Der Bundestag hat anlässlich des 71. Jahrestags der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz in einer Gedenkstunde der Opfer des Holocaust gedacht. Bundestagspräsident Norbert Lammert erinnerte vor allem an das Schicksal von Millionen Zwangsarbeitern.

Eine von ihnen war die Wissenschaftlerin und Schriftstellerin Ruth Klüger. Die heute 84-Jährige überlebte das Konzentrationslager Auschwitz und anschließende Zwangsarbeit im Lager Christianstadt. "Der Winter 44/45 war der kälteste meines Lebens", sagte Klüger in ihrer Rede im Bundestag. "Wir haben den Wald gerodet, Holz gehackt, Schienen getragen. Es sollte wohl irgendwas gebaut werden. Was, wurde uns nicht gesagt." Das Projekt sei niemals fertiggestellt worden.

Kaum Nahrung, ständige Kälte, harte Arbeit im Steinbruch oder im Wald: Ruth Klüger beschrieb die harten Bedingungen im Lager. "Nach Kriegsende wollte im Dorf niemand gewusst haben, was in den Lagern vor sich ging."

Klüger erinnerte auch an das Schicksal der Zwangsprostituierten. "In manchen KZs gab es Sonderbaracken, die gewissen bevorzugten Häftlingen zur Verfügung standen." Draußen hätten die Männer Schlange gestanden, drinnen seien die Frauen zum Sex gezwungen worden. "Diese Frauen wurden später nicht als Zwangsarbeiterinnen eingestuft und hatten keinen Anspruch auf Entschädigung", sagte Klüger. "Wenn wir heute der Zwangsarbeit gedenken, müssen wir sie mit einschließen."

Lob für deutsche Flüchtlingspolitik

Am Ende ihrer Rede kam Klüger, die heute in den USA lebt, auf ihr Bild von Deutschland zu sprechen: "Ich bin eine der vielen Außenstehenden, deren Haltung von Verwunderung zu Bewunderung umgeschlagen ist." Das Land habe heute den Beifall der Welt gewonnen, dank seiner offenen Grenzen und des Umgangs mit Flüchtlingen. "Trotz Hindernissen und Ärgernissen bleibt es bei 'Wir schaffen das'."

Lammert hatte zuvor in seiner Begrüßungsrede gesagt, die Auseinandersetzung mit dem von Deutschland begangenen Unrecht bleibe "grundlegend für unser Land". Obwohl Zwangsarbeit ein Massenphänomen gewesen sei, sei vieles erst in den 1980er Jahren ans Licht gekommen. "Aber Zwangsarbeit fand vor den Augen aller statt", sagte Lammert.

Im Juni 1944 hätten zivile Zwangsarbeiter und Häftlinge ein Viertel aller Arbeiter im Deutschen Reich gestellt, sagte Lammert. Sie arbeiteten für Großkonzerne, Handwerker, Kirchen, städtische Betriebe, im Bergbau und in Privathaushalten. Mehr als 13 Millionen Menschen mussten innerhalb der Grenzen des Deutschen Reichs Zwangsarbeit leisten.

Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) leitete aus der Erinnerung an die Verbrechen der Nazis eine Verpflichtung zur Hilfe für Kriegsflüchtlinge ab. "Es ist nicht nur ein Gebot von humanistischer Solidarität und christlicher Nächstenliebe, sondern auch eine Lehre aus der Geschichte, dass wir heute Menschen, die vor Krieg und Terror aus ihrer Heimat fliehen müssen, helfen und ihnen und ihren Familien Schutz bieten", sagte er.

Jeweils am 27. Januar wird weltweit der Opfer des Holocaust gedacht. Das Datum erinnert an die Befreiung der überlebenden Häftlinge des größten NS-Konzentrationslagers Auschwitz durch sowjetische Truppen am 27. Januar 1945. In Deutschland wird seit 1996 der Millionen Opfer gedacht, im November 2005 verabschiedete die Vollversammlung der Vereinten Nationen eine Resolution, die den 27. Januar zum weltweiten Gedenktag machte.

Das Konzentrationslager Auschwitz bei Krakau wurde 1940 errichtet. Dort wurden etwa 1,5 Millionen Menschen, die meisten davon Juden, sowie viele Tausend Sinti und Roma ermordet.