Die Attentate von Paris stellen eine neue, grauenhafte Dimension des Terrors dar. Wahllos haben die mutmaßlichen Anhänger des "Islamischen Staates" mitten im Zentrum der französischen Metropole fröhliche, unbeschwerte Menschen ermordet und damit die freie Lebensweise und Kultur des Westens attackiert. Ihr Ziel war, das Selbstbewusstsein der Menschen weit über Paris hinaus zu treffen und Angst, Panik und Verzweiflung in die Köpfe und Herzen zu pflanzen. Wie kann man dieser menschenverachtenden Strategie begegnen?

In Deutschland hat darüber am Wochenende eine erste, wenn auch noch zurückhaltende, Diskussion begonnen. Einzelne Politiker vor allem der CSU fordern, als Reaktion auf die Anschläge die Grenzen abzuriegeln und streng zu kontrollieren. "#ParisAttack ändert alles", twitterte der bayerische Finanzminister und CSU-Lautsprecher Markus Söder, "wir dürfen keine illegale und unkontrollierte Zuwanderung zulassen."

Damit vermischt er auf verhängnisvolle Weise die unerlässliche Sicherheitsdebatte mit der ohnehin schwierigen und strittigen Flüchtlingsdiskussion – ohne dass es dafür wirklich einen Grund gäbe. Zwar wurde bei einem der Attentäter von Paris ein syrischer Pass gefunden. Er soll Anfang Oktober über Griechenland in die EU eingereist und in mehreren Ländern registriert worden sein. Verfassungsschutzchef Hans-Georg Maaßen hält es jedoch für "weniger wahrscheinlich", dass mit den Flüchtlingen Terroristen in größerer Zahl nach Deutschland kommen. Dafür sei die Route schlicht zu gefährlich. 


In Deutschland gibt es bislang jedenfalls keine nachweisbaren Fälle, dass sich potenzielle Terroristen unter die Hundertausenden Flüchtlinge gemischt hätten. Auszuschließen ist das nicht, doch im Zweifel hat der "Islamische Staat" andere Wege und Mittel, Kämpfer einzuschleusen – wenn Attentäter nicht ohnehin im Inland radikalisiert und zu islamistischen Tätern werden. So waren mindestens drei der Attentäter von Paris Franzosen, das heißt keine von außen eingeschleusten Terroristen.

Der Großteil der Flüchtlinge jedoch, der nach Europa kommt, flieht gerade vor diesen barbarischen Terroristen. Sie, und sei es auch nur indirekt, unter Generalverdacht zu stellen, hieße nicht nur, ihnen bitter Unrecht zu tun. Es würde auch genau die Merkmale unserer Gesellschaft infrage stellen, welche die Massenmörder des IS treffen wollen: ihre Offenheit und Toleranz.

Gut und erfreulich ist deshalb, dass sich Bundesinnenminister Thomas de Maizière und CSU-Chef Horst Seehofer dagegen gewandt haben, die Diskussion über Konsequenzen aus Paris mit der Flüchtlingsfrage zu vermengen. Denn das würde nur diejenigen bestärken, die ohnehin gegen die Aufnahme von Flüchtlingen sind und sich durch den Horror von Freitagnacht nun in verquerer Weise in ihre Fremdenfeindlichkeit bestätigt sehen.

Es ändert sich nicht alles

Söders Bemerkung ist aber noch in anderer Hinsicht falsch. Die Anschläge von Paris, so grauenhaft sie waren, ändern nicht alles. Dass Terroristen jederzeit, an jedem Ort und in jeder Weise zuschlagen können, auch in Deutschland, war den Sicherheitsbehörden auch schon vorher bewusst. Neu ist allenfalls, dass sie diesmal kein konkretes Ziel wie im Januar die Redaktion der Satirezeitschrift Charlie Hebdo wählten. Das allgemeine Ziel war aber dasselbe: die freiheitliche, plurale, bunte Gesellschaft, die den radikalen Islamisten das Feindbild schlechthin ist. Sich nun abzuschotten und das Land mit immer neuen, immer schärferen Kontrollen und Sicherheitsgesetzen überziehen zu wollen, hieße genau die Kultur aufzugeben, die wir verteidigen wollen.