Kurz vor elf Uhr passiert es: Der Verfassungsschützer Hans-Joachim H. will seine Mercedes-Dienstlimousine wenden, da rammt er den Peugeot 206 einer älteren Dame. Der Parkplatz hinter der Post ist eng, das Gedränge groß an diesem frostigen Novembermorgen. Autos rangieren aus den Parkbuchten, drängen vorbei an der Paketstation und einer Bratwurstbude zurück auf die Straßenkreuzung in Saarbrücken-Dudweiler. Die Polizei protokolliert wenig später einen "leichten Schaden am vorderen Stoßfänger/Kotflügel" des Kleinwagens.

Eine Bagatelle, wie sie jeden Tag hundertfach passiert. Doch drei Jahre später hat der Blechschaden das Bundesverfassungsgericht erreicht. Das belegen vertrauliche Unterlagen aus dem NPD-Verbotsverfahren, die ZEIT ONLINE einsehen konnte. Der Zusammenstoß versetzte sogar die Prozessbevollmächtigten des Bundesrates für das NPD-Verbotsverfahren in Aufregung.

Zu verdanken ist der ganze Wirbel einem Rechtsanwalt aus Saarbrücken, der kürzlich 30 Jahre alt geworden ist: Peter Richter, Vize-Landesvorsitzender der NPD im Saarland und Anwalt seiner Partei für das Verfahren in Karlsruhe. Ein kleiner Mann mit eckiger Metallbrille, Dreitagebart und Borstenhaarschnitt. Man könnte ihn für einen Informatikstudenten halten, wenn er sich nicht diesen schwarzen Anzug angezogen und eine nachtblaue Krawatte umgebunden hätte. Im kommenden März erwartet den jungen Juristen die ganz große Bühne: Drei Tage lang werden acht Verfassungsrichter in Karlsruhe vor internationalem Publikum über die Verfassungsfeindlichkeit der NPD verhandeln – und Peter Richter darf als Prozessbevollmächtigter für seine "Mandantin" sprechen, wie er die Neonazitruppe vornehm nennt.

Seit Monaten nutzt der junge Jurist jeden erdenklichen Kniff, um den Verbotsantrag gegen seine Partei zum Scheitern zu bringen. Das ist wenig erstaunlich, schließlich hat die NPD ihn dafür engagiert. Und so schlachtet er auch den Blechschaden für das Verfahren aus, obwohl der lange vor dem Verbotsantrag passierte. Doch das Verbotsverfahren ist ein derart heikles Projekt, dass die Antragsteller selbst auf solche dreisten Winkelzüge des jungen Mannes von der NPD nervös reagieren.

Vertrauliche Akten aus dem Verbotsverfahren dokumentieren wochenlange Streitereien unter den Antragstellern über die Vorsichtsmaßnahmen im Umgang mit Peter Richter: Wäre es nach den renommierten Rechtswissenschaftlern Christoph Möllers und Christian Waldhoff von der Berliner Humboldt-Universität gegangen, die den Bundesrat in Karlsruhe vertreten, dürfte der Verfassungsschutz sicherheitshalber nicht mal mehr Zeitungsartikel über den NPD-Juristen lesen. Sonst, warnten die Professoren, würden sich die Antragsteller im Verbotsverfahren "eine offene Flanke einhandeln".

Denn Richters Strategie ist klar: Der NPD-Anwalt will den Verdacht nähren, dass der Staat ihn ausspäht – und damit die Prozessstrategie seiner Partei. Sollte ihm das gelingen, könnte auch das zweite NPD-Verbotsverfahren platzen. Scheitert der Plan, ist es zumindest für Richter nicht weiter schlimm. Denn die mündliche Verhandlung im März in Karlsruhe wird ihm eine Aufmerksamkeit bringen, wie sie seit Horst Mahler vermutlich kein rechtsextremer Jurist mehr genossen hat. Egal wie es ausgeht, das Verbotsverfahren ist für ihn ein Geschenk.

Einige Vorwürfe, die Richter in seinen Schreiben ans Bundesverfassungsgericht erhebt, lesen sich wie Verschwörungstheorien. So behauptet der Anwalt, der Auffahrunfall im November 2012 hinter der Post in Saarbrücken-Dudweiler sei ein Indiz für eine "nachrichtendienstliche Überwachung" seiner Person.