Der Zentralrat der Juden in Deutschland hält die Veröffentlichung der kommentierten Version von Adolfs Hitlers Hetzschrift Mein Kampf für sinnvoll. "Ich kann mir gut vorstellen, dass diese kritisch kommentierte Auflage einer Aufklärung dient, und dass sie einen gewissen Mythos, der um dieses Buch herrscht, aufzuklären vermag", sagte Zentralratspräsident Josef Schuster. Sie könne zeigen, mit welchen völlig falschen und skurrilen Theorien und Thesen Hitler gearbeitet habe.

Historiker des Instituts für Zeitgeschichte aus München haben am Freitag eine neue kommentierte Gesamtauflage der Schrift mit zahlreichen Anmerkungen vorgestellt, in denen die Entstehung des Texts erklärt und Hitlers Behauptungen mit Fakten kontrastiert werden. Die fast 2000 Seiten starke kritische Edition könne einem breiten Publikum verdeutlichen, dass es sich bei dem Buch "über weite Strecken um eine aggressive wie ordinäre Hasspredigt handelt", sagte der Leiter des Editionsprojekts am Institut für Zeitgeschichte, Christian Hartmann. "Dieses Buch war und ist ein Symbol, daran hat sich bis heute nichts geändert."

Das Buch müsse heute verstanden werden als "das gedankliche Zentrum einer menschenverachtenden wie mörderischen Ideologie, deren Verwirklichung schließlich in der größten Katastrophe endete, welche die Geschichte kennt", führte der Historiker aus.

Behandlung von "Mein Kampf" in Schulen umstritten

Zentralratspräsident Schuster räumte ein, das Buch könnte geeignet sein, in rechtsextremistischen Kreisen hetzerische Thesen zu verbreiten. Gerade vor dem Hintergrund von Rechtspopulismus und Erscheinungen wie Pegida sei es aber wichtig, sich mit Hitlers Propaganda auseinanderzusetzen. "Denn einige Dinge, die wir auch heute wieder hören, finden wir auch in diesem Buch", warnte Schuster.

Auch Schulen sollten sich nach Schusters Ansicht mit dem Buch auseinandersetzen. Die von Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) angeregte Idee, Auszüge der kommentierten Ausgabe im Schulunterricht zu behandeln, begrüßte der Präsident des Zentralrats.

Der Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung, Thomas Krüger, hält anders als Schuster nichts davon, die Neuauflage von Mein Kampf im Schulunterricht einzusetzen. "Für die wissenschaftliche Arbeit und auch für die Reflektion im pädagogischen Bereich ist dieses Werk sicherlich sinnvoll. Aber für Otto Normalverbraucher und erst recht für den Schüler halte ich das für nur schwer rezipierbar", sagte er im SWR.

In seinem zwischen 1924 und 1926 verfassten zweibändigen Werk Mein Kampf hatte Hitler die ideologische Basis der Nazi-Bewegung formuliert. Nach Gründung der Bundesrepublik gingen die Rechte auf das Land Bayern über, das das Urheberrecht nutzte, um jegliche Neuauflagen des Buchs zu verbieten. Ende 2015 erlosch die sogenannte urheberrechtliche Schutzfrist 70 Jahre nach dem Tod des Verfassers. Die wissenschaftliche kommentierte Neuauflage soll ein Gegengewicht gegen die mögliche unkritische Weiterverbreitung von Hitlers Gedankengut schaffen.