Niemand hat Ludwig Sander durchsucht. Sander war einfach zum vereinbarten Termin ins Wahlkreisbüro der Kanzlerin nach Stralsund gefahren, war eingetreten und hatte platzgenommen. Er hätte ein Messer in der Tasche haben können. Oder eine Pistole. Aber der Bodyguard saß einfach nur im Wartebereich, ohne Sander abzutasten, ohne in seine Tasche zu schauen. Dann öffnete die Kanzlerin die Tür. Angela Merkel bat Sander herein, sagte, dass sie leider nur zehn Minuten Zeit habe und nahm sich dann doch 25 Minuten für den Mann, der damals noch Landarzt war. "Nach fünf Minuten wusste sie so gut Bescheid, als wäre sie Jahre im Beirat des Allgemeinmedizinerverbandes gesessen" sagt Sander. "Und nach einem halben Jahr war die Sache vom Tisch. So wie Angela Merkel es versprochen hatte."

"Die Sache", das war 2008 eine Frage der Budgetverteilung zwischen Haus- und Fachärzten. Nur auf den ersten Blick ein kleiner und banaler Verwaltungsakt. Aber für Ludwig Sander, der Zeit seines Berufslebens für die deutschen Landärzte gestritten hat, eine große Sache. Dass auch Merkel sie wichtig nahm, die auch damals schon weiß Gott Wichtiges zu tun hatte, hat ihn nachhaltig beeindruckt.

Zehn Jahre ist Angela Merkel jetzt Kanzlerin, und angesichts der aktuellen Aufregung nach den Anschlägen von Paris, der Debatte um die Flüchtlinge und darum, wie sich dieses Land verändern könnte, geht unter, wie stark sich Deutschland unter Merkel bereits verändert hat. Als Merkel 2005 Kanzlerin wurde, war Deutschland, gelinde gesagt, ein Land am Abgrund. Nicht wegen Bürgerkriegsflüchtlingen, nicht wegen maroder Banken oder Griechenland. Sondern weil dieses Deutschland im Jahr 2005 selbst marode war. Die Arbeitslosenquote lag bei 11,7 Prozent, fast 4,7 Millionen Menschen waren arbeitslos, so viele wie nie zuvor. Allein 2005 betrug das strukturelle Haushaltsdefizit 50 Milliarden Euro. Die drei Jahre zuvor eingeführten Hartz-IV-Reformen waren unverändert umstritten, ihre Wirkung unsicher.

Heute hat sich die Arbeitslosenquote fast halbiert, die Wirtschaft brummt seit Jahren, und die schwarze Null beim Haushalt ist schon fast Normalität. Hartz IV sorgt schon lange nicht mehr für Aufregung.

Und im Kleinen? Wie hat sich Deutschland in den letzten zehn Jahren dort verändert, wo keine großen Krisen verhandelt werden, wo sich keine großen Dramen abspielen – sondern kleine? Vor zehn Jahren hat DIE ZEIT Menschen besucht, die am Rande der Gesellschaft arbeiten. Helden von heute hieß die Serie. Was sagen diese Menschen, wie sich Deutschland in den zehn Jahren mit Merkel verändert hat? Was für ein Land ist Deutschland in dieser Zeit geworden, wenn man von den Rändern darauf schaut?

Fragt man Carlo Wahrmann, schiebt der erst einmal einen Zettel voller Zahlen über den kargen Tisch im aufgeräumten, aber schmucklosen Büro der Berliner Caritas. Hier arbeitet Wahrmann als Schuldenbarater. "Wahrmann weiß immer ganz gut, wie es den Deutschen gerade geht" schrieb DIE ZEIT vor zehn Jahren über ihn.

Draußen ist Berlin-Mitte, der Stadtteil, in dem in den vergangenen zehn Jahren die Mieten so steil gestiegen sind wie sonst nirgends in Deutschland. 50 Meter in die eine Richtung von Wahrmanns Büro drängeln sich die Touristen vom Hackeschen Markt zur Synagoge an der Oranienburger Straße. 50 Meter in die andere Richtung beginnt der Bezirk der Filter-Kaffee-Connaisseure, der lässigen Weinbars und asiatischen Burgerläden. Dazwischen, erzählt der Schuldenberater, zwischen dem beliebten und dem angesagten Berlin, gibt es immer noch das ärmliche Berlin. Eigentlich nicht bloß immer noch. Sondern: immer mehr. Der große Aufschwung in den Jahren mit Merkel hat nicht alle mitgenommen. Aber die Zurückgebliebenen sind aus dem Blickfeld verschwunden.