ZEIT ONLINE: Deutschland will Aufklärungstornados in den Kampf gegen den IS nach Syrien schicken, in ein Land, in dem ein sehr komplexer Mehrfrontenkrieg herrscht. Ist das nicht sehr riskant?

Markus Kaim: Das werden wir erst in einigen Monaten beurteilen können. Nach den bisherigen Planungen ist der Einsatz weit von einer Kampfrolle entfernt. Die einzige Gefahr ist, dass man nicht genau weiß, ob der IS über Boden-Luft-Raketen verfügt. Da er sie bisher nicht gegen die Kampfflugzeuge der Koalition eingesetzt hat, liegt der Schluss nahe, dass er keine solchen Raketen hat, um die Tornados abzuschießen. Von daher halte ich die Gefahr für überschaubar.

ZEIT ONLINE: Auslöser und Grund für den Einsatz ist Solidarität mit Frankreich. Aber erkennen Sie auch das Ziel des Einsatzes?

Kaim: Es gibt natürlich ein militärisches Ziel, den IS zu besiegen oder zumindest bis zu dem Punkt zu schwächen, dass er keine Anschläge mehr verüben kann. Ein Militäreinsatz kann aber nur soweit erfolgreich sein, wie er einem politischen Ziel folgt. Und da gibt es noch eine Menge Fragezeichen.

ZEIT ONLINE: Nämlich welche?

Kaim: Zugespitzt gesagt: Das Schlimmste, was der Anti-IS-Koalition passieren kann, ist, dass sie sehr schnell siegreich sein sollte. Dann stünde nämlich die Frage an, was passiert mit den Regionen, aus denen der IS verdrängt wurde? Fallen die einfach an das syrische Regime zurück, legen sie den Keim für einen Kurdenstaat oder werden sie einem internationalen Protektorat zum Schutz der Zivilbevölkerung unterstellt? Da sehe ich noch überhaupt keinen Konsens und keine Anstrengungen in der Anti-IS-Koalition, sich zu einigen.

ZEIT ONLINE: Was verbindet denn eigentlich diese Koalition?

Kaim: Der Minimalkonsens, gegen den IS vorzugehen. Die ordnungspolitischen Vorstellungen liegen weit auseinander. Das wird am deutlichsten in der Frage: Wie geht es weiter mit Präsident Assad?

ZEIT ONLINE: Lässt sich der IS überhaupt mit Luftangriffen allein bekämpfen oder gar besiegen?

Kaim: Ich glaube nicht. Die Empirie spricht nicht dafür. Seit mehr als einem Jahr erleben wir die Luftangriffe auf Stellungen des IS – bislang ohne den angestrebten Erfolg. Der IS musste einige Stellungen räumen, an manchen Abschnitten wurde er geschwächt. Aber entscheidend zurückgeschlagen wurde er bei weitem nicht. Deshalb kann man die These aufstellen: Weshalb eine Strategie fortsetzen, wenn sie keinen Erfolg hat?

"Wann man den IS besiegen will, kommt man an Bodentruppen nicht vorbei"

ZEIT ONLINE: Also müssen Bodentruppen her?

Kaim: Ja. Wenn man eine territoriale Einheit wie den IS besiegen will, kommt man an Bodentruppen nicht vorbei.

ZEIT ONLINE: Aber wer soll sie stellen? Der Westen will partout nicht, abgesehen von Eliteeinheiten, die US-Präsident Obama jetzt schicken will. Wer dann?

Kaim: Grundsätzlich wäre eine regionale Lösung vorstellbar, also zum Beispiel eine gemeinsame Armee unter Führung der Arabischen Liga. Angesichts der Zerrissenheit der arabischen Welt, die am Beispiel Syrien besonders deutlich wird, ist das aber unvorstellbar. So bleibt nur, da auch ein internationales Engagement ausscheidet, lokale Kräfte auszurüsten. Das sind auf syrischer Seite die Kurden und gemäßigte Rebellen, auf irakischer Seite die Kurden und sunnitische Milizen.

ZEIT ONLINE: Wäre es aus Ihrer Sicht eine Option, syrische Regierungstruppen von Assad einzubinden, wie es der französische Außenminister Fabius vorgeschlagen und auch Verteidigungsministerin von der Leyen angedeutet hat?

Kaim: Davon halte ich überhaupt nichts. Das würde den fragilen Beginn der Wiener Verhandlungen über eine Lösung des Syrien-Konflikts gleich wieder kaputt machen. Bedingung dafür war, dass die Opposition irgendwie mit an den Verhandlungstisch gebracht wird. Den würde sie aber sofort wieder verlassen, wenn sich abzeichnet, dass Assad und seine Truppen am Kampf gegen den IS beteiligt werden sollen.

ZEIT ONLINE: Und wenn bei den Verhandlungen ein Übergangsprozess in Damaskus vereinbart wird?

Kaim: Das wäre die einzige Bedingung, unter der ich mir das vorstellen könnte. Also eine Verbindung des Kampfes gegen den IS mit der schrittweisen Ablösung von Assad. So hat das übrigens auch Fabius gemeint, das ist aber in der Diskussion untergegangen.