Schnell rauswerfen können sie ihn nicht, deshalb beließen es die AfD-Bundesvorstände bei einem dringenden Appell: Der thüringische Landes- und Fraktionschef Björn Höcke möge überprüfen, ob er noch in der richtigen Partei ist. Seine Äußerungen "bezüglich eines biologisch-demographischen Verhaltens von Menschen" stellten ausschließlich seine persönliche Meinung dar, hieß es in einer Mitteilung der Parteispitze. In einem einstimmig gefassten Beschluss forderten die Vorstände ihn "nachdrücklich auf, auch selbst zu prüfen, inwieweit seine Positionen sich noch in Übereinstimmung mit denen der AfD befinden".

Die Bundesführung hatte zuvor mehrere Stunden lang über Höckes Verhalten und seine Äußerungen der vergangenen Wochen diskutiert. Anlass gab es genug: Der rechtsnationale AfD-Politiker war zuletzt heftiger Kritik ausgesetzt, weil er sich über eine "Reproduktionsstrategie" von "Afrikanern" geäußert hatte. Außerdem stießen sich seine Parteikollegen daran, dass Höcke dem rechtsextremen französischen Front National zu seinem guten Abschneiden in der ersten Runde der Regionalwahlen gratuliert hatte.

Hinzu kam, dass er auf einer Veranstaltung der Nachwuchsorganisation Junge Alternative Christentum und Judentum zu einem "Antagonismus" erklärt hatte. "Darum kann ich mit dem Begriff des christlich-jüdischen Abendlands nichts anfangen." Höcke bestätigte, dass diese Äußerung so gefallen ist, beteuerte aber, damit "keine Kritik am Judentum verbunden" zu haben. Er halte das Judentum im Gegenteil für "eine großartige Religion". Auch seine Äußerungen über den "lebensbejahenden afrikanischen Ausbreitungstyp" hatte er bedauert und mögliche Fehldeutungen eingeräumt.  

Höcke will keinen Dissens erkennen: "Grundsätzlich befinden sich seine politischen Positionen in vollster Übereinstimmung mit denen der AfD", sagte eine Sprecherin Höckes ZEIT ONLINE. Er habe bereits "Fehler deutlich eingeräumt". Darüber hinaus lege Höcke Wert darauf, interne Vorgänge auch intern zu klären. Es werde ein klärendes Gespräch mit dem Bundesvorstand geben.    

Höcke hatte in den vergangenen Monaten kaum Gelegenheiten ausgelassen, sein ausgeprägtes Nationalbewusstsein zu demonstrieren. So breitete er in einer der letzten Sonntagabend-Sendungen von Günther Jauch eine Deutschlandflagge über der Sessellehne aus. Auf einer der vielen AfD-Demonstrationen in Erfurt sprach er von "1.000 Jahren Deutschland" – und weckte damit Erinnerungen an das Dritte Reich. Höcke kann für sich in Anspruch nehmen, die Thüringische Landeshauptstadt frei von der Pegida-Bewegung gehalten zu haben. Die Islamfeinde bekamen in Erfurt – im Gegensatz zu ihrer Herkunftsregion Dresden – keinen Fuß auf den Boden.

Auf Initiative Petrys hatten sich die Landesvertreter der AfD in einer Telefonkonferenz am Morgen mehrheitlich dafür ausgesprochen, dass der Bundesvorstand Höcke einen Ämterverzicht nahelegt. "Da muss sich was ändern", sagte einer der Teilnehmer ZEIT ONLINE, auf Höcke bezogen. Auch Landesfunktionäre, die bis zur Abwahl des Parteigründers Bernd Lucke im Sommer zum rechtskonservativen Flügel der Partei zählten, kritisieren jetzt den "verbrämten Antisemitismus" Höckes. Viele sehen den als Gefahr: "90 Prozent der Menschen können das auf den ersten Blick nicht erkennen", sagt einer. "Höcke öffnet damit eine Tür." Bei der Telefonkonferenz war laut Teilnehmern auch Höcke in der Leitung, er soll die Diskussion aber weitgehend schweigend hingenommen haben.

Nicht alle stimmten Petrys Plan in der Schaltkonferenz zu. Besonders in Sachsen-Anhalt oder in Brandenburg hat Höcke Rückhalt. Es ist wahrscheinlich, dass von dort Widerstand kam. Im Bundesvorstand schlug sich dann aber auch der sonst Petry-kritische brandenburgische Landeschef Alexander Gauland oder der Höcke-Intimus André Poggenburg aus Sachsen-Anhalt auf die Seite der Bundesvorsitzenden. Zwischendurch war nach Angaben von Teilnehmern auch eine förmliche Ermahnung im Gespräch gewesen. Doch der Vorstand einigte sich dann auf den weniger scharfen Appell an Höcke. Poggenburg sagte ZEIT ONLINE, Höcke müsse künftig darauf achten, mit seinem Äußerungen weniger Angriffsfläche zu bieten und in seinen Reden weniger Interpretationsspielraum zuzulassen.

Petry werden Lucke-Methoden vorgeworfen

Höcke ist Lehrer von Beruf. Derzeit ist er als Beamter beurlaubt. Er lebt im nordthüringischen Eichsfeld, wo er vor Jahren das leer stehende Pfarrhaus des Ortes Bornhagen bezog. Kenner Höckes rechnen damit, dass er dem Wunsch des Bundesvorstandes nicht sofort nachkommt. Höcke genoss bisher in Thüringen im Landesverband und in seiner Fraktion starken Rückhalt – fraktionsinterne Gegner waren bereits von selbst ausgetreten oder ausgeschlossen worden. Aus der Partei liefen die Höcke-Kritiker mit Lucke zu dessen im Juli gegründeten Partei Alfa über.

Er dürfte weiter innerhalb der Partei um seine politischen Positionen kämpfen, heißt es. Die von dem sächsischen Landesvorstandsmitglied Hans-Thomas Tillschneider mit gegründete Patriotische Plattform nahm Höcke in Schutz, der Vorwurf des Rassismus entbehre jeder Grundlage. Höckes Anhänger werfen Petry mittlerweile vor, dieselben Methoden wie Parteigründer Lucke anzuwenden: öffentliche Maßregelung von parteiinternen Gegnern.

Sofern sein Landesverband und seine externen Unterstützer Höcke weiter folgen, steht Petry ein parteiinterner Machtkampf bevor. Mittlerweile ist sie in ähnlicher Lage wie Lucke kurz vor seiner Abwahl im Juli. Er hatte erfolglos versucht, das Erstarken von Nationalisten in der AfD zu verhindern.