ZEIT ONLINE: Die Bundeswehr hat den Syrien-Einsatz gestartet und beteiligt sich mit bis zu 650 Soldaten an der UN-Mission in Mali. Viele Deutsche fürchten, dass wir mit unserer Solidarität für Frankreich in einen unübersichtlichen Konflikt hineingezogen werden. Was denken die Soldaten darüber?

Hans-Peter Bartels: Sie sehen das professionell. Vor allem Mali wird ein gefährlicher Einsatz sein, obwohl die Truppe dort nur ein Friedensabkommen absichern und nicht kämpfen soll. Doch es handelt sich in Nordmali um ein riesiges Wüstengebiet, in dem auch mehrere Terrorgruppen operieren und Hinterhalte drohen. Es gab bereits 50 Tote UN-Soldaten durch Anschläge und Sprengfallen. Zumeist hat es afrikanische Soldaten getroffen, die schlecht ausgerüstet sind. Für unser Bundeswehrkontingent sind die Herausforderungen in Nordmali ähnlich wie in Nordafghanistan. Das kennen wir schon. Gute Ausrüstung ist vorhanden, sie muss mit.

ZEIT ONLINE: Wie gefährlich ist der Einsatz von Tornados über Syrien und dem Irak?

Bartels: Die Tornados haben Abwehrsysteme für den Fall, dass sie angegriffen werden. Ein potenzielles Risiko für unsere Soldaten könnte sein, dass ein Flugzeug ein technisches Problem bekommt und im Krisengebiet notlanden muss, oder die Besatzung muss abspringen. Aber wir haben in anderen Einsätzen noch kein Flugzeug auf diese Weise verloren.

 ZEIT ONLINE:  Sind die Soldaten denn genügend ausgerüstet für den aktuellen Syrien-Einsatz? Immer wieder gibt es Klagen über Ausrüstungsmängel der Bundeswehr.

Bartels: Das eingesetzte Gerät ist durchaus auf dem neuesten Stand. Aber quantitativ sind wir in manchen Bereichen schon ziemlich am Limit, etwa was die Verfügbarkeit größerer Schiffe betrifft. Die deutsche Marine ist bei drei Missionen im Mittelmeer und bei der Bekämpfung der Piraterie im Indischen Ozean im Einsatz. Jetzt kommt noch der Schutz eines französischen Flugzeugträgers im Persischen Golf hinzu. Insgesamt gibt es demnächst nur noch 9 Fregatten, wo nach der offiziellen Struktur 15 sein müssten. Die neuen Schiffe kommen verspätet, aber die alten werden einfach planmäßig außer Dienst gestellt. Dieser Mut zur Lücke führt jetzt dazu, dass die Belastungsgrenze der Marine nahezu erreicht ist, auch bei Personal und Ausbildung. Das gilt anderswo in der Bundeswehr ganz ähnlich: Hier rächt sich, der Budget-, Personal- und Materialabbau der vergangenen Jahre. Die Out-of-Area-Einsätze, die kollektive Verteidigung in Europa, der Ersatz alter durch neue Technik, die Umstationierungen und dazu der Einsatz in der Flüchtlingshilfe – das ist alles gerade ein bisschen viel für die Soldatinnen und Soldaten.

ZEIT ONLINE:  Die Verteidigungsministerin hat nun angekündigt, dass die Bundeswehr ab dem Sommer keine Flüchtlingshilfe mehr leisten wird. Sie hatten das gefordert.

Bartels: Mir ist wichtig, dass dies keine Daueraufgabe wird. Ich bin froh, dass die Bundeswehr so schnell helfen konnte und dass das so gut geklappt hat. Aber Kerngeschäft ist die äußere Sicherheit. Und da kommt gerade einiges zusätzlich auf unsere Soldaten zu.

ZEIT ONLINE: Die Soldaten helfen bei der Registrierung von Asylbewerbern und in den Wartezentren an der bayrischen Grenze, von denen aus die Flüchtlinge weiterverteilt werden. Welche Erfahrungen machen Sie vor Ort?

Bartels: Oft positive. Es gibt auch viele Soldaten, die sich freiwillig melden. Manche berichten allerdings von Organisationsproblemen: So werden mal 70 Mann angefordert, wo man nur 20 braucht. Dafür fährt man dann durch die halbe Republik. Das nervt. Planbarkeit ist ein Riesenproblem.

ZEIT ONLINE: Der Spiegel berichtet, dass die Bundeswehr nun auch libysche Sicherheitskräfte ausbilden soll – auf tunesischem Boden, weil es sonst zu gefährlich sei. Was halten Sie davon?

Bartels: Wenn das nach Bildung einer gemeinsamen libyschen Übergangsregierung eine europäische Hilfe zur Selbsthilfe werden soll, klingt das vernünftig. Ein fortgesetzter Bürgerkrieg in Libyen wäre auch eine Gefahrenquelle für Europa und Deutschland. Aber vielleicht könnte man so eine zusätzliche Mission zum Anlass nehmen, einmal zu schauen, aus welchen Kleinsteinsätzen in Afrika wir uns auch einmal wieder zurückziehen könnten. Schwerpunkte setzen ist besser, als sich zu verzetteln.

ZEIT ONLINE: Wenn an allen Ecken und Enden Personal fehlt, war die Abschaffung der Wehrpflicht dann ein Fehler?

Bartels: Grundsätzlich war es natürlich richtig, die Bundeswehr, die als "Armee der Einheit" 1990 noch aus fast 600.000 Soldaten bestand, deutlich zu verkleinern. Es gibt keinen System-Konflikt mehr in der Welt, keine Block-Konfrontation, Warschauer Pakt und Sowjetunion haben sich aufgelöst. Neue Aufgaben kamen auf die Bundeswehr zu: Interventionen zur Sicherung eines brüchigen Friedens weit entfernt von Deutschland oder zur Terrorbekämpfung. Jetzt hat mit der Russland-Ukraine-Krise die kollektive Verteidigung in Europa wieder einen neuen Stellenwert. Ich glaube, der überstürzte Ausstieg aus der Wehrpflicht war falsch. Für den Übergang zur neuen Freiwilligenarmee gab es zunächst überhaupt kein Konzept. Jetzt ist die Personaldecke für die Vielzahl der Aufgaben sehr dünn. Derzeit haben wir noch 177.000 aktive Soldaten. Es klemmt an allen Ecken und Enden. Wir brauchen robustere Personalstrukturen.