Natürlich wirkt die Grausamkeit des Terrors nach in Halle an der Saale. Die Stimmung ist gedämpfter als sonst zu Beginn dieses Grünen-Parteitags genau eine Woche nach den Anschlägen von Paris. Es gibt eine Schweigeminute und Parteichef Cem Özdemir bittet darum, auch die Opfer in Mali, Russland, Beirut und Afghanistan nicht zu vergessen. Dann beginnt eine Debatte über die Konsequenzen aus dem Terror, eigens aus aktuellem Anlass auf die Tagesordnung gezogen. Die Grünen haben sich vorgenommen, Entschlossenheit zu zeigen. "Mut im Bauch", so lautet das Motto des Parteitags, wobei damit eher die Flüchtlingspolitik gemeint war. Nun aber: Welche Haltung hat die Partei dazu, wie der "Islamische Staat" bekämpft werden soll und was die von Frankreich geforderte Solidarität für Deutschland bedeuten kann und muss?

Schließlich sagen viele Grüne heute, dass ihre Partei längst nicht mehr pazifistisch ist, sie sei erwachsen geworden und hat schließlich ihre Erfahrungen mit Auslandseinsätzen der Bundeswehr gemacht, die von den eigenen Leuten befürwortet wurden. Auch in der aktuellen Situation, das wird am Freitagabend klar, halten sich die Grünen die Zustimmung zu militärischen Optionen offen. Nur kommunizieren es die Verantwortlichen dann doch nicht so mutig, wie es das Motto glauben machen wollte.

Der Parteitag beschließt einen Antrag mit dem Titel "Nous sommes unis", Französisch für "Wir sind vereint". Diese Parole der Entschlossenheit kursiert weltweit als Reaktion auf die Pariser Anschläge. In dem Antrag der Grünen kann man viel Zurückhaltung hineinlesen. Die Grünen wollen den IS vor allem politisch bekämpfen, heißt es. Sie warnen vor einer "Kriegsrhetorik der Rache". Glauben, dass "internationale Bodentruppen" in dem vom IS teilweise gekaperten Bürgerkriegsland "der falsche Weg" wären und wollen für Syrien die Vereinten Nationen zu Rate ziehen, um einen Waffenstillstand auszuhandeln. 

Ausnahmen von der Regel kann es geben

Andere Formulierungen wiederum sind bewusst vage gewählt, eine Strategie, die die Grünen gerne anwenden, um bei brisanten Themen ihre heterogene Mannschaft mitzunehmen: "Europäische Solidarität" sei das Gebot der Stunde, heißt es in dem Antrag nämlich auch. Und dass der militärische Beistand, den Frankreich über die EU-Verträge fordert, eine gemeinsame und "wirkungsvolle Strategie" gegen den Terror erfordere. Militär sei "zu oft kontraproduktiv", Luftangriffe auf IS-Stellungen würden nicht "immer" helfen. Was im Umkehrschluss bedeutet, dass es Ausnahmen von der Regel geben kann.

Das beweisen am Freitagabend auch die Verteidigungsexperten der Grünen Fraktion, Omid Nouripour und Agnieszka Brugger. Sie schmuggeln über eine Absprache mit dem Parteitagspräsidium und unbemerkt von vielen Delegierten noch einen weiteren Satz in den Antrag, der dann mit großer Mehrheit angenommen wird. Der IS müsse politisch besiegt, aber eben auch "militärisch bekämpft" werden heißt es darin. Brugger, eine junge Bundestagsabgeordnete, die dem linken Flügel der Partei angehörig ist, hat damit genauso wenig Probleme wie manch altgedienter Pazifist. Die "Bundesarbeitsgemeinschaft Frieden", ein Zusammenschluss der Kriegsgegner bei den Grünen, meldet sich gar nicht erst klagend zu Wort.

Gleichzeitig sind die Grünen aber auch froh darüber, dass die militärische Option mehr oder minder im Parteitagsrauschen untergeht und nicht jedes Basis-Mitglied davon mitbekommen hat. Parteichef Cem Özdemir, ein Real-Politiker, wollte laut seinem Redemanuskript auch kurz darüber sprechen, dass der IS "wo möglich und notwendig auch militärisch" bekämpft werden müsse. Genau diesen Satz lässt er dann bei seinem Auftritt aber weg. Am Samstag will er wieder zum Parteichef gewählt werden.