Wenn auf dem Stuttgarter Killesberg zum Duell zwischen den Spitzenkandidaten von CDU und Grünen gerufen wird, rückt die Zivilgesellschaft in Bataillonsstärke an. 2.000 Leute passen ins Theaterhaus der baden-württembergischen Landeshauptstadt, und die Parteien haben Karten im Block gekauft. Es wird gejohlt, getrampelt und wild geklatscht.

Die Landtagswahl am 13. März gilt vielen Bürgern auch als Urteil über das eigene Engagement, den eigenen Lebensstil.

Der Spitzenkandidat der baden-württembergischen CDU, Guido Wolf, hat es nicht leicht. Der Jurist und frühere Landtagspräsident tritt nicht nur gegen den nach Umfragen mit 69 Prozent Zustimmung beliebtesten Ministerpräsidenten der Republik, den Grünen Winfried Kretschmann, an. Er wahlkämpft auch gegen eine der größten Krisen der CDU, die sich in der Flüchtlingspolitik ihrer Kanzlerin zerfleischt, ihr weder folgen, noch sich von ihr lossagen kann. Schon fallen die Umfragewerte der CDU auch in Baden-Württemberg.

Immer wieder wird Wolf an diesem Abend von den zwei Moderatoren und SWR-Honoratioren gefragt, was er denn anders machen würde. In der Flüchtlingspolitik: "die Residenzpflicht wieder einführen". "Auf Sachleistungen umstellen." Und, wenn die europäischen Nachbarn nun einmal ihrerseits dicht machten, so wie jetzt Österreich, dann müsse eben auch die Bundesrepublik "schauen, wie sie ihre Grenze sichert".

Der CDU-Kandidat hätte auch die Widersprüche und Ungereimtheiten der grünen Flüchtlingspolitik aufspießen können, aber auf die Spannung zwischen kommunalen Unterbringungssorgen und der Flüchtlingssolidarität, zwischen Feminismus und Willkommenskultur ging Wolf gar nicht ein. Angesprochen auf die Übergriffe in der Silvesternacht auf dem Kölner Hauptbahnhof, die früher für jeden baden-württembergischen CDU-Spitzenkandidaten eine Steilvorlage gewesen wären, konnte sich Wolf zu keinem klaren Statement durchringen. Während der CDU-Politiker in dürren Worten über "Fragen in der Bevölkerung" redete, war es dann an Kretschmann, von "Horden junger Männer" zu sprechen, die schon vorher Kriminelle gewesen seien, und die Verschärfung des Sexualstrafrechts zu begrüßen.

Die Grünen haben es mit Alf gehalten

Vor fünf Jahren war die Wahl eines Grünen zum Ministerpräsidenten des Wirtschaftswunderlandes Baden-Württemberg ein Kulturschock, der sich einer Katastrophe verdankte – dem Reaktorunglück von Fukushima. Das instinktschwache Agieren des früheren CDU-Regierungschefs Stefan Mappus im Umgang mit Bürgerprotesten gegen Stuttgart 21 tat das Seine. Mit fassungslosem Erstaunen musste die seit Menschengedenken im Ländle regierende CDU mit ansehen, wie ihre Macht erodierte – wie immer mehr Wirtschaftsführer mit den Schmuddelkindern von einst die Versöhnung von Ökologie und Ökonomie begossen.

Diese überraschende Union ist Kretschmanns ganzer Stolz. Was auch damit zu tun haben könnte, dass die baden-württembergischen Grünen, bekannt für ihre ökolibertäre Tradition, es in Sachen Wirtschaftspolitik einfach mit dem Motto von Alf gehalten haben: "If it ain't broke, don't fix it."

Sein Konkurrent von der CDU versuchte sich also kurz an den Aufregern Gemeinschaftsschule, ideologische Verkehrsführung (Fahrradwege) und konservative Familienpolitik. Eine kurze, leicht heimtückisch wirkende Nachfrage nach der eigenen Familie brachte auch diesen Quell schnell zum Versiegen: Wolfs Frau, eine Unternehmerin, zeigt sich selten mit ihrem Mann bei den üblichen Anlässen.