Eine Kriminalpolizistin untersucht einen Brand an einer Turnhalle im thüringischen Friemar © Michael Reichel/dpa

Die Zahl der Attentate auf Flüchtlingsheime nimmt fast täglich zu. 222 gefährliche Angriffe auf Flüchtlingsunterkünfte in nur einem Jahr haben ZEIT ONLINE und DIE ZEIT gezählt, davon 93 Brandanschläge. Jeden zweiten Tag brennt ein Gebäude, wird unter Wasser gesetzt, mit Pflastersteinen und Brandsätzen beworfen, mit Stahlkugeln beschossen. 104 Menschen wurden bereits verletzt.

Wer kann helfen, diese Gewalt einzudämmen?

Die Polizei, sagt Heiko Schmidt. Er ist leitender Polizeidirektor und Chef des Einsatzreferats im thüringischen Innenministerium. Sein Credo: Straftaten aufzuklären und Täter zu bestrafen ist das wichtigste Mittel, um neue Taten zu verhindern. Dann aber berichtet er von schwierigen Brandermittlungen, spricht über Täterprofile und Sonderkommissionen. Schnell wird klar, worauf er hinaus will: Die Polizisten tun, was sie können. Aber es ist nicht einfach.

Und das Problem wird täglich größer. Mehr und mehr Unterkünfte werden gezielt unbewohnbar gemacht, wie die Recherchen von ZEIT ONLINE zeigen, auch in Thüringen. Verdächtige werden selten entdeckt, Täter kaum gefasst. "Der beste Weg ist schnelle Ermittlung, möglichst die Festnahme auf frischer Tat", sagt Schmidt. Doch sei das "gerade im ländlichen Bereich relativ schwierig".

Zum Schwerpunkt „Angriffe auf Flüchtlingsheime“ finden Sie in der ZEIT Nr. 49 vom 03.12.2015 eine ausführliche Analyse.

Es gibt Gründe, dass so wenige der Attentäter gefunden werden: Die Polizei hat sich aus der Fläche zurückgezogen. Vor allem in den ostdeutschen Bundesländern werden seit Jahren systematisch Stellen abgebaut (siehe Grafik). In Ländern wie Brandenburg und Sachsen gab es in den vergangenen Jahrzehnten immer neue Polizeireformen. Viele kleine Wachen wurden geschlossen. Konzentration heißt das Wort, auf das sich alle Hoffnung stützt.

Thüringen beispielsweise hat eine Polizeizentrale für das gesamte Bundesland. Wenn jemand irgendwo im Land die 110 wählt, kommt der Anruf immer an der gleichen Stelle an. Die Idee: Die Beamten der Zentrale wissen zu jeder Zeit, wo jeder Streifenwagen im Land unterwegs ist und was die Besatzung für einen Auftrag hat. Deshalb können sie jeden verfügbaren Polizisten an jeden beliebigen Ort schicken, auch Einheiten, die hart zufassen können. So sollen die begrenzten Mittel effektiv eingesetzt werden.

Kontaktbereichsbeamte

Doch Polizei ist dann am besten, wenn sie sich auskennt und wenn sie nicht nur bei Ärger anrückt, sondern ständig ansprechbar ist, als Partner wahrgenommen wird und nicht als Gegner. Dazu braucht man Beamte, die über viele Jahre im selben Kiez unterwegs sind, am besten zu Fuß. Die Idee wurde in den siebziger Jahren in Berlin entwickelt, längst gibt sie es in mehreren Bundesländern, wenn auch unter verschiedenen Namen. In Thüringen nennen sie das KOBB, Kontaktbereichsbeamte. Ungefähr 200 gibt es davon

Schmidt bestätigt, wie wichtig es sei, stabile Polizeistrukturen zu haben, Polizisten und Dienststellenleiter also, die in der Gemeinde verankert sind, die jeder kennt, denen die Menschen vertrauen. Was er nicht sagt: Solche stabilen Polizeistrukturen existieren längst nicht in allen Gegenden. Vor allem auf dem Land sei dieses System "auch unter dem Aspekt der Personalressourcen zukunftsfähig und weiter ausbaufähig", sagt Schmidt diplomatisch.

Das Konzept der Zentralisierung hat außerdem einen großen Nachteil. Bis der erste Polizist an einem Tatort ist, kann viel Zeit vergehen. Bis zu einer halben Stunde kann es dauern, bis ein Streifenwagen kommt.

Einsatzreaktionszeit wird immer länger

Viel genauer lässt sich das Problem leider nicht beschreiben. Denn es gibt kaum Daten über diese sogenannte Einsatzreaktionszeit. Nur zu einigen Bundesländern finden sich dürre Zahlen. Zum Beispiel für Nordrhein-Westfalen. Nach einem Notruf dauerte es dort 2011 zwischen 11:33 und 19:08 Minuten, bis die Polizei am Ort des Geschehens eintraf, der "Landesdurchschnittswert betrug 15:25 Minuten". Im Vergleich zu anderen Bundesländern ist das noch flink.

Vor einigen Jahren vereinbarten die Landesinnenminister, solche Zahlen nicht mehr zu kommunizieren. Begründet wurde das so: Die Werte der verschiedenen Regionen seien nicht vergleichbar und verzerrten das Bild. Heute macht es den Eindruck, als würden die Zeiten bewusst nicht erhoben, weil sie zeigen könnten, dass die stets gelobten Polizeireformen nicht nur Vorteile haben.

Ein Hinweis darauf, dass dieser Verdacht stimmt, findet sich in Brandenburg in einem Konzept namens "Mit Sicherheit – besser leben in Brandenburg" der CDU-Fraktion im Landtag. Darin ist zu lesen: "Die durchschnittliche Einsatzreaktionszeit der Polizei ist nach Umsetzung der Polizeistrukturreform im Vergleich zum Jahr 2011 um fast vier Minuten auf 28 Minuten und 17 Sekunden im Jahr 2013 angestiegen."

Was zu der Frage führt, ob es nicht ohnehin sinnvoller wäre, die Angriffe gleich zu verhindern. Wenn die Reaktion so schwierig, die Tätersuche so unergiebig ist, wäre Vorbeugung dann nicht billiger und besser?