Bekommt er Applaus? Wird er freundlich empfangen? Oder werden sich die Delegierten auf dem CDU-Parteitag bei Horst Seehofer revanchieren für den unfreundlichen Empfang der Kanzlerin vor drei Wochen auf dem CSU-Parteitag? Das haben sich viele gefragt, bevor der CSU-Chef am Vormittag die Bühne in Karlsruhe betrat. Doch die Sorgen waren unbegründet: Die Delegierten begrüßten ihn mit kurzem Applaus, nur ein Pfiff war aus dem Saal zu hören. Seehofer bedankte sich für den "für meine Verhältnisse freundlichen Empfang".

Der CSU-Chef stimmte einen freundlichen, ruhigen Ton an, versuchte den ein oder anderen Scherz und versicherte Merkel, seine Partei unterstütze die CDU, wo sie nur könne. Weiter gehe er von der gemeinsamen Grundüberlegung aus, dass die Union-Anhänger erwarteten, "dass wir das gemeinsam als CDU und CSU schaffen".

Er gratulierte der CDU und Merkel zu dem einmütigen Beschluss zur Flüchtlingspolitik am gestrigen Montag. Die CDU lehnt die von Seehofer geforderte Obergrenze für die Aufnahme von Flüchtlingen ab. In Anspielung auf die demonstrative Unterstützung der Delegierten für ihre Parteichefin sagte Seehofer an Merkel gerichtet, ein Pressespiegel wie der vom Dienstag sei ihm in seiner "ganzen Karriere noch nie vergönnt" gewesen.

Man habe ihm gesagt, er könne auch über ein anderes Thema als die Flüchtlingskrise sprechen, sagte Seehofer. Dennoch nahm das Thema einen Großteil seiner Rede ein. 650.000 Flüchtlinge seien seit August in Bayern gezählt worden. "Wir haben sie versorgt, untergebracht und in Deutschland weiter verteilt", sagte Seehofer. Er dankte allen Helfern, die in den vergangenen Monaten "faszinierende Arbeit" geleistet hätten. Finanzminister Wolfgang Schäuble dankte er "mit großer Liebenswürdigkeit" für die finanzielle Hilfe vom Bund – und erntete dabei Lachen aus dem Saal und Schäuble selbst. Die Delegierten straften ihn streckenweise aber auch mit Stille, zeitweise mit Missachtung.

Bayern habe in der Flüchtlingskrise eine "erstklassige Visitenkarte der Mitmenschlichkeit abgeliefert", sagte Seehofer. "Wer bei uns leben will und kann, der muss mit uns leben wollen und nicht neben uns oder gegen uns." Dies sei eine wichtige Voraussetzung. Die Leitanträge von CDU und CSU zeigten ein hohes Maß an Übereinstimmung. "Aber wir haben noch verdammt viel zu arbeiten", sagte Seehofer.

Er sei immer noch der Meinung, dass die Zahl der Flüchtlinge begrenzt werden müsse. Ohne auf den Streit über Obergrenzen näher einzugehen, sagte Seehofer, er sei sehr froh, dass er in dem verabschiedeten Leitantrag der CDU lese, "die CDU sei entschlossen, den Zuzug von Asylbewerbern und Flüchtlingen durch wirksame Maßnahmen spürbar zu verringern".

"Kontingent, Obergrenze, (…) Rückführung, Reduzierung – da können wir jetzt Sprachwissenschaftler einsetzen, die uns genau den Unterschied erläutern", sagte Seehofer. Das werde aber in der Bevölkerung niemanden interessieren. "Die Bevölkerung interessiert allein die Tatsache, ob es uns gelingt, die Flüchtlingszahlen spürbar zu reduzieren. Und ob uns das nicht irgendwann, sondern in einem überschaubaren Zeitraum gelingt." Die Lösung von Problemen sei auch der beste Schutz vor Rechtsradikalismus.

Den größten und längsten Applaus erhielt Seehofer, als er Merkel für ihre Verdienste lobte: "Wir haben eine exzellente Kanzlerin", sagte der CSU-Chef. Ihre Arbeit sei anerkannt in der Welt, in Deutschland – und im Freistaat Bayern.

Eklat in München wiederholt sich nicht

CDU-Generalsekretär Peter Tauber hatte bereits angekündigt, die CDU werde Seehofer freundlich empfangen. "Wir haben gestern viel über Integration geredet und über Leitkultur und nach unserem Verständnis ist es Teil deutscher Leitkultur, Gäste freundlich zu begrüßen und natürlich wird Horst Seehofer freundlich empfangen", sagte Tauber im ARD-Morgenmagazin. Jetzt sei es wichtig, dass die Union gemeinsam an Aufgaben arbeite. "Der bayerische Löwe mit allen anderen zusammen", sagte Tauber.

Der Streit über Obergrenzen für die Aufnahme von Flüchtlingen war in den vergangenen Wochen zentrales Thema zwischen den Unionsparteien. Die CSU setzt sich für eine national festzulegende Höchstzahl ein, Merkel lehnt dies strikt ab. Für ihre Haltung erhielt sie am gestrigen Montag eine überwältigende Zustimmung der CDU-Delegierten.

Beim Parteitag der CSU vor drei Wochen in München hatte Merkel die Schwesterpartei mit der Forderung nach einer Obergrenze abblitzen lassen. Auf offener Bühne kam es zum Eklat. Seehofer widersprach Merkel ausdrücklich: "Wir haben diese große Bitte und Forderung, dass wir weiterreden über Obergrenzen." Und: "Wir sehen uns zu diesem Thema wieder." Fast klang es wie eine Drohung. Merkel hörte Seehofer damals mit finsterer Miene und verschränkten Armen zu, verließ schließlich ohne weiteren Gruß den Saal durch einen Nebeneingang.