Zwei Dinge machen einen Mann zum Araber: Sprache und Abstammung. "Die den Buchstaben dad benutzen", nannte sich 1911 folgerichtig die erste panarabische Vereinigung. Mein Arabisch ist nicht perfekt; aber das dad, einen extrem emphatischen D-Laut, kann ich richtig aussprechen.

Und als ich ein kleiner Junge war, da bimste mir mein Großonkel in jedem Sommerurlaub die Namen meiner Vorfahren ein, nur zur Sicherheit: Yassin Nazih Farid Bedeiweh Sliman Mubarak Ibrahim Jaqub Inad Salim... zehn Generationen. Alles Araber.

Und alles Männer. Denn das Arabertum wird natürlich über die männliche Linie vererbt. Deshalb spielt es auch keine Rolle, dass meine Mutter Deutsche ist. Jedenfalls in Jordanien. So etwas kommt schließlich in den besten Familien vor. Mit meiner Ausstattung als Halb-Araber stehe ich zum Beispiel dem jordanischen König kaum nach. Seine Mutter, Prinzessin Muna al-Hussein, wurde als Antoinette Avril Gardener und als Britin geboren.

Wenn ich in Jordanien bin und Arabisch spreche, werde ich trotzdem gelegentlich gefragt, ob ich vielleicht Tscherkesse sei. Tscherkessen stammen aus dem Kaukasus, im 19. Jahrhundert flohen viele von ihnen in den Nahen Osten. In Jordanien haben sie oft hohe Posten inne, stellen einen Teil der königlichen Leibgarde. Sie sprechen längst Arabisch, sehen jedoch oft unverkennbar europäisch aus.

So wie ich.

Mehr zur Debatte nach den Angriffen in Köln finden Sie in der ZEIT Nr. 3 vom 14.01.2016 mit dem Titel „Wer ist der arabische Mann?“

Ich bin also ein Undercover-Araber: Weder Araber noch Deutsche erraten aufgrund meines Aussehens je, dass ich Araber bin. (Meinetwegen auch: Halb-Araber bin. Oder: Neben deutschen auch arabische Wurzeln habe.)

In Jordanien ist die Reaktion auf diese Überraschung fast immer freundlich und neugierig. In Deutschland ist sie es oft. Manchmal aber auch nicht. Und gelegentlich folgt auf die Offenlegung ein peinliches Schweigen.

Nirgendwo bin ich derweil häufiger und geballter mit Ressentiments über Araber konfrontiert worden als in Berliner Taxis. Vor zwei Jahren war ich auf dem Weg zu einem Termin beim Bundesnachrichtendienst. "Der BND, was für Idioten", sagte der Taxifahrer. "Statt dass die diese Araber alle ausweisen, machen die gar nix!" Sodann setzte er zu einer die gesamte Fahrt über andauernden Tirade gegen alle Araber im Allgemeinen und die in Deutschland im Besonderen an. Lügner, Kriminelle, Frauenverachter, Terroristen.

Vor etwa einem Jahr stieg ich in ein anderes Berliner Taxi und nannte eine schwierig zu findende Adresse als Ziel. "Seien Sie froh, dass Sie nicht bei einem Araber eingestiegen sind!", begrüßte mich der Fahrer; der Rest der Fahrt: siehe oben.

Was tun? In beiden Fällen habe ich nichts gesagt, sondern bin an der letzten roten Ampel vor dem Ziel ohne zu bezahlen ausgestiegen. Mit dem Hinweis: "Sorry, bin halt Araber!"

In anderen Fällen, wenn ich weniger auf Krawall gebürstet war, wenn ich meine Ruhe haben wollte, wenn ich einfach keine Lust hatte, mich zu offenbaren, habe ich stattdessen nachgesehen, ob ich noch genug Bargeld habe, weil ja auch auf der EC-Karte mein Name steht.

Muss man, muss ich jedes Mal etwas sagen? Nein, muss ich nicht. Ich bin kein Ausstellungsstück. Aber es ist schon interessant zu erfahren, was manche Menschen glauben sagen zu können, wenn sie überzeugt sind: Der, den sie meinen, ist nicht im Raum.

Manchmal ist es übrigens auch andersherum so. Neulich hörte ich in der S-Bahn, wie ein Syrer zu einem anderen Syrer sagte, die Deutschen seien dämlich und einfach zu bescheißen. Ich habe mich nicht eingemischt, aber ich habe auf Arabisch halblaut "Pass bloß auf!" gezischt, direkt danach laut geniest und die Verwirrung in den Gesichtern genossen.

Ich betrachte es generell als einen guten Ausweg, Verwirrung zu stiften. Soll sich keiner zu sicher sein, man sei ja "unter sich".

Mehr zur Debatte nach den Angriffen in Köln finden Sie in der ZEIT Nr. 3 vom 14.01.2016 mit dem Titel "Wer ist der arabische Mann?" Die aktuelle ZEIT können Sie am Kiosk oder hier erwerben.