Die Bürgermeisterin des Berliner Bezirks Neukölln warnt davor, Flüchtlinge in Turnhallen unterzubringen. Schon jetzt sei die Situation in der Hauptstadt "hoch problematisch" und die Stimmung in der Bevölkerung könne bald kippen, sagte Franziska Giffey der Tageszeitung B.Z. Neben hilfsbereiter Zugewandtheit gebe es auch Entrüstung und Empörung: "Wenn es zu Lasten der Kinder, des Schul- und Vereinssports geht, fängt der Verteilungskampf an. Wenn Dinge der Daseinsvorsorge für die Normalbevölkerung nicht mehr gewährleistet sind."

Die SPD-Politikerin sagte, dass man bei der Belegung von Turnhallen an die Akzeptanzgrenze komme. Die Debatte über eine Beschlagnahmung von Wohnungen nannte sie absurd und schädlich: "Die Leute sagen: Jetzt nehmt ihr uns die Turnhallen weg. Was ist der nächste Schritt: die Wohnungen? Und der übernächste, Einquartierungen? Die Angst der älteren Leute, die die Nachkriegszeit noch kennen, ist doch: Ich bin alleine, hab eine Zweizimmerwohnung – krieg ich da jetzt einen einquartiert?"

Giffey sprach sich gegen Flüchtlingswohnprojekte aus, die integrationspolitisch eine Katastrophe seien: "Wir brauchen gemischte Angebote, damit auch die Bevölkerung die Neuzuwanderer akzeptiert. Der ganz normale Geringverdiener fragt doch: Das kann doch nicht sein, jetzt werden Flüchtlingswohnungen geschaffen, und was ist mit uns?"

Sie plädierte dafür, nach größeren Lösungen zu suchen und schlug das Tempelhofer Feld vor. Dort könne man 5.000 bis 7.000 Personen unterbringen. Voraussetzung sei allerdings, dass die sanitäre und gesundheitliche Versorgung garantiert sei. Fast alle Flüchtlingskinder und auch viele Erwachsene seien nach ihrer Flucht krank. Wenn sich Berlin auf Großstandorte konzentriere, sei es auch leichter, Hilfe von der Bundeswehr anzufordern. Für viele kleine Standorte fehlten Betreiber und es sei schwieriger, den Wachschutz, Catering, Sozialarbeiter sowie Feuerlöscher zu besorgen.

Beunruhigt zeigte sich die Neuköllner Bürgermeisterin über den starken privaten Zuzug in arabische Familien in ihrem Bezirk: "Wir stehen vor einer sozialen Krise. Die dortige arabische Community ist Andockpunkt, hat sich innerhalb von fünf Jahren von 13.000 auf 30.000 erhöht. Das verändert rasant." Sie sei besorgt, "wenn jemand, der einer Moschee nahe steht, die vom Verfassungsschutz beobachtet wird, plötzlich nebenan eine Flüchtlingsunterkunft eröffnet".

Wo sollen die Menschen wohnen?

Die 37-jährige Sozialdemokratin Franziska Giffey, geboren in Frankfurt/ Oder, ist seit April 2015 Bürgermeisterin von Neukölln. Sie folgte in diesem Amt auf Heinz Buschkowsky und gilt wie dieser als Vertreterin einer kompromisslosen Linie beim Thema Integration. In einem Gespräch mit der ZEIT sagte sie: "Wer sein Kind nicht zum Sprachtest bringt, zahlt ein Bußgeld. Schulschwänzen muss Konsequenzen haben. Der Kitabesuch muss sein, Pflicht für alle."

In ganz Deutschland suchen Kommunen nach verschiedensten Lösungen, um Flüchtlingen Wohnraum zu geben – vor allem dann, wenn sie nach drei Monaten die Erstaufnahmeeinrichtungen verlassen. Die Vermieter von Gemeinschaftsunterkünften machen dabei glänzende Geschäfte. In Hamburg etwa sollen in großer Eile 5.600 Wohnungen für Flüchtlinge gebaut werden, Kritiker befürchten die Entstehung neuer sozialer Brennpunkte.

Auf dem freien Wohnungsmarkt ist der Kampf voll entbrannt, denn die Zuwanderer konkurrieren vor allem in den ohnehin nachgefragten Großstädten mit der länger ansässigen Bevölkerung und Studenten um den Wohnraum. Schuld daran ist auch der Verteilungsschlüssel, der sie weniger stark in ländliche Gegenden schickt – weil es dort auch kaum Jobs gibt.