Die Generalsekretärin der SPD, Katarina Barley © Michael Kappeler/dpa

Frage: Frau Barley, in den ersten zwei Wochen des neuen Jahres haben über 50.000 Menschen hierzulande Asyl beantragt. Wie lange kann Deutschland das verkraften?

Katarina Barley: Keine Frage: Die Geschwindigkeit des Zuzugs muss verringert werden. Eine Million Flüchtlinge pro Jahr kann das Land auf Dauer nicht aufnehmen, denn auch unsere Kapazitäten sind begrenzt.

Frage: Rückt die Schließung der deutschen Grenzen näher, wenn es nicht gelingt, den Zustrom zu drosseln?

Barley: Wer meint, einfach die Grenzen schließen zu können, um so dem Zuzug ein schnelles Ende zu setzen, macht den Leuten etwas vor. Abgesehen davon würde ein solcher Schritt das Zusammenleben in Europa massiv beeinträchtigen und dem europäischen Projekt erheblich schaden.

Frage: Ihr Parteifreund, der niedersächsische Ministerpräsident Weil, sagt bereits ein "Comeback der Binnengrenzen" in Europa voraus, wenn Kanzlerin Merkel nicht bald für eine Sicherung der EU-Außengrenzen und eine bessere Flüchtlingsverteilung innerhalb der EU sorgt.

Barley: So weit darf es nicht kommen. Ich bezweifle auch, dass wir das Flüchtlingsproblem durch die Schließung nationaler Grenzen wirklich in den Griff bekommen. Anders als Dänemark oder Schweden, die nur eine Landesgrenze oder zwei haben, liegen wir in der Mitte Europas. Da ist eine vollständige Grenzsicherung schon logistisch kaum machbar.

Frage: Steht die SPD noch hinter Merkels Flüchtlingspolitik?

Barley: Das müssen Sie eher die CSU und die Kritiker in der CDU fragen. Das sind diejenigen, die Frau Merkels Flüchtlingskurs hintertreiben. Man muss Konflikte auch offen austragen. Auf dem CDU-Parteitag im Dezember wurde genau das vermieden.

Frage: Altkanzler Schröder wirft Frau Merkel vor, sie habe den Eindruck erweckt, nationale Grenzen hätten keine Bedeutung mehr. Dies sei falsch und gefährlich. Irrt er?

Barley: Es war eine humanitäre Entscheidung von Frau Merkel, die in Ungarn festsitzenden Flüchtlinge ins Land zu lassen. Sie hätte sich vorher aber mit den europäischen Partnern abstimmen müssen, nicht nur mit Österreich. Diese Unterlassung rächt sich jetzt, auch deshalb verweigern manche EU-Mitglieder die Aufnahme von Flüchtlingen.

Frage: Schröder kritisiert aber etwas anderes, nämlich dass Merkel die Aufnahme der Flüchtlinge aus Ungarn nicht sofort zur Ausnahme erklärt hat. Damit habe die Kanzlerin den unbegrenzten Zuzug von Flüchtlingen zur Normalität gemacht. Ist dieser Vorwurf berechtigt?

Barley: Im Nachhinein findet man immer Möglichkeiten für Verbesserungen. Aber wir müssen die Probleme jetzt anpacken und sollten uns nicht in müßigen Diskussionen verlieren.

Frage: In der Bevölkerung schwindet das Vertrauen in die Flüchtlingspolitik der großen Koalition. Inzwischen bezweifeln 51 Prozent, dass Deutschland die Krise bewältigen kann. Wer ist dafür verantwortlich?

Barley: Die schleppende Registrierung der Flüchtlinge und die zu langsame Bearbeitung der Asylanträge durch das Bundesamt für Migration haben dem Vertrauen der Bürger in die Flüchtlingspolitik sicher geschadet. Das muss besser werden – und zwar schnell. Die Verantwortung trägt der Innenminister. Es ist doch bemerkenswert, dass die SPD dafür sorgen musste, dass er zusätzliche Stellen bei der Bundespolizei und beim Bundesamt für Migration erhält.