Klar, jede Bewegung fängt klein an. Aber so klein? Zum Auftakt seiner großen Debattenoffensive sitzt der Sozialpsychologe Harald Welzer fast allein im Balkonzimmer des Deutschen Theaters Berlin. Außer ihm sind nur noch der DT-Intendant Ulrich Khuon und ein paar Mitarbeiter da, die sich eigentlich um die Journalisten kümmern sollten. Allerdings ist zu der Pressekonferenz, auf der Welzer eigentlich erklären wollte, wie er die Deutschen endlich mit sich selbst ins Gespräch bringen will, nur genau ein einziger Reporter gekommen. Was natürlich den großen Vorteil hat, dass man endlich mal in Ruhe reden kann.

Die Situation, die tatsächlich unbedingt besprochen werden muss, sieht so aus: Deutschlands humanitäre Reaktion auf die Flüchtlingskrise hat die ganze Welt verblüfft. Bis heute ist eine stabile Mehrheit der Deutschen der Auffassung, dass ihr Land den Vertriebenen helfen sollte, und dass es über die Ressourcen verfügt, diesen Kraftakt zu meistern. Doch die öffentliche Debatte wird mittlerweile von Politikern bestimmt, die auf die Fragestellungen des 21. Jahrhunderts vor allem Antworten aus dem frühen 20. Jahrhundert geben: Grenzen, Kontrolle, Überwachung. Weil die Stimmung gleichzeitig einfach nicht kippt, werden die Maßnahmen vorauseilend damit legitimiert, dass die Stimmung möglicherweise kippen könnte.

Was Welzer zufolge dabei allzu großzügig übersehen wird: Allein in der Stadt Flensburg, die bisher nicht unbedingt als Hochburg linker Aktivisten bekannt war, seien bei 80.000 Einwohnern 10.000 ehrenamtliche Helfer registriert. Der Hauptbahnhof sei mittlerweile komplett auf die große Aufgabe ausgerichtet, er sehe aus wie eine Einsatzzentrale: Es gebe Schalter für Beratung, Kleidung, Getränke, für Kaffee und Kuchen.

Unter den Helfern seien viele Dänen, die mit der Flüchtlingspolitik ihrer Regierung nicht einverstanden seien und sich hier beteiligen wollten. Ehrenamt als ziviler Ungehorsam. Man kann es ruhig noch einmal sagen: Eigentlich ist es ein Wunder, was hier passiert. Die ganze Welt reibt sich die Augen. Selbst der Sozialpsychologe Welzer hätte so etwas nicht für möglich gehalten.

Doch wenn in Flensburg 10.000 Menschen nach Feierabend ein Schichtensystem organisieren, um dem humanitären Selbstverständnis Europas gerecht zu werden, so hört man davon doch relativ wenig. Wenn sich aber 10.000 Rechte zum Fackelmarsch in Dresden oder Erfurt versammeln, sind die Nachrichten Woche für Woche voll davon. Was ist da los?

Ein irrsinniger Plan

"Alle Gespräche, die über den Themenkomplex Flüchtlinge und Grenze geführt werden, handeln implizit von einer einzigen Frage", sagt Welzer. "Was für eine Gesellschaft wollen wir sein? Eine offene Gesellschaft oder eine Ausgrenzungsgesellschaft?" Und weil die Medien und das Internet offenbar dabei versagen, ein öffentliches Gespräch über diese Frage herzustellen, will er es jetzt selbst in die Hand nehmen. Ihm schwebt eine Reihe von Versammlungen vor, auf denen die Deutschen in den kommenden Monaten im ganzen Land in den Theatern, den Kulturhäusern und Stadthallen zusammenkommen und miteinander sprechen.

Ulrich Khuon hat dafür das Deutsche Theater Berlin zur Verfügung gestellt und die Intendanten der anderen großen Stadttheater Deutschlands angesprochen. Absagen gab es keine: In den nächsten zwei Wochen werden öffentliche Debatten in Hamburg, Frankfurt, München und Köln stattfinden. Dann geht es weiter: Saarbrücken, Flensburg, Greifswald. Danach sollen die Betriebe folgen: Stahlwerke und Autofabriken. Das ganze Land soll endlich reden. Ein irrsinniger Plan.

Welzer wünscht sich vor allem belastbare Aussagen. Und um belastbar zu sein, müssen sie – anders als die Ramschmeinungen, die man im Internet an jeder Ecke unter die Nase gehalten bekommt – etwas kosten: Konzentration, Argumentation, Rechtfertigung. Der Minimalaufwand einer Demokratie. Es geht ihm auch darum, den Radikalen die Deutungshoheit zu entwenden und sie dem rechtmäßigen Besitzer zurückzugeben: der Mehrheitsgesellschaft.

Weniger Geschenke, mehr Spenden

Dort ist sie vermutlich ohnehin besser aufgehoben: Eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts GfK hat gerade ergeben, dass die Altersgruppe der um die 30-Jährigen in diesem Jahr pro Kopf durchschnittlich 24 Euro weniger für Weihnachtsgeschenke, dafür 63 Euro mehr für Hilfsorganisationen ausgeben will. Der Solidaritätsbeitrag für die zweite große Integrationsleistung in der Geschichte der Bundesrepublik wird gewissermaßen schon bezahlt, bevor überhaupt jemand auf die Idee gekommen ist, danach zu fragen.

"Die Politiker sprechen von einer gespaltenen Gesellschaft, aber ich sehe diese Spaltung nicht", sagt Welzer. "Es gibt eine gewisse Anzahl von Rechten im vielleicht fünfstelligen Bereich und 40 Millionen Deutsche, die eine offene Gesellschaft wollen."