Am Ende der gemeinsamen Pressekonferenz fragte ein Reporter die Bundeskanzlerin, ob sie sich denn aufgrund ihrer Haltung in der Flüchtlingsfrage gerade so einsam fühle, wie einige Publizisten behaupteten. Sie antwortete: "Ganz und gar nicht!" Der türkische Premierminister Ahmet Davutoğlu war sichtlich bemüht, ihr zur Seite zu springen; vielleicht auch ein wenig erfreut darüber, seine Großzügigkeit in dieser Sache zeigen zu dürfen. Sinngemäß sagte er: Nein, Deutschland und diese Bundeskanzlerin sind nicht allein. Wir sind jetzt da.

Es muss ein besonderer Genuss sein, nun als unentbehrlicher Partner gesehen zu werden – und das von der Frau, die mit der schwammigen Idee der "privilegierten Partnerschaft" die Türkei immer auf Abstand zur EU gehalten hat. Kurz zuvor hatte sich Davutoğlu bei der Bundeskanzlerin dafür bedankt, dass sie in der Flüchtlingsfrage eine humane Haltung gezeigt habe. In diesen Tagen ein seltenes Kompliment für Merkel, der ein rauer Wind entgegenschlägt – von den eigenen Leuten.

Diese demonstrative Annäherung und Harmonie waren das eigentlich Bemerkenswerte am Ende der ersten deutsch-türkischen Regierungskonsultationen. Die Türken wissen, dass sie das Schlüsselland bei der Lösung der Flüchtlingsfrage sind. Sie sollen ihre Grenzen besser sichern, damit die Zahl der Flüchtlinge, die es nach Deutschland schaffen, sinkt – und damit auch der Druck, der auf der Bundeskanzlerin lastet. Die Türkei soll auch den Flüchtlingen im Land eine bessere Perspektive bieten, etwa Schulbesuch für Kinder ermöglichen und Arbeitserlaubnisse ausstellen.

Westbindung ist wichtig für die Türkei

Die Türkei fühlt sich in dieser Frage stark, sehr stark. Die demonstrative Uneinigkeit der EU und die mangelnde Solidarität einiger Mitgliedsländer haben dazu beigetragen. Kurz nachdem im Sommer der Exodus Richtung Europa losging, sagte Staatspräsident Tayyip Erdoğan, dass die Europäer nicht einmal wenige Monate ausgehalten hätten, während sein Land seit Ausbruch des Krieges in Syrien zweieinhalb Millionen Syrer ins Land gelassen habe. Und er schaffte es, dass sich die mächtigste Frau Europas kurz vor der türkischen Neuwahl am 1. November auf absurd goldenem Sessel ablichten und von ihm vorführen ließ.

Prinzipiell ist es gut, dass die Türkei nun wieder enger an Europa gebunden wird. Und noch enger an Deutschland - gerade weil ihre Regierung immer mehr ins Autoritäre rutscht. Mehr als drei Millionen Menschen türkischer Abstammung leben in Deutschland, man kennt sich mittlerweile ganz gut. Deutsche machen nicht nur gern Urlaub an der türkischen Riviera, einige von ihnen leben da auch lieber als in ihrer Heimat. Man betreibt Handel miteinander, ja, und mittlerweile heiratet man einander auch.

Deutschland und Europa haben ein unbedingtes Interesse an einer stabilen Türkei, nicht nur wegen der Flüchtlinge, sondern auch wegen des Kampfes gegen den IS-Terror. Die Türkei ist ohne Zweifel wichtig für Europa. Nur: Warum tut die deutsche Bundeskanzlerin gerade so, als sei Europa, als sei Deutschland nicht auch wichtig für die Türkei? Und tut der Regierung in Ankara den Gefallen, die Probleme im Inneren des Landes so gut wie nicht anzusprechen? Warum macht man sich selbst so klein?

Es ist ja so: So viele Freunde hat die Türkei momentan nicht mehr. Die Russen arbeiten mit Hochdruck daran, die ehemals sehr guten Beziehungen zu Ankara einzufrieren, seit die Türken einen russischen Kampfjet abgeschossen haben. Der Iran? Zuletzt beschuldigte ein ranghoher Vertreter der Erdoğan-Partei AKP das Regime in Teheran, die PKK auf ihrem Boden zu beherbergen. Saudi-Arabien oder die Golfstaaten? Die Exporteure der IS-Ideologie des Wahhabismus und die mutmaßlichen Hauptfinanziers der Terrormiliz können wohl auch keine zukunftsträchtigen Partner sein, zumal nun auch die Türkei im Visier der Dschihadisten ist. Und Syrien? Die beiden Länder hatten einmal eine sehr enge, freundschaftliche Beziehung. Doch mit Ausbruch des Krieges hat Ankara Machthaber Assad zum Feind erklärt und befürwortet seinen Sturz.

Ägypten vielleicht? Dort haben Generäle den demokratisch gewählten Muslimbruder Muhammad Mursi, zu dem Ankara ebenfalls einen guten Draht hatte, ins Gefängnis geputscht. Mit dem neuen Machthaber herrscht Funkstille.

Merkel muss Probleme ansprechen

Kurz gesagt: In östlicher oder nördlicher Richtung sieht es mit verlässlichen Partnern für die Türkei nicht gut aus. Als der heutige Premierminister Davutoğlu noch Außenminister war, lautete seine Devise: null Probleme mit den Nachbarn. Aus der Null ist inzwischen ein "nur" geworden. An wen also als an den Westen und die EU könnte sich das Land sonst anbinden? Es gibt nicht mehr so viele Möglichkeiten.

Daran könnte sich die Bundeskanzlerin das nächste Mal vielleicht erinnern, bevor sie sich auf einen goldenen Sessel platzieren lässt. Mit diesem Wissen könnte sie auch deutlicher, als sie es heute gemacht hat, die innenpolitischen Probleme der Türkei ansprechen: Sie könnte dazu motivieren, die einmal begonnenen Friedensverhandlungen zwischen dem türkischen Staat und der kurdischen Bewegung wieder aufzunehmen; sie könnte kritisieren, dass bei den kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen dem türkischen Militär und der PKK Zivilisten sterben; sie könnte fragen, ob es da nicht andere Möglichkeiten gebe, als mit Panzern vorzurücken, wo Menschen wohnen. Sie könnte die Erosion der Gewaltenteilung ansprechen; den Druck auf missliebige Journalisten und Regierungskritiker, auf die Opposition, jetzt auch auf Wissenschaftler – denn: Welche gesellschaftlichen Akteure sollen denn das Land zukünftig intellektuell an Europa binden helfen, wenn nicht die westlich eingestellten, säkularen, innovationsfreundlichen Kräfte?

Es ist viel verlangt von der Kanzlerin, ja, auch das noch. Aber so macht man das unter Partnern, die sich ernst nehmen: Man spricht Probleme an. So wie bei Polen oder Ungarn, nur, dass die in der EU sind Sogar Staatspräsident Erdoğan tut das aus seiner Perspektive bei seinen häufigen Besuchen in Deutschland dies in gefüllten Stadien. Die Türkei ist nicht Russland oder China. Hier gibt es eine kritische Masse an kräftigen, lauten Stimmen der Demokratie. Und das Versprechen darauf.

Die Bundeskanzlerin würde damit einem nicht unwichtigen Teil der türkischen Zivilgesellschaft helfen und auch ihre eigene Position ein wenig stärken – gegenüber all jenen, die nun von einem "dreckigen Deal" sprechen.