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Die Deutschen haben in den vergangenen hundert Jahren nur wenige große Staatsmänner hervorgebracht, auf die sie stolz sein können. Helmut Schmidt gehört zu diesen wenigen. In der Ehrengalerie der Nation gebührt ihm ein prominenter Platz – ein Platz, wie er ihn in den Herzen der Bürger längst gefunden hat. Sie werden ihm ein achtungsvolles, ja liebevolles Gedenken bewahren: dem Bändiger der Hamburger Flut von 1962; dem Mann, der den RAF-Terroristen den Kampf ansagte und sie bei der Befreiung von 86 Geiseln aus der gekaperten Lufthansa-Maschine Landshut auf dem Flughafen von Mogadischu in die Knie zwang; dem Wirtschaftspolitiker, der in den Strudeln zweier Erdölkrisen Kurs hielt; dem als Praeceptor Germaniae mehr und mehr über den Parteien, auch über der eigenen Partei stehenden Altbundeskanzler.

Historische Größe ist ein relativer Begriff, gebunden an die Bedingungen und Erfordernisse des Augenblicks. Helmut Schmidts Größe war von anderer Art als die Konrad Adenauers oder Willy Brandts, weil seine Zeit von anderer Art war. Er musste nicht Fundamente legen, konnte nicht ganz neu beginnen. Eigentlich hatte er ja Architekt und Städteplaner werden wollen. Aber als er im Mai 1974 Bundeskanzler wurde, unverhofft und wider eigenes Wollen und Erwarten, war das Zeitalter der Architektonik vorerst zu Ende.

Die tragenden Pfeiler der deutschen Außenpolitik standen: der von Adenauer vollzogene Einbau der Bundesrepublik in den Rahmen der Europäischen Gemeinschaft wie der Atlantischen Allianz; dazu die von Brandt eingeleitete Öffnung nach Osten. Auch im Inneren standen die Strukturen: soziale Marktwirtschaft, dynamische Rente, Wehrgesetzgebung, Notstandsgesetze. Es war keine Zeit für Baumeister. Schmidt musste die Deutschen einüben in die Normalität, musste Westpolitik und Ostpolitik, Bündnistreue und Entspannung, Verteidigungswillen und Abrüstungsbereitschaft verschmelzen zu einer neuen bundesrepublikanischen Staatsräson. Er war nicht autoritär wie Adenauer. Er stürmte nicht heilsgewiss voran wie Brandt. Er setzte auf die Vernunft, der er mühsam eine Klientel zu schaffen suchte in einer Zeit, in der das Zerbröseln des gesellschaftlichen Konsenses Führung immer schwieriger werden ließ. Geschichte machen? Politiker, die zuvörderst dies anstrebten, so sagte er einmal, seien regelmäßig gescheitert. Ihm ging es ums Weitermachen. Krisenmanagement verlangte die Zeit. Schon das war nicht einfach für den Bundeskanzler.

Viel später bekannte er: "Ich wollte dieses Amt nicht. Ich hatte Angst davor." Aber dann nahm er sich, wie es stets seine Art war, in die Pflicht. Die Auswirkungen der Ölkrisen von 1973/74 und 1979/80 belasteten seine Kanzlerschaft: Das Wirtschaftswachstum blieb zeitweise aus, die Inflation stieg vorübergehend auf sieben Prozent, die Zahl der Arbeitslosen kletterte von der halben Million, die er übernommen hatte, auf 1,8 Millionen. Zugleich wurde die Entspannungspolitik überschattet von der fortdauernden Rivalität der Supermächte in der Dritten Welt; von der Bedrohung der Bundesrepublik durch die sowjetischen Mittelstreckenraketen SS-20 in der zweiten Hälfte der 1970er; von Moskaus Afghanistan-Abenteuer (1979); schließlich von der Verhängung des Kriegsrechtes in Polen (1981). Hinzu kam die Herausforderung des Terrorismus. Schon kurz nach Schmidts Amtsantritt begann mit dem Mord an dem Berliner Kammerpräsidenten Günter von Drenkmann eine blutige Serie von tödlichen RAF-Anschlägen, die das Land drei Jahre in Atem hielt.

Mit dem Terrorismus wurde Schmidt fertig durch Unnachgiebigkeit, Entschlossenheit und Nervenstärke. Er hatte 1975, als der Berliner CDU-Vorsitzende Peter Lorenz gekidnappt wurde, mit hohem Fieber im Bett liegend der Freilassung von fünf einsitzenden Terroristen zugestimmt. Später nannte er dies einen schweren Fehler. Danach jedoch blieb er unbeugsam, 1975 bei der Besetzung der Bonner Botschaft in Stockholm wie 1977 bei der Entführung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer durch die Rote Armee Fraktion (RAF). Wären die Erstürmung der Landshut und die Rettung der Geiseln missglückt, so hätte niemand ihm seinen Rücktritt ausreden können. Den Mord an Schleyer nahm er erschüttert, doch in demutsvollem Bewusstsein von Versäumnis und Schuld auf sich – im Sinne von Max Webers Satz, dass alles Tun, zumal aber das politische, in Tragik verflochten sei.

Eine Woche nach Schleyers Ermordung hielt Helmut Schmidt eine Rede vor dem Londoner International Institute for Strategic Studies, in der er auf die neue Bedrohung Europas durch die SS-20-Rakete hinwies. Dies war der Keim des Nato-Doppelbeschlusses vom Dezember 1979, der vorsah, 108 Pershings und 464 Marschflugkörper in Europa aufzustellen, einen großen Teil davon in der Bundesrepublik, den Sowjets allerdings gleichzeitig Rüstungskontrollverhandlungen vorzuschlagen. Sollte der Kreml sich darauf einlassen, sein Mittelstreckenarsenal wieder aus dem Verkehr zu ziehen, werde der Westen auf die Nachrüstung mit Pershings und Marschflugkörpern verzichten. Der Doppelbeschluss signalisierte den Sowjets, dass sich das Atlantische Bündnis nicht erpressen ließ. Zugleich jedoch gab er der Friedensbewegung in der Bundesrepublik mächtigen Auftrieb. Auch innerhalb der SPD wuchs die Zahl der Zweifler und Gegner. Am Ende stand der Kanzler in seiner Partei fast allein. Doch die Geschichte gab ihm recht. Zehn Jahre nach seiner Londoner Rede, fünf Jahre nach seinem Sturz erlebte Helmut Schmidt die Genugtuung, dass Michail Gorbatschow der "Null-Lösung" zustimmte, die er von Anfang an angestrebt hatte.

Der Macher war auch ein Intellektueller von hohen Graden

DIE ZEIT widmet Helmut Schmidt eine Sonderausgabe als Teil der Ausgabe Nr. 46 vom 12.11.2015. Wegbegleiter erinnern an den Staatsmann und ZEIT-Herausgeber.

In der Wirtschaftspolitik versagte ihm die SPD zuletzt ebenfalls die Gefolgschaft. Er hatte das Land mit ruhiger Hand durch zwei Weltwirtschaftskrisen gesteuert. Aber nun stiegen die Abgabenquote, die Steuerbelastung, die Nettokreditaufnahme der öffentlichen Hand. Die Investitionen sanken um ein Drittel. Das Steuer musste herumgerissen werden. Er wollte eine Wende. Aber als er der SPD-Fraktion im Juni 1982 die haushaltspolitischen Leviten las, traf seine Botschaft auf verschlossene Mienen. An der SPD scheiterte er, nicht an der FDP. Es blieb Schmidt nur noch, seinen Abgang stilvoll zu inszenieren.

Geblieben ist die Erinnerung an einen Staatsmann, der Stärke aus seinem Pflichtgefühl bezog. Helmut Schmidt regierte nüchtern, kompetent und konsequent. Er war realistisch, urteilsstark, entscheidungsfreudig. Indes gingen seinen Entscheidungen immer lange, tiefgründige Beratungen und Konsultationen voraus. Regieren war für ihn weder Durchwursteln noch Durchregieren, sondern diszipliniertes Handeln auf konkrete Ziele hin. Auf der Weltbühne vertrat Helmut Schmidt die deutschen und europäischen Interessen mit Respekt heischender Konsequenz, Eloquenz und Effizienz. Auf der heimischen Bühne versuchte er, auch in schwierigen Zeiten einen Begriff von Rationalität in der Politik aufrechtzuerhalten, der einen Schutzpanzer bot gegen modische Anwandlungen und emotionale Aufwallungen. Er verabscheute sterile Aufgeregtheit ebenso wie bloßes Wunschdenken. "In der Politik hat keine Emotion und Leidenschaft Platz außer der Leidenschaft zur Vernunft" war seine Devise.