Tunesischer Flüchtling in Bautzen © Sean Gallup/Getty Images

Mit sorgenvoller Miene wird zur Zeit über Flüchtlinge aus Marokko und Algerien sowie Tunesien gesprochen. Schließlich sind unter den Tatverdächtigen von Köln junge Männer aus diesen Staaten. Außerdem klagt die Polizei in Nordrhein-Westfalen über kriminelle Straßengangs aus Nordafrika.

Zudem verzeichnet das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) seit dem Sommer einen deutlichen Anstieg von Asylbewerbern aus der Region. Bei den Erstregistrierungen gehörte Marokko im Dezember sogar zu den Top fünf unter den Herkunftsländern – nach den Bürgerkriegsregionen Syrien und Irak.

Die große Koalition überlegt nun, Marokko, Algerien und Tunesien zu sicheren Herkunftsstaaten zu erklären, die Union hat eine entsprechende Forderung bereits beschlossen. Der Asylantrag eines Flüchtlings aus diesen Ländern würde dann künftig als "offensichtlich unbegründet" gelten – im besten Fall könnten die Betroffenen also sehr schnell in ihre Heimatländer abgeschoben werden. Marokkaner und Algerier sollen künftig in bestimmten Lagern an der bayerischen Grenze untergebracht werden, in deren Nähe sie sich stets aufhalten müssten, so eine weitere Überlegung.

Erfolgsgeschichte Balkanstaaten?

Doch reduziert ein solches Vorgehen tatsächlich die Flüchtlingszahlen? Bei den Balkanflüchtlingen sei dies geschehen, lässt die Bundesregierung wissen. Vor genau zwölf Monaten nämlich registrierten Union und SPD ebenfalls mit Sorge einen Anstieg der Flüchtlingszahlen aus dem Kosovo, Serbien, Montenegro, Mazedonien, Albanien und Bosnien-Herzegowina: Dreimal so viele Menschen wie noch 2014 beantragten Asyl in Deutschland, insgesamt waren es 120.882 Personen. Doch während im März 2015 noch 11.729 Kosovaren einen Asylantrag stellten, waren es im Dezember nur noch 451. Der Grund: Im Herbst war das Land zum sicheren Herkunftsstaat erklärt worden.  

Diese schöne Erfolgsmeldung trifft aber nicht auf alle Balkanstaaten zu: Serbien gilt schon ein Jahr länger als sicheres Herkunftsland, doch die Zahl der Asylsuchenden aus diesem Staat sank im vergangenen Jahr nur um 0,7 Prozent. Serbien stand in der Jahresstatistik für 2015 weiterhin auf Platz sechs der Hauptherkunftsländer.

Gestritten wird außerdem darüber, ob eine pauschale Einstufung als sicher die Asylverfahren wirklich deutlich verkürzt. Im Schnitt spare das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge dadurch zehn Minuten pro Fall, sagt ein frisch pensionierter Asylentscheider ZEIT ONLINE. Er hat jahrelang über das Schicksal von Menschen aus sicheren Herkunftsländern befunden: Wenn diese Verfahren dennoch insgesamt schneller abgewickelt würden, liege das eher daran, dass sie prioritär behandelt – also anderen Asylverfahren vorgezogen – würden, sagt er. 

Für Asylverfahren von Marokkanern, Algeriern und Tunesiern gilt das allerdings schon jetzt. Das Bundesinnenministerium erteilte dem Bamf am Montag eine entsprechende Anweisung. Die Einstufung der betreffenden Staaten als sichere Herkunftsländer wäre dazu also nicht notwendig. Bisher dauert das Asylverfahren eines Marokkaners im Schnitt zehn Monate.

Straßenkinder und moderne Nomaden

Die jungen Männer, die der nordrhein-westfälischen Polizei derzeit Sorgen und jede Menge Ärger bereiten, sind ohnehin nur zum Teil als Asylbewerber in Deutschland registriert. Viele der Kriminellen, über die auch die Polizei NRW berichtet, leben dagegen seit Jahren illegal in Europa. Von "Berufskriminellen" und "Straßenkindern" ist die Rede, die sich hier bereits seit Jahren durchschlagen, moderne Nomaden, die von Land zu Land ziehen, auf der Suche nach einer Perspektive in Europa.

Über Südeuropa, Frankreich und Belgien seien viele nun in Nordrhein-Westfalen angekommen, berichtet der Ethnologe Martin Zillinger, der an der Universität Köln zur marokkanischen Migration in Europa forscht. Er sagt: "Viele dieser jungen Menschen stellen gar keinen Asylantrag, weil sie wissen, dass sie kaum eine Chance haben. Es kann aber sein, dass manche sich in letzter Zeit durch die Berichte über eine liberale Flüchtlingspolitik ermutigt fühlten, dies in Deutschland als eine Strategie neben vielen anderen auszuprobieren."

Sollte diese Strategie dann künftig wegen der Einstufung Marokkos und Algeriens zum sicheren Herkunftsland nicht mehr funktionieren, würden die jungen Männer, die laut Zillinger häufig Schulden hätten, abtauchen und sich andere Wege suchen, um das dringend benötigte Geld zu verdienen. In Deutschland wären sie dann immer noch.