Besonders die Hauptstadt wurde dabei zum Symbol der Krise. Zwar sind hier die Zelte, in denen Flüchtlinge untergebracht waren, inzwischen abgebaut. Doch sie stehen nun in den Hangars des ehemaligen Flughafens Tempelhof. Jeder Bewohner dort lebt nun auf zwei Quadratmetern. Zudem seien "Hygiene und Gesundheit nicht gewährleistet", sagt die Berliner Grüne Antje Kapek. Die Folge der großen Enge und der unzureichenden Bedingungen: Ende November kam es zu einer Massenschlägerei, so wie am selben Wochenende in zwei weiteren Berliner Unterkünften. Laut Polizei gingen Hunderte Menschen zum Teil mit Messern und Stangen aufeinander los. Solche Ausschreitungen häufen sich – und sie werden auch aus der Provinz gemeldet.

Die Schuldigen scheinen oft vorschnell die Flüchtlinge zu sein. So sah Berlins CDU-Innensenator Frank Henkel wegen der Schlägereien den "sozialen Frieden in Gefahr" und forderte härteres Durchgreifen. "Es gibt Regeln in unserem Land. Wer sich nicht daran hält, für den gibt es bei uns auch andere Unterkünfte. Mit verriegelten Türen und Fenstern." Kritisiert wurde Henkel dafür nicht nur von seinem Koalitionspartner SPD. "Das Problem ist, dass wir so viele Menschen in Riesenhallen unterbringen und sich selbst überlassen. Sie bekommen keine Leistungen, wissen nicht, wann sie registriert werden. Da ist Gewalt programmiert. Massenunterkünfte sind keine Lösung", sagte Hakan Taş, Flüchtlingsexperte der Berliner Linkspartei.

Die 180 Seiten starke Studie der Bosch-Stiftung kommt zu einem ähnlichen Schluss: "Die Enge und fehlende Privatsphäre sowie das erzwungene Zusammenleben mit Personen, die unter Verfolgungserfahrungen und Traumatisierungen leiden, erzeugen eine massive psychosoziale Belastung."

Doch ist die Situation wirklich überall so schlimm? Und: Gibt es überhaupt Alternativen zu den Massenunterkünften?

"Bei der Unterbringung von Geflüchteten gibt es große Unterschiede", sagt Bernd Mesovic, stellvertretender Geschäftsführer von Pro Asyl. Gerade wenn Flüchtlinge aus den Erstaufnahmeeinrichtungen der Bundesländer in die Kommunen oder Landkreise kommen, sei die Situation "sehr differenziert" zu betrachten. "Mancherorts hat man verstanden, dass es auch anders geht", sagt Mesovic. Als Positivbeispiel nennt er den hessischen Landkreis Marburg-Biedenkopf. Schon vor einigen Monaten wurde die Willkommenskultur dort zu einer Miteinanderkultur – nicht nur auf dem Papier.

Private Wohnungen statt überfüllte Turnhallen

Der Landkreis zahlt allen Flüchtlingen einen Deutschkurs, es werden Kontakte zu Unternehmen aufgebaut, Betriebs- und Stadtbesichtigungen organisiert und es gibt ein gemeinsames Arbeitsmarktbüro. "Die Flüchtlinge von heute sind unsere Nachbarn und Vereinskameraden von morgen", gab der Kreisbeigeordnete Marian Zachow bereits vor Monaten die Richtung vor. Der Landkreis will dabei auch für sich werben: "Wir wollen die Menschen langfristig von Marburg-Biedenkopf begeistern", so Zachow. Deshalb wird weitgehend auf dezentrale Unterbringung gesetzt, denn "Massenunterkünfte begünstigen Ausgrenzung".

Ähnlich sieht man das im niedersächsischen Landkreis Goslar. Nach kurzen Zwischenaufenthalten in Pensionen werden dort alle der derzeit 1.400 zugewiesenen Flüchtlinge in einer eigenen Wohnung untergebracht. Und ab kommendem Jahr soll es ein Integrationszentrum geben, in dem auch Deutschkurse angeboten und bezahlt werden. Was beide Landkreise gemein haben: Sie begreifen Flüchtlinge als Chance. Dennoch lassen sich ihre Konzepte nur mit Einschränkungen auf große Städte übertragen, denn dort mangelt es oft seit Jahren an bezahlbarem Wohnraum.

Und so fordert nicht nur Pro Asyl, sondern auch die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe seit Langem, den stark gesunkenen Bestand an Sozialwohnungen aufzustocken, besonders in attraktiven Ballungsgebieten. "Außerdem müssen bürokratische Hürden abgebaut werden", sagt Mesovic. Das betreffe etwa die Integration der Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt, vor allem aber ihre Unterbringung. "Flüchtlinge, die privat unterkommen können, werden trotzdem in Gemeinschaftsunterkünfte gesteckt."

Ende Oktober trat die von der Bundesregierung beschlossene Änderung des Asylgesetzes in Kraft. Die angestrebte Beschleunigung der Verfahren konnte bisher nicht erreicht werden. Dennoch müssen Asylbewerber nun sechs statt bisher drei Monaten in den Erstaufnahmeeinrichtungen der Länder bleiben. Eigentlich verwunderlich, denn die Studie der Robert-Bosch-Stiftung kommt nicht nur zu dem Schluss, dass Gemeinschaftsunterkünfte die Isolation begünstigen, sondern auch, dass sie "die für den Staat teurere Variante der Flüchtlingsunterbringung" seien.