Geht es nun wieder los? Das haltlose Gerede über den Islam, das Schwadronieren über Machotum und Muslime, das Sarrazinieren? Die Attacken auf Frauen in Köln und anderen Städten in der Silvesternacht haben eine irre Debatte angefacht, in der mal wieder alles durcheinandergeht. Sexuelle Belästigung, der Islam, Taschendiebstahl, Männlichkeitskultur. Kristina Schröder twitterte, dass wir uns mit "gewaltlegitimierenden Männlichkeitsnormen" in der islamischen Kultur auseinandersetzen müssen. Lässt sich das aus Köln ableiten? Islam gleich Macho gleich Gewalt? Waren wir darüber nicht schon hinweg?

Ich habe mit meiner Familie sechs Jahre in Istanbul gelebt, und wir hatten selbst so unsere Integrationsschwierigkeiten mit einigen türkischen Gepflogenheiten. Wir ärgerten uns, wenn bärbeißige Taxifahrer die Fahrwünsche meiner Frau ignorierten und erst auf uns hörten, wenn ich was sagte. Wir waren alarmiert, als unser kleiner Sohn aus dem türkischen Kindergarten kam und zu meiner Frau sagte: "Aber Mama, Du kannst doch gar nicht der Chef sein, Du bist doch eine Frau!" Wir fragten uns, warum die kleinen Mädchen grundsätzlich Zöpfe oder langes Haar trugen und die Jungs beim Friseur immer ratzekahl geschoren wurden.

Das deutet alles auf reichliche Probleme in der türkischen Gesellschaft hin, aber nicht gleich auf Gewaltbereitschaft oder einen Defekt des Islam. Ein türkischer Freund formulierte es mal so: Die Tradition wolle, dass Männer und Frauen möglichst gegensätzlich seien und dass sich nicht zu viel vermische. Also: kurzes oder langes Haar, Hose oder Rock, laut oder leise, stark oder schwach.

Das kam uns bekannt vor. Wir hatten nämlich zuvor auch viele Jahre in Russland gelebt. Ein christliches, ein orthodoxes Land. Aber mit was für Männlichkeitsnormen, Frau Schröder! Männer mit nacktem Oberkörper auf Pferden in der Taiga. Posieren mit Muskeln und Maschinengewehr. Eistauchen im arktischen Meer. Zureiten des Braunbären. Alles schon gesehen, bis auf die höchste Ebene. Neben dem Helden dann als Deko ein zartes Geschöpf mit langen Haaren und aufgeworfenen Lippen, das Weib. Was wir in Russland und der Türkei beobachteten, war nichts Islamisches oder Christliches, sondern etwas Traditionelles:

Verhätschelt bis zum Abgewöhnen

In den Familien werden die Jungen von der Mutter und der Großmutter verhätschelt bis zum Abgewöhnen, sie dürfen sich alles herausnehmen, bis sie dann mit dem Vater erst zum Kurzhaarfriseur gehen und später das Luftgewehr ausprobieren. Die Mädchen werden indes zu häuslichen Arbeiten herangezogen, müssen lernen, Verantwortung zu tragen und natürlich lange Zöpfe. Russland und die Türkei sind jenseits des Moskauer Gartenrings und der Istanbuler Innenstadt noch sehr traditionelle Gesellschaften, und die produzieren ein bestimmtes Mannsbild. Ich erinnere mich noch an meinen Großvater selig, der war auch so einer, und wenn es in der Debatte hilft, übrigens evangelisch-lutherisch.

Hat der Islam also gar nichts damit zu tun? Auch falsch. Es gibt im Islam leider viele Strömungen, die versuchen, das Alte und Traditionelle partout zu konservieren. Die versuchen, einen Islam des 7. oder 12. Jahrhunderts zu rekonstruieren. (Das Christentum war ja damals auch nicht so fortschrittlich.)

Diese Konservatoren leben nicht nur in Saudi-Arabien. Ich war entsetzt, als ich jüngst die Fatwa des türkischen Religionsministeriums hörte, nach der Verlobte nicht öffentlich Händchen halten dürfen. Geht's denn noch? Na, dann versucht das mal in Istanbul umzusetzen, Ihr Moralwächter, Ihr werdet nie so viele sein wie die Verliebten! Diese Fatwa fördert Lüge, Verklemmtheit und sexuelle Doppelmoral.

Leider lehren in deutschen Moscheen nach Jahrzehnten der Integration weiter die Imame der türkischen Religionsbehörde. Höchste Zeit, endlich hierzulande genügend Imame auszubilden. Mehr islamwissenschaftliche Fakultäten zu gründen und staatlich kontrollierte Koranschulen. Wenn wir den Islam nicht als Testosteron-Religion verunglimpfen, sondern als festen Teil unserer Gesellschaft begreifen, dann werden wir auch in der Lage sein, bei uns einen modernen Islam zu verbreiten. Die meisten Muslime in Deutschland stehen dafür. Aber mit der Debatte über den Männlichkeitswahn des Islams erreicht man nur das Gegenteil.

Aber eigentlich hat das mit Köln schon kaum noch was zu tun, woran man sieht, wie daneben die neueste Islam-Debatte ist. Denn das Begrapschen von Frauen, Taschendiebstahl und sexuelle Belästigung hat noch kein Imam gepredigt. Es geht nicht um den Islam, sondern um Straftaten. Und dafür ist kein Religionsgelehrter zuständig. Sondern der Strafrichter.