Seit mehr als zwei Jahrzehnten kennt die Größe der Bundeswehr nur eine Richtung: Nach unten. 1990 hatten die deutschen Streitkräfte allein im Westen der dann vereinten Bundesrepublik einen Umfang von fast einer halben Million Soldaten. Schrittweise sank die Zahl, über die im Zwei-plus-Vier-Vertrag mit den früheren Siegermächten vereinbarten 370.000 auf inzwischen 185.000.

Und auch das ist nur die Obergrenze, die seit der jüngsten Bundeswehrreform vor knapp fünf Jahren gilt. Tatsächlich dienen im deutschen Militär derzeit weniger als 180.000 Männer und Frauen. Zur gleichen Zeit stiegen die Anforderungen an die Truppe massiv, nicht allein durch die zahlreichen Auslandseinsätze.

Also ein guter Grund, die Bundeswehr wieder zu vergrößern, wie es der Deutsche Bundeswehrverband, die Interessenvertretung der Soldaten, und auch der Wehrbeauftragte des Bundestages fordern – und auch Abgeordnete in den Koalitionsfraktionen?

Die Antwort darauf ist nicht so einfach. Weil sie von vielen anderen Fragen abhängt.

Wer beklagt, dass die Bundeswehr inzwischen zu klein sei, um alle ihre Aufgaben zu erfüllen, sollte erst einmal einen Blick auf diese – teilweise neuen – Aufgaben werfen. Denn entgegen mancher politischen Behauptung sind die Auslandseinsätze nur der kleinste Teil der Anforderungen, die an die Truppe gestellt werden: Nur gut 3.000 der 180.000 Soldatinnen und Soldaten sind nach der offiziellen Zählung des Verteidigungsministeriums am Ende dieses Jahres im Einsatz, die meisten (knapp 900) in Afghanistan, zudem 800 im Kosovo, der bisher längsten Auslandsmission.

In diesem Jahr kamen die Seenotrettung im Mittelmeer hinzu und als jüngster Einsatz die Beteiligung am Kampf gegen den "Islamischen Staat" in Syrien. Und die nächste Mission ist bereits in der Planung: Voraussichtlich Ende Januar wird der Bundestag die Entsendung von bis zu 700 Soldaten ins westafrikanische Mali beschließen.

Doch die dann knapp 4.000 Soldaten in den zahlreichen Auslandseinsätzen, zuzüglich der jeweiligen Nachfolger und Unterstützungseinheiten, sind nur ein geringer Teil der Truppe, der dauerhaft mit einer Aufgabe betraut ist. Tausende waren in diesem Jahr in Übungen und Manövern der Nato engagiert, die seit der Ukraine-Krise eine ganz andere Bedeutung bekommen haben. Durchgängig schickte das Heer Panzer, Panzergrenadiere, Jäger und Artillerie in die östlichen Mitgliedsländer der Allianz. Die Marine stellt dauerhaft Schiffe für Nato-Einsatzverbände, in ständiger Bereitschaft standen im zurückliegenden Jahr zudem rund 4.600 deutsche Soldaten für die vom Bündnis im Herbst 2014 beschlossene schnelle Eingreiftruppe, die so genannte Speerspitze der Nato Response Force.

Vor allem aber: Mehr als 7.000 Soldatinnen und Soldaten wurden abkommandiert, um die Folgen der hohen Zahl von Flüchtlingen zu bewältigen, die nach Deutschland kommen. Auch wenn die Bundeswehr nach dem Grundgesetz weder die Aufgaben der Polizei übernehmen noch im Bundesamt für Migration und Flüchtlinge Entscheidungen in Asylverfahren treffen darf: Ohne die "helfenden Hände" der Truppe, ohne Unterstützung des Militärs bei Logistik und medizinischer Betreuung, ohne Abordnung von Soldaten zur Unterstützung bei der Registrierung von Flüchtlingen wäre vermutlich noch einiges mehr schiefgelaufen.

Fehlender Nachwuchs, mangelndes Gerät

Allerdings ist die Politik da einer schlichten Versuchung erlegen. Denn militärische Strukturen machen es einfach, die Truppe zu nutzen, um eine Lücke zu stopfen. Hunderte oder Tausende von Helfern lassen sich so fast über Nacht in Marsch setzen, wenn die Not groß ist – sei es bei einer Flutkatastrophe oder eben beim Umgang mit einer nicht erwarteten Zahl von Flüchtlingen.

Militärische Aufgaben sind das jedoch nicht, und das Militär ist dafür auch zu teuer. Soldaten werden für einen bestimmten Zweck ausgebildet, militärische Strukturen und Gerät leistet sich ein Staat für ganz bestimmte Aufgaben: die Verteidigung von Nation und Bündnis, die Abwehr äußerer Gefahren, knapp gesagt, für den Einsatz staatlicher Gewalt.

Diesen Apparat kann man kurzfristig einsetzen, um in der Not zu helfen. Doch wer ihn auf Dauer für eine zweckfremde Aufgabe benutzt, verbrennt nicht nur Geld – sondern kommt recht schnell genau an den Punkt, den die politische Debatte jetzt erreicht: Mehr Soldaten, weil schon jetzt so viele nicht das tun, wofür sie eigentlich eingestellt und ausgebildet wurden?

Nur ein Drittel der Tornados einsatzbereit

Doch die Bundeswehr muss nicht nur mit dem Problem der immer stärker ausgeweiteten Aufgaben umgehen. Schon jetzt hat die Truppe Mühe, alle die Leute zu bekommen, die sie für ihre derzeitige Sollstärke braucht. Für manche Truppenteile müssen sich die Kommandierenden gar fragen, ob sie einen einsatzbereiten Verband überhaupt auf die Beine stellen könnten. Per politischer Entscheidung festzulegen, dass die Bundeswehr größer werden soll, würde dieses Problem nicht lösen.

Dabei ist das Personal, seine Zahl und Verfügbarkeit, längst nicht das einzige Problem der deutschen Streitkräfte. Die Friedensdividende der vergangenen zweieinhalb Jahrzehnte hat nicht nur die Truppe kleiner gemacht, sondern auch ihre Ausrüstung auf einen teilweise beängstigenden Zustand heruntergespart. Wenn ganze Heeresverbände weniger als zwei Drittel ihres Geräts einsatzbereit in der Kaserne stehen haben, wenn die Marine nicht genug Hubschrauber in die Luft bekommt und um die Fluglizenzen ihrer Piloten fürchten muss, wenn faktisch nur ein Drittel der Tornado-Kampfjets einsatzklar ist, weil bei einer Sparrunde vor vier Jahren auf die Bestellung neuer Ersatzteile verzichtet wurde: dann hat nicht nur die Bundeswehr ein Problem, sondern auch ihre Auftraggeberin, die Politik. Denn die hat, ob sehenden Auges oder nicht, den Streitkräften diese Sparbeschlüsse auferlegt.

Bevor also die Debatte über eine Aufstockung der Bundeswehr weitergeführt wird, sollten Bundesregierung und Abgeordnete erst einmal überlegen, was sie von den Streitkräften wirklich dauerhaft verlangen wollen – und ob die Truppe in der Lage ist, mit den ihr zur Verfügung gestellten Mitteln das auch zu leisten. Dauerhaft im Verteidigungsetat sparen und gleichzeitig mehr von der Bundeswehr verlangen, das funktioniert eben nicht. Und da ist dann auch die Aufstockung um ein paar Tausend Soldaten keine Erfolg versprechende Antwort.