Es wird einsam um die Bundeskanzlerin, auch wenn sie dies nicht wahrhaben will. Die Heimatfront wankt – nicht nur in der CSU, sondern von Tag zu Tag stärker in ihrer eigenen CDU und zugleich beim Koalitionspartner SPD. Die Öffentlichkeit steht nur noch zu einem Drittel hinter ihr. Der Gefühlsüberschwang der sommerlichen Willkommenskultur weicht der Verunsicherung, der Furcht vor Staatsversagen und der Angst vor gesellschaftlicher Überforderung. Angela Merkels "Wir schaffen das" überzeugt nicht mehr angesichts der Schwierigkeiten, den Anspruch in die Wirklichkeit umzusetzen. Schon gar nicht, wenn der Ansturm der Flüchtlinge im neuen Jahr unvermindert anhalten sollte.

Auch innerhalb der Europäischen Union brechen Merkel die Partner weg. Die Dänen haben ihr Land dicht gemacht; die Schweden sahen sich gezwungen, ihre Grenzen für Flüchtlinge zu schließen; zuletzt hat Österreich eine Obergrenze für die Aufnahme von Asylsuchenden festgelegt: 37.500 sollen es im Jahr nur sein. (Auf die Bundesrepublik hochgerechnet wären das 400.000 – doppelt so viele, wie dem bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer vorschweben.) Die Osteuropäer sperren sich sowieso; die Briten wollen bis 2020 ganze 20.000 Flüchtlinge aufnehmen; den Amerikanern, deren unglückselige Irak-Politik den Orient ins Chaos gestürzt hat, sind schon die von Obama anvisierten 10.000 im laufenden Haushaltsjahr ein Stein des Anstoßes. Rom aber bemüht sich, das Dublin-Abkommen auszuhebeln, demzufolge Flüchtlinge ihre Asylgesuche in dem EU-Land einzureichen haben, das sie als erstes betreten und wohin sie aus anderen Ländern auch zurückgeschickt werden können – eine für Italien wie Griechenland unerträgliche Last. Deutschland allein zu Haus? In der Tat.

Noch setzt die Kanzlerin auf Europa, um ihre drei Ziele zu erreichen: eine Umverteilung der Flüchtlinge auf alle 28 EU-Staaten, einen besseren Schutz der EU-Außengrenzen und die Bekämpfung der Fluchtursachen. Aber allmählich müsste ihr wohl dämmern, dass verlassen ist, wer sich auf Europa verlässt.

Alle sperren sich gegen eine faire Verteilung der Ankömmlinge – und das, obwohl es nur um 160.000 Flüchtlinge geht, nicht um die bereits angekommene Million. Um den Schutz der Außengrenzen ist es nicht besser bestellt. Ihn soll vor allen Dingen die Türkei leisten. Von ihr wird erwartet, dass sie die Küsten bewacht, die Schleuser stoppt und Flüchtlinge zurücknimmt. Doch von den drei Milliarden Euro, die ihr dafür versprochen wurden, sind gerade erst 81 Millionen im EU-Klingelbeutel; um den Rest wird gestritten. Auch die viel gepriesenen Hotspots, die geplanten Registrierungszentren in Griechenland, die den Flüchtlingszuzug stoppen sollen, nehmen nur langsam Gestalt an. Die Bekämpfung der Fluchtursachen aber, die Befriedung Syriens und des Iraks, lässt weiter auf sich warten. Die angestrebten Friedensverhandlungen sind durch die Zuspitzung des saudisch-iranischen Konflikts wie durch die gegensätzlichen Vorstellungen der Russen und Amerikaner von vornherein belastet; eine Übereinkunft wird nicht rasch zu erreichen sein – und erst recht nicht deren Umsetzung im verminten Gelände des Mittleren Ostens. Vizekanzler Sigmar Gabriel (SPD) ist denn auch nicht der Einzige, der nicht länger an eine europäische Lösung glaubt.

Angela Merkel hat inzwischen eingesehen, dass ihr nicht mehr viel Zeit bleibt, um daraus Folgerungen zu ziehen. Noch wehrt sie sich gegen Obergrenzen, Kontingente, Orientierungsrahmen oder Richtwerte. Immerhin hat sie sich zu der Einsicht durchgerungen, dass der Zuzug der Flüchtlinge reduziert werden müsse. "Das wird Zeit, Kraft und Geld kosten", sagte sie schon in ihrer Neujahrsansprache.

Es ist dies noch kein Kurswechsel; an ihrem "Grundansatz" will die Bundeskanzlerin festhalten. Aber es ist ein erster Schritt zu der Erkenntnis, dass wir nicht jedem ein freundliches Gesicht zeigen können; dass die moralisch so hehre grenzenlose Humanität den gesellschaftlichen Frieden gefährdet und die Demokratie untergräbt; und dass ein sturer deutscher Alleingang die Europäische Union sprengen könnte.

In seiner viel zu wenig beachteten Rede beim Davoser Weltwirtschaftsforum hat Bundespräsident Joachim Gauck der Regierungschefin einige bittere Wahrheiten ins Stammbuch geschrieben. Kernsätze:

  • "Die Politik hat das Interesse der Bürger am Fortbestand eines funktionierenden Gemeinwesens nun zu verbinden mit dem humanen Ansatz, Schutzbedürftigen zu helfen. Das kann gegebenenfalls bedeuten, dass Politik Begrenzungsstrategien entwickeln und durchsetzen muss."
  • "Eine Begrenzungsstrategie kann moralisch und politisch sogar geboten sein, um die Handlungsfähigkeit des Staates zu erhalten. Sie kann auch geboten sein, um die Unterstützung der Mehrheitsgesellschaft für eine menschenfreundliche Aufnahme der Flüchtlinge zu sichern. So gesehen ist Begrenzung nicht per se unethisch: Begrenzung hilft, Akzeptanz zu erhalten."
  • "Gerade weil wir möglichst vielen Schutz bieten wollen, werden wir – so problematisch und tragisch das gelegentlich sein mag – nicht alle aufnehmen können. Und dann noch eines: Wenn nicht Demokraten über Begrenzungen reden wollen, wird Populisten und Fremdenfeinden das Feld überlassen."

Wie aber kann und soll eine spürbare Begrenzung des Zuzugs erreicht werden? In Berlin rauchen die Köpfe, um nach dem Scheitern von Merkels Plan A einen Plan A2 oder Plan B zu ertüfteln. Eine große Lösung durch einen europäischen Migrationsfonds? Ein Mini-Schengen, wenn die Sicherung der Außengrenzen nicht funktioniert? Grenzschließung? Erklärung der Maghreb-Staaten zu sicheren Herkunftsländern? Oder aber, was einigen kühnen Vorausdenkern durch den Kopf geht: Deutschland zahlt alles, geht allein voran, wenn kein europäischer Finanzierungsschlüssel gefunden wird? Es zahlt für die Türkei, für die Flüchtlingslager im Libanon und in Jordanien. Außerdem nimmt es viel Geld in die Hand, um die Flüchtlinge rasch zu integrieren – ihnen Deutsch beizubringen, sie zu akkulturieren und in Lohn und Brot zu bringen.

Nach dem EU-Gipfel Mitte Februar – vier Wochen vor drei Landtagswahlen – will Angela Merkel eine "Zwischenbilanz" ziehen. Doch eine Zwischenbilanz wird nicht reichen – die Kanzlerin muss Entscheidungen treffen über eine neue Flüchtlingspolitik. Viel Zeit hat sie nicht mehr.

Die Flüchtlingsfrage wird für die Bundeskanzlerin zur Nagelprobe. Sie steht vor der schwierigsten Wahl, vor die ein Politiker gestellt werden kann: umfallen oder fallen.