Die sexuellen Übergriffe auf der Kölner Domplatte in der Silvesternacht haben eine heftige Diskussion ausgelöst. Dabei geht es weniger um die von Frauen erlebte sexualisierte Gewalt in Deutschland als um die Vermutung, dass die Täter Araber oder Nordafrikaner gewesen sein könnten. Die Polizei spricht von einer "neuen Dimension der Kriminalität", wobei unklar bleibt, ob damit die Diebstähle gemeint sind oder die sexuellen Übergriffe. Die Mehrzahl der weiblichen Opfer wurde auch bestohlen. Derweil wirft der Teil der Bevölkerung, der die Aufnahme von Flüchtlingen kritisch sieht, den etablierten Medien "Vertuschung" vor. Im Getöse kommt das zu kurz, was die Frauen in Köln erlitten haben.

Wie verbreitet ist sexuelle Gewalt in Deutschland?

Sexualisierte Gewalt ist trotz Aufklärung, sexueller Revolution und Frauenbewegung noch immer Teil des Alltags von Frauen auch in Europa. Die Europäische Grundrechte-Agentur veröffentlichte vor zwei Jahren zum ersten Mal das Ergebnis einer Umfrage. Dabei gab eine von drei Europäerinnen an, dass sie seit ihrem 15. Lebensjahr körperliche oder sexuelle Gewalt erfahren hatte, die Hälfte aller Frauen war sexuell belästigt worden. Für die EU-Untersuchung waren 42.000 Frauen in den 28 EU-Mitgliedsstaaten befragt worden. Die Agentur beklagte seinerzeit, dass dies jedoch von Strafverfolgung und Statistik nicht voll erfasst würde, sie spiegelten "das Ausmaß von Gewalt gegen Frauen nicht wider".

Die meisten Opfer kennen die Täter: Sie sind ihre Väter oder Stiefväter, Brüder, Onkel oder Freunde der Eltern. Weniger als 20 Prozent der sexuellen Übergriffe oder Vergewaltigungen finden außerhalb der eigenen vier Wände statt.

"So viel Aufmerksamkeit wie jetzt würde ich mir an Karneval auch wünschen", sagt Behshid Najafi von der Kölner Informations- und Beratungsstelle für Migrantinnen und Flüchtlingsfrauen Agisra. Sie sei ja froh, dass die sexualisierte Gewalt gegen Frauen in Köln "endlich einmal Ernst genommen wird, und die Frauen mutig genug waren, das anzuzeigen". Sie habe aber den Verdacht, dass das nur daran liege, dass die Täter möglicherweise Migranten gewesen seien. Seit 23 Jahren berät Agisra Migrantinnen in Köln. Najafi weist darauf hin, dass es erst seit 2002 ein Gewaltschutzgesetz gibt, das häuslicher Gewalt unter Strafe stellt. "Früher bin ich mit den Frauen zur Polizei gegangen, und dort hieß es dann: häusliche Gewalt ist Privatsache", sagt Najafi.

Sind Ausländer häufiger Täter?

Kriminologische Forschungen in Hessen und Bayern lassen den Schluss zu, dass zwischen 70 und 75 Prozent der Täter Deutsche und 25 bis 30 Prozent Täter nicht-deutscher Herkunft sind. Nicht-Deutsche Täter müssen aber häufiger mit einer Verurteilung rechnen, haben mehrere Studien ergeben, die das Deutsche Institut für Menschenrechte gesichtet hat. Das deckt sich mit einem Experiment, das Ulrike Häßler vom Kriminologischen Dienst Celle und Werner Greve von der Universität Hildesheim 2012 gemacht haben. Sie erfassten mithilfe von mehr als 250 Fragebögen, die Jura-Studenten beantwortet haben, ob es einen Einfluss auf das Strafmaß haben kann, wenn ein deutscher Vorname oder ein türkischer Vorname verwendet wird. Im Falle der Vergewaltigung war das Ergebnis eindeutig: Erkan wurde zu einer langjährigen Haftstrafe häufig mit Sicherungsverwahrung "verurteilt", während Stefan mit einem halben bis fünf Jahren Haft davon kam.

Handelt es sich bei den jüngsten Übergriffen in Deutschland um ein neues Phänomen?

Eine langjährige Mitarbeiterin des Kölner Notrufs für vergewaltigte Frauen sieht in den Vorgängen im Hauptbahnhof eine völlig neue Dimension. "Ich beschäftige mich beruflich schon seit mehr als 20 Jahren sehr intensiv mit dem Thema Gewalt gegen Frauen und Mädchen und so etwas habe ich noch nie erlebt", sagte sie dem Kölner Stadtanzeiger. Ähnliche Vorfälle kenne sie nur aus der Berichterstattung über Überfälle in Indien oder einzelnen afrikanischen Ländern. Die Kölner Vorgänge seien "ein Ausnahmefall". Auch die kriminologische Forschung spricht überwiegend von Einzeltätern. Gemeinschaftlich begangene Sexualstraftaten sind die Ausnahme. Bisher haben sich bei den Beratungsstellen in Köln noch keine Opfer gemeldet. Elisabeth Faßbender vom Frauenberatungszentrum Köln weiß aus Erfahrung: "Die Frauen brauchen etwas mehr Zeit, bis sie Hilfe suchen."