 Iraker und 19.000 Afghanen registrieren. Die Stimmung in den Erstaufnahmelagern und davor wird aggressiver. Tausende schlafen in Zelten, sie haben noch nicht mal einen Asylantrag gestellt. In der Union wächst die Sorge um die Mehrheit und vor der AfD. Und in der EU ist kaum jemand bereit, den Deutschen zu helfen.

Die Beerdigung des Optimismus

Vielleicht aber, das wäre die dramatischere Variante, glaubt die Kanzlerin noch an ihr "Wir schaffen das" und ist damit inzwischen so allein, dass längst andere für sie regieren. Darauf deutet das eigenmächtige Handeln von Innenminister Thomas de Maizière hin. Über seine Entscheidung, das Dublin-Verfahren wieder anzuwenden, wusste das Kanzleramt nichts. Ebenfalls von ihm stammt die Idee, den Familiennachzug zu begrenzen. Der einsame Papa im deutschen Asylbewerberheim soll so lange einsam bleiben, bis es ihn zur Familie im libanesischen Flüchtlingslager zurücktreibt. Wer dennoch bleibt, soll zumindest wieder in andere EU-Länder abgeschoben werden können.

Es ist zweitrangig, ob die Verschärfungen, die derzeit diskutiert werden, wirklich erst mal nur wenige Syrer betreffen, wie die SPD beteuert. Die Botschaft der Ablehnung kommt an. Schon jubelt Österreichs Innenministerin über den "Wendepunkt von einer grenzenlosen Willkommenskultur zurück zu einer Kultur der Vernunft".

"Wir schaffen das", dieser Satz mit dem Merkel weltweit verbunden wurde, er existiert nicht mehr. De Maizière handelt dabei aus Überzeugung. Ohnehin war in den vergangenen Wochen der Glaube großer Teile der deutschen Öffentlichkeit daran geschrumpft, dass der Zuzug der Flüchtlinge bewältigt werden könnte. Doch dass nun auch Merkel schweigt, ist wie eine Beerdigung dieses optimistischen, schönen Gedankens.