CSU-Chef Horst Seehofer will kommende Woche nach Moskau reisen, um Russlands Präsident Wladimir Putin zu treffen. Das Vorhaben sorgt schon jetzt für neuen Unmut in der großen Koalition. "Seehofer hat sich in der Flüchtlingsdebatte eindeutig gegen die Bundeskanzlerin positioniert – ich hoffe, dass er die Reise unterlässt", sagte der CDU-Außenpolitiker Roderich Kiesewetter der Welt am Sonntag. "Russland kooperiert mit rechtsradikalen Parteien – auch bei uns in Deutschland. Wenn Seehofer fährt, muss er die Russen mahnen, die hybride Informationsfälschung und die verdeckte Finanzierung von rechtsradikalen Netzwerken einzustellen."

Ähnlich alarmiert zeigte sich der Koalitionspartner SPD. "Die Außenpolitik wird in Berlin gemacht, nicht in München", sagte der außenpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Niels Annen, der Zeitung. "Ich hoffe, dass Herr Seehofer nach seiner Reise nicht den nächsten Brief an Frau Merkel schreibt – diesmal in Sachen Russland-Politik."

Seehofer will am Donnerstag reisen. Sein Besuch sei mit Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) und Kanzlerin Angela Merkel abgesprochen: "Wir werden das sehr, sehr verantwortlich machen." Die ganzen Brandherde um Europa herum seien ohne Russland nicht zu lösen. Der Besuch in Moskau sei vor allem durch die guten traditionellen Beziehungen Bayerns mit Russland motiviert, auch durch die breiten wirtschaftlichen Beziehungen.

Neben den Krisen in der Ukraine und in Syrien werden die deutsch-russischen Beziehungen derzeit auch durch den Fall Lisa belastet: Die angebliche Entführung und Vergewaltigung eines russlanddeutschen Mädchens in Berlin hatte in Russland für Empörung gesorgt. Russische Medien unterstellten den deutschen Behörden, nicht ausreichend zu ermitteln. Aus Gründen der politischen Korrektheit werde die Vergewaltigung Lisas durch Migranten vertuscht, so die Legende.

In Deutschland kam es durch diese Berichterstattung zu mehreren Demonstrationen von Menschen mit russischen Wurzeln. Auch Russlands Außenminister Sergej Lawrow schloss sich den Vorwürfen gegen deutsche Behörden an. Steinmeier hatte daraufhin Lawrow Einmischung in innerdeutsche Angelegenheiten vorgeworfen und von Propaganda gesprochen.

Nach Angaben der Staatsanwaltschaft gibt es keine Anzeichen für eine Entführung oder Vergewaltigung des Kindes. Lisa habe die Straftat erfunden, inzwischen sei klar, dass sie zum Zeitpunkt der angeblichen Entführung bei einem Freund übernachtet habe.

Die Opposition reagierte auf Seehofers geplante Moskaureise mit Spott. "In Putin trifft Seehofer einen Gleichgesinnten", sagte der Grünen-Außenpolitiker Jürgen Trittin: "Der eine organisiert in der Union den Widerstand gegen eine humane Flüchtlingspolitik. Der andere mobilisiert über sein Propagandanetzwerk Hunderte von Russlanddeutschen zu feindseligen Demos vor deutschen Flüchtlingsheimen."