Vor rund vier Jahrzehnten hängte die deutsche Luftwaffe die ersten Kameras unter ihre damals neuen Tornado-Kampfflugzeuge. Es war die Hoch-Zeit der Blockkonfrontation, und die Aufklärungsjets hatten eine präzise umrissene Aufgabe: Sie sollten so viele Informationen wie möglich über die Streitkräfte und die Infrastruktur der Gegenseite, des Warschauer Paktes, herausfinden.

Mit gewissem Stolz berichteten damals Piloten, wie sie ihre Tornados über der Ostsee hart auf der Grenze zu Polen und der Sowjetunion flogen, den Flugzeugbauch zur Küste gerichtet, um ein verwertbares Foto einer Radarstellung zu bekommen. Die Aufklärungsbehälter, im Militärjargon "Recce Pods" (vom englischen reconnaissance, Aufklärung) genannt, enthielten herkömmliches Filmmaterial. Das musste nach der Landung der Maschinen erst entwickelt werden, und die Bundeswehr-Spezialisten bildeten sich einiges darauf ein, innerhalb von 45 Minuten nach dem Aufsetzen der Tornados auf dem heimischen Fliegerhorst nicht nur die Filme entwickelt zu haben, sondern bereits aus dem professionell ausgewerteten Material einen zusammenfassenden Bericht vorlegen zu können.

Davon ist vieles Geschichte. Seit 2009 fliegt die Luftwaffe nicht mehr Filme durch die Gegend: Unter den Tornados hängen inzwischen sogenannte "Recce Lite Pods" des israelischen Herstellers Rafael, voll digitalisiert. Die ermöglichen nicht nur optische und Infrarot-Aufnahmen, sondern auch über eine Funkverbindung die Echtzeit-Übertragung der Aufnahmen zum Boden.

Schneller als Drohnen und nicht wehrlos

Dennoch bleibt die Frage, warum im Zeitalter der Drohnen überhaupt noch Aufklärung mit bemannten Flugzeugen, noch dazu mit teuren Jets, geflogen wird. Schließlich haben die unbemannten Systeme zahlreiche Vorteile: Sie können viel länger über einem Ziel kreisen und ein ständiges Videobild liefern – noch dazu praktisch unbemerkt, weil lautlos. Und es werden keine Besatzungsmitglieder gefährdet, wenn eine Drohne doch einmal entdeckt und abgeschossen wird.

Die Vorteile der Drohnen, sagt Oberstleutnant Jörg Langer vom Kommando Luftwaffe in Berlin, sind allerdings auch ihre Nachteile. Denn die unbemannten Flieger sind nicht viel mehr als motorisierte Segelflugzeuge mit Kameras (und teilweise mit Raketen als Bewaffnung): bislang nur dafür ausgelegt, in Gebieten zu operieren, in denen es keine ernstzunehmende Bedrohung für sie gibt. Keine Gegner mit eigener Luftwaffe, vor allem aber: keine Gegner mit Flugabwehrgeschützen, die die Drohnen recht schnell vom Himmel holen können.

Die Tornado-Kampfjets dagegen wurden für das klassische Kriegsszenario entwickelt, und die Piloten sind darauf trainiert, mit gegnerischer Flugabwehr fertig zu werden. Zum einen, weil sie eine solche Bedrohung besser und schneller erkennen können als der Drohnen-Pilot vor seinem Monitor. Und zum anderen, weil sie besser manövrieren und ausweichen können. Gegen Beschuss mit Raketen haben die Kampfflugzeuge zudem Abwehrmaßnahmen an Bord: zum Beispiel Täuschkörper, Hitzefackeln, die dem Infrarot-Suchkopf einer Rakete ein lohnendes Ziel vorgaukeln.

Vor allem aber: Die Jets sind mit Schallgeschwindigkeit deutlich schneller über einem Beobachtungsziel als die Drohnen mit Propellerantrieb. "Bei Bedarf können die sehr schnell Informationen über eine bestimmte Örtlichkeit liefern, während die Drohne noch unterwegs ist", sagt Langer. Und selbst wenn das Funksignal zu dem Aufklärungsbehälter abreiße und kein Live-Videobild möglich ist, weil die Tornados im Tiefflug unterwegs sind: Die Maschinen können innerhalb von Sekunden auf eine Höhe steigen, die wieder die Live-Übertragung ermöglicht.