Der harte Kern des CSU-Widerstands gegen Merkels Flüchtlingspolitik hat sich am Freitagabend vor den gläsernen Eingangstoren der großen Messehalle in München aufgebaut. Etwa 15 Mitglieder der Jungen Union halten blaue und grüne Pappschildchen in die Höhe. "Zuzug begrenzen", "Transitzonen einführen", "Klarer Kurs nur mit der CSU", steht darauf. "Macht’s a rechte Gaudi, wenn sie kommt", ermuntert ein Mann im Trachtenjanker den Parteinachwuchs. Doch als Angela Merkel kurz darauf an den wenigen Demonstranten vorbeischreitet, ist kein einziger Ton zu hören. Demonstrieren scheint den jungen Herren mit Krawatte und Anzug nicht in die Wiege gelegt worden zu sein.

Wenn die CDU-Chefin in den vergangenen Jahren zum CSU-Parteitag kam, wurde sie dort stets begeistert gefeiert. Längst hatten die Bayern ihren Frieden mit der pragmatischen Ostdeutschen gemacht. Schließlich hatte sie gezeigt, dass sie Wahlen gewinnen kann – sogar dreimal hintereinander. Doch wegen der Flüchtlingskrise ist diesmal alles anders.

Wochenlang hatten Seehofer und andere CSU-Spitzenpolitiker Merkel aufs Schärfste für ihren Kurs kritisiert. Merkel habe die falschen Signale ausgesandt und so dazu beigetragen, dass jeden Tag Tausende Menschen nach Deutschland kämen, lautet der Vorwurf. Immer wieder forderte die CSU Merkel auf, endlich ein Signal zu setzen, dass Deutschlands Belastungsgrenze erreicht sei. Auch an der CSU-Basis hat Merkel wegen ihrer Flüchtlingspolitik so sehr an Zustimmung verloren, dass der CSU-Chef sich vor dem Parteitag genötigt sah, darauf hinzuweisen, dass die CSU ein guter Gastgeber sei. Hier würden Positionen zivilisiert ausgetauscht, mahnte er per Interview. So groß war die Angst davor, dass Merkel hier mächtig ausgebuht werden würde.

Ganz so schlimm kommt es dann am Ende nicht. Die Transparente der wenigen Jung-CSUler bleiben die einzigen, die in der großen Münchner Messehalle mit den rund 1.000 Delegierten zu sehen sein werden. Und auch Pfiffe erschallen eher vereinzelt, als Merkel gemeinsam mit Seehofer den langen Weg Richtung Podium antritt. Ein ziemlich unterkühlter Empfang wird es trotzdem, denn ein großer Teil der Delegierten verweigert Merkel diesmal den üblichen Begrüßungsapplaus.


Merkel wiederum ist deutlich anzusehen, wie angespannt sie ist. Statt nach rechts und links zu winken, wie das bei derlei Anlässen üblich ist, blickt sie meist geradeaus, ein äußerst angestrengtes Lächeln im Gesicht. Als sie endlich oben auf der Bühne angekommen ist, gelingt ihr doch ein kleiner Witz. Gerade will sie Horst Seehofer ansprechen, da muss sie feststellen, dass der schon nicht mehr hinter ihr steht. "Oh, der sitzt ja schon wieder", sagt sie. Da müssen die Delegierten dann doch mal kurz lachen.

Kleine Zugeständnisse

Merkel hat ihre Rede geschickt aufgebaut. Erst mal kommt sie auf die Terroranschläge der vergangen Zeit zu sprechen. Die in Mali vom gleichen Tag, die in Paris am vergangenen Wochenende. Sie versichert Frankreich ihre Solidarität, lobt den Einsatz von Soldaten und Polizisten, die ihr Leben für die Sicherheit einsetzen. Da können die Delegierten natürlich nicht anders, als doch wenigstens ein bisschen zu klatschen.

In Sachen Flüchtlingskrise hat Merkel der CSU ebenfalls ein kleines Zugeständnis mitgebracht. Die Bundespolizei an der bayerisch-österreichischen Grenze soll verstärkt werden, darauf haben sich der Bundes- und der bayerische Landesinnenminister geeinigt. Schärfere Grenzkontrollen, das war eine der ersten Forderungen, die Seehofer nach den Anschlägen gestellt hatte.

Und Merkel versucht die CSU bei ihrer Ehre zu packen. Sie erinnert an all die vielen Herausforderungen, die CDU und CSU in den vergangenen Jahrzehnten gemeinsam bestanden hätten. Die europäische Einigung, die Deutsche Einheit, die Einführung des Euro. Sollte man dann nicht auch diese neue Herausforderung Flüchtlingskrise gemeinsam bestehen?

In der Sache hart

Vor dem Parteitag hatte Seehofer bei einer Vorstandssitzung erzählt, er habe Merkel ein paar Hinweise gegeben, was sie auf keinen Fall sagen solle. Und Merkel hält sich daran. Den Satz "Wir schaffen das", auf den viele in der CSU längst sehr allergisch reagieren, vermeidet sie ebenso wie die Aussage, das Asylrecht kenne keine Obergrenze.  Auch das "freundliche Gesicht", das sie sonst für sich in der Flüchtlingspolitik in Anspruch nimmt, erwähnt sie diesmal nur einmal, bezeichnenderweise in Zusammenhang mit Abschiebungen, bei denen es auch human zugehen müsse.

Trotzdem bleibt sie in der Sache klar. Sie verteidigt erneut ihren Ansatz, die Flüchtlingskrise sowohl national, als auch europäisch und international anzugehen. "Wir werden die Zahl der Flüchtlinge reduzieren", versichert sie zwar. Und erwähnt auch die Flüchtlingskontingente, die Europa mit der Türkei verhandeln müsse. Doch einer "nationalen Obergrenze" für den Zuzug von Flüchtlingen, die die CSU sich so sehr wünscht und die auch in dem Leitantrag enthalten ist, den die Partei kurz vor Merkels Auftritt mit nur einer Gegenstimme beschlossen hatte, erteilt sie eine Absage. Sie passt nicht zu der europäischen Lösung die Merkel anstrebt. "Deutschland ist unser Vaterland, Europa ist unsere Zukunft", so sieht Merkel das. Wenn Europa aus dieser Krise nicht geschwächt sondern gestärkt hervorgehen solle, müsse man eine Lösung finden, die allen Interessen gerecht werde.

Die CSU-Delegierten kann sie so – trotz ihres kämpferischen Tons – nicht für sich gewinnen, wie der magere Beifall deutlich macht, den sie am Ende ihrer Rede erhält.