Zum Beispiel die Anzeige mit der Nummer 601000-000725-16/2. Raub, sexuelle Beleidigung, Taschendiebstahl auf dem Bahnhofsvorplatz um ein Uhr nachts, drei weibliche Geschädigte (GES). "Wurden von einer Gruppe Nordafrikaner umzingelt. Dann in Schritt, Busen und in die Hose gefasst. Handy anschließend entwendet. Handtasche wurde versucht zu entwenden."

Es ist nur eine von 170 Zeilen in einer Tabelle. 170 Anzeigen zur Silvesternacht am Kölner Hauptbahnhof, die bis zum Freitagmorgen um 8 Uhr bei der Polizei eingegangen waren. 16 klein bedruckte Seiten umfasst diese Liste, und würde man sie auf den Stand von diesem Montag aktualisieren, wären es noch viel mehr: Die Zahl der Anzeigen ist mittlerweile auf 516 gestiegen.

Das ist die Situation an diesem Vormittag bei der Sondersitzung des Innenausschusses des nordrhein-westfälischen Landtags zu den Vorfällen in der Silvesternacht in Köln: Abgeordnete und Vertreter diskutieren etwas, dessen Bild sich langsam erst vervollständigt, durch neue Strafanzeigen und Polizeiberichte beispielsweise. Und das trotzdem schon längst Konsequenzen hat, das längst andere Dinge in Bewegung gesetzt hat: Rücktritte, politische Forderungen und Beschlüsse, eine Veränderung der öffentlichen Debatte. Man weiß noch immer so wenig darüber, was genau passiert ist, und doch reden so viele so viel. Weil sie es müssen oder weil sie meinen, nicht anders zu können.

Auch in dieser Ausschusssitzung geschieht deshalb alles gleichzeitig: Nacherzählung und Aufklärung, Fehlersuche und Schuldzuweisungen, Verständnisfragen und großspurige Forderungen. Mal ist die Runde ganz nah an den Ereignissen, mal schon weit in der Zukunft.

Jäger schiebt alles auf die Polizei

Im Zentrum steht Ralf Jäger, der als Innenminister für die Polizei des Landes und damit auch für die in Köln verantwortlich ist. Er hat sich schon vergangene Woche dafür entschieden, die Schuld der Kölner Polizei zuzuweisen, als er den dortigen Polizeipräsidenten Wolfgang Albers in den vorläufigen Ruhestand schickte. Vorher ließ er ihn aber noch einen 27-seitigen Bericht über die Silvesternacht schreiben, der nun die Grundlage der Ausschusssitzung ist.

"Lassen Sie mich das gleich zu Beginn klar sagen", sagt Jäger also gleich zu Beginn: "Das Bild, das die Kölner Polizei in der Silvesternacht abgegeben hat, ist nicht akzeptabel." So deutlich schimpfen Dienstvorgesetzte und politisch Verantwortliche selten auf Untergebene wie Jäger und seine Mitarbeiter an diesem Montag auf die Kölner Beamten. Jägers Sichtweise: Das Ministerium hat zwar die Oberaufsicht, aber das operative Geschehen, die einzelnen Einsätze also, ist Sache der Polizei vor Ort. Zu fordern, er als Minister hätte da eingreifen sollen, "wäre, als wenn Sie fordern, dass die Gesundheitsministerin selbst Blinddarmoperationen durchführt".

Opposition spricht von "Methode Jäger"

Das findet natürlich die Opposition, vor allem die CDU, absurd. Deren Abgeordneter Werner Lohn spricht von einer "Methode Jäger": Der "plumpe Versuch, Verantwortung an die nachgeordneten Bereiche abzuschieben". Was genau Jäger aber hätte tun sollen, wo die Grenze liegt zwischen operativem Tagesgeschäft und politischer Verantwortung, ob die merkwürdigen Abläufe bei der Kölner Polizei auch auf direkte oder indirekte Vorgaben des Ministeriums zurückgehen – das konnte die Opposition zumindest an diesem Montag nicht nachweisen.

Was falsch gelaufen ist, darüber herrscht dann aber sehr überparteiliche Einigkeit: Die Kölner Polizei hätte, erstens, Verstärkung anfordern müssen und, zweitens, in den Tagen nach der Silvesternacht anders kommunizieren müssen. Um 23.30 Uhr telefonierte der Kölner Dienstgruppenleiter mit der Landesleitstelle der Polizei NRW, die ihm Unterstützung anbot.

Er lehnte ab. Obwohl die Polizisten am Hauptbahnhof schon um 21 Uhr von mehreren Hundert aggressiven jungen Männern berichteten. Keine Verstärkung zu bestellen war "ein gravierender Fehler", sagt Bernd Heinen, Polizeiinspekteur im nordrhein-westfälischen Innenministerium. Er erwarte da "vorausschauenderes Handeln". Er und sein Chef Jäger vermuten, dass die Einsatzleitung vor Ort und der Dienstgruppenleiter im Polizeipräsidium nicht genug miteinander geredet haben. "Einige wussten einiges, aber keiner wusste alles", schimpft der Minister.