Soldaten der Bundeswehr vor dem Abflug in die Türkei am Fliegerhorst in Jagel © Sean Gallup/Getty Images

Der Bundeswehrverband hat eine Aufstockung der Truppenstärke noch vor 2017 gefordert. "Wir sind absolut im roten Bereich", sagte Verbandschef André Wüstner im Deutschlandfunk. Es sei wichtig, "dass die Ministerin, das Parlament jetzt nachsteuert, denn wir haben eine Lageänderung. Und das alles, was wir machen sollen, das geht mit dem jetzigen Personal und Material so nicht mehr weiter." Sein Verband verlangt 5.000 bis 10.000 zusätzliche Soldaten.

Wüstner geht davon aus, dass derzeit rund 20.000 Soldaten in Einsätzen sind oder einsatzähnliche Aufgaben übernehmen. Ein großer Teil von ihnen, rund 7.000 Soldaten, ist für die Flüchtlingshilfe abgestellt. Diese Unterstützung müsse nächstes Jahr beendet werden. "Es ist nicht unsere Kernkompetenz und auch nicht unsere Kernaufgabe."

Auch der Wehrbeauftragte des Bundestags, Hans-Peter Bartels, fordert wegen der weltweiten Krisen eine Vergrößerung der Bundeswehr um mindestens 7.000 Soldaten. "Die Bundeswehr ist seit 25 Jahren personell im freien Fall", sagte Bartels. Von den fast 600.000 Soldaten unmittelbar nach der Wiedervereinigung seien heute nur noch 178.000 übrig: "Das muss jetzt mal wieder umgedreht werden. Es kann nicht weiter zurückgehen, es muss hoch."

Wehretat soll erhöht werden

Das Verteidigungsministerium prüft derzeit eine Aufstockung der Truppenstärke; die Ergebnisse sollen im Frühjahr vorliegen. Nach Bartels' Vorstellungen müssen mindestens jene 185.000 Soldaten erreicht werden, die eine 2010 eingeleitete Bundeswehrreform vorsieht: "Aber warum nicht auch 187.000 oder sogar mehr? Man muss die Zahl erreichen, die nach den Strukturen, die ausgeplant sind, wirklich gebraucht wird."

In manchen Bereichen stoße man so langsam ans Limit, sagte Bartels: "Die Bundeswehr kann ihre Einsätze leisten, aber wir sollten wieder verstärkt den Blick darauf richten, was zu Hause getan werden muss, damit das auch so bleibt."

Der Wehrbeauftragte fordert auch eine deutliche Erhöhung des Wehretats: Die bis 2019 geplante Anhebung von 33 auf 35 Milliarden Euro reiche nicht aus. Der Anteil der Militärausgaben am Bruttoinlandsprodukt werde damit sogar von 1,16 Prozent auf 1,07 Prozent bis 2019 fallen: "Das reicht nicht. Wir sollten schon relativ zügig auf 1,2 Prozent kommen." Allerdings wäre Deutschland damit noch weit von der Marke zwei Prozent entfernt, die sich die Nato selbst als Ziel gesetzt hat.

"Breite statt Tiefe ist gescheitert"

Der Verteidigungsexperte der SPD, Rainer Arnold, warnte dagegen vor einer alarmistischen Debatte um mehr Personal und Geld für die Bundeswehr. Gegenüber der Hannoverschen Allgemeinen sagte Arnold: "Entscheidend ist, dass die Soldaten sich wieder auf ihr Kerngeschäft konzentrieren." Ministerin Ursula von der Leyen müsse dafür sorgen, dass die Flüchtlingshilfe keine Dauereinrichtung werde. Als größte Hypothek erweise sich die von Ex-Verteidigungsminister Thomas de Maizière durchgesetzte Parole, bei der Bundeswehr müsse "Breite vor Tiefe" gelten.

"Dieser Ansatz ist sichtbar gescheitert, das Ergebnis ist überall Mittelmaß und in allen Arsenalen fehlt es an Gerät", sagte Arnold. Die Verteidigungsministerin müsse mit ihren Kollegen eine europäische Aufgabenteilung vereinbaren, entsprechend den jeweiligen nationalen Stärken. Bevor die Bundeswehr personell ausgebaut werde, müssten die Gerätebestände aufgefüllt werden. Der SPD-Abgeordnete kritisierte auch, dass die Bundeswehr viel zu stark bei ihrem Zivilpersonal gekürzt habe. Zu viele Uniformträger erledigten Aufgaben, die von Zivilisten günstiger und besser gemacht werden könnten.