Bei ihrem letzten Besuch bei der Schwesterpartei musste sich Angela Merkel von Horst Seehofer ausschimpfen lassen. Auf dem CSU-Parteitag im November stand die Kanzlerin in ungewohnter Pose, schmallippig und die Arme vor der Brust gekreuzt, neben Seehofer, als der ihre Flüchtlingspolitik niedermachte.Dieses Mal sieht es anders aus. Trotz des anhaltenden Streits um eine Obergrenze für den Zuzug von Flüchtlingen betonen die beiden Parteichefs auf der CSU-Klausurtagung der Landesgruppe in Wildbad Kreuth die Gemeinsamkeiten. Später werden viele Teilnehmer die sachliche Atmosphäre loben.

Am Mittag, drei Stunden bevor der Helikopter der Kanzlerin landet, gab sich der CSU-Chef versöhnlich: So groß sei der Graben in der Union nicht. "Die CDU hat auf ihrem Parteitag eindeutig für eine spürbare Reduktion der Flüchtlingszahlen geworben", ließ ein gut gelaunter Seehofer die Journalisten vor dem Tagungszentrum wissen. "Und was ist das anderes als eine Obergrenze?" Die Zahl von 200.000, die er, "im vollen Besitz meiner geistigen Kräfte", ins Spiel gebracht habe, sei "eher eine Orientierungsgröße aus den Erfahrungen der letzten Jahrzehnte".

Als dann wenige Stunden später die Kanzlerin zu einem knappen Statement vor die Mikrofone tritt, wieder ganz die Alte, in gewohnter Pose, verzichtet sie auf eine Retoure: "Wir haben einige unterschiedliche Positionen und das wird sich auch heute nicht ändern", sagt sie. "Aber CDU und CSU verbindet vieles." Sie strebe an, die Flüchtlingszahlen "spürbar zu verringern". Mit der CSU werde sie über Fluchtursachen sprechen, über die Krise in der Ukraine und die Wirtschaftspolitik – Konsens-Themen zwischen den Schwesterparteien.

Hinterbänkler melden sich zu Wort

Die CSU versteht es, die nachrichtenarme Zeit zwischen den Jahren zu nutzen und Schlagzeilen zu produzieren. In der Vergangenheit waren die Themen Ausländermaut oder Betreuungsgeld. Dieses Jahr stellte die Partei eine Reihe an Forderungen in der Einwanderungspolitik: Asyl nur mit gültigem Pass und Fußfessel für Islamisten. Kreuth sei immer eine "Kraftquelle für die CSU", sagt Landesgruppenchefin Gerda Hasselfeldt zur Eröffnung. War also alles nur Aufmerksamkeitshascherei vor der Tagung in Kreuth? Wohl kaum.

Klausur- und Parteitage sind traditionell auch Orte, an denen sich Hinterbänkler (vulgo: die Basis), welchen sonst die Medienmacht fehlt, Gehör verschaffen können. So werden auf den Fluren des ehemaligen Badehauses in den Bergen südlich des Tegernsees immer wieder Sätze gemurmelt wie: "Wir werden um eine Zurückweisung an der Grenze nicht herumkommen." Das werde sicher unschön, aber man müsse diese Bilder als Signal senden, sagt ein weiterer Tagungsteilnehmer. Ähnlich sieht das der Innenexperte der CSU im Bundestag, Stephan Mayer, im Interview mit der taz. Eine Katastrophe sei der Vertrauensverlust in die Politik, stänkert ein alteingesessenes Parteimitglied bewusst in Hörweite einer Journalistengruppe. "Viele trauen sich nicht mehr, auszusprechen, was sie wirklich denken."

Dass vieles von dem Getöse, das die CSU vor Kreuth veranstaltete, geltendes EU- und Verfassungsrecht verletzte und teils von Gerichten wieder kassiert wurde, störte das christsoziale Selbstbild bislang wenig. In der Flüchtlingsfrage müssen für die Christsozialen Ergebnisse her.