Die UN wollen 400 vom Hungertod bedrohte Menschen aus der syrischen Stadt Madaja herausbringen. Diese Menschen seien fast tot und bräuchten dringend medizinische Hilfe, sagte UN-Nothilfekoordinator Stephen O'Brien gegenüber dem Sicherheitsrat in New York. 300 Menschen wurden nach Angaben der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte seit Montag aus der Stadt gebracht. Zuvor hatte erstmals seit Oktober wieder ein Hilfskonvoi die Stadt erreicht. 44 Lkw seien in Madaja eingetroffen, berichten Einwohner.

Laut Hilfsorganisationen sind bisher mindestens 28 Menschen in dem Ort verhungert. Neben den 300 bereits evakuierten müssten etwa 400 weitere Menschen umgehend aus der Stadt gebracht und medizinisch versorgt werden, teilte die Beobachtungsstelle mit. Die US-Botschafterin bei den UN, Samantha Power, sagte, "mehr als 400 Menschen sind am Rande des Todes". Sie müssten die Stadt sofort verlassen, um versorgt werden zu können. Madaja ist seit rund einem halben Jahr von Regierungstruppen eingeschlossen.

UN-Diplomaten sagten, der erste Hilfskonvoi könne nur der Anfang sein. "Wir brauchen ungehinderten und anhaltenden Zugang zu allen Not leidenden Menschen in Syrien", sagte Neuseelands UN-Botschafter Gerard van Bohemen. Frankreich forderte ein Ende der Belagerung. Es sei eine "absolute Notwendigkeit, dass Syrien und Russland ihre militärischen Operationen gegen die Zivilbevölkerung beenden", sagte Außenminister Laurent Fabius in Paris.

Syriens UN-Botschafter Baschar Dscha'afari bestritt, dass Menschen hungern würden. Die Berichte seien Vorwürfe und Lügen, die das arabische Fernsehen erfunden habe. Zudem beschuldigte er "bewaffnete Terrorgruppen", Hilfsgüter zu stehlen und für überteuerte Preise weiterzuverkaufen. "Die syrische Regierung hat keine Strategie des Hungerns gegen ihre eigene Bevölkerung angewendet und wird dies nicht tun", sagte er.

Am Montag hatte die lebensrettende Hilfslieferung Tausende vom Hungertod bedrohte Bewohner in Madaja erreicht. Die ersten Lastwagen des Konvois brachten insgesamt 330 Tonnen Nahrung und Medikamente, wie Pawel Krzysiek, Sprecher des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK), mitteilte. Das UN-Büro für Nothilfekoordinierung (OCHA) berichtet im Kurznachrichtendienst Twitter, die Entladung der Lastwagen sei auch nach Mitternacht noch weitergegangen. Dem Syrischen Halbmond zufolge reicht die Hilfe aus, um die bis zu 40.000 Menschen in der westsyrischen Stadt 40 Tage lang zu versorgen.

Insgesamt starben in Madaja seit Dezember nach Angaben der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen (MSF) mindestens 28 Menschen wegen Mangelernährung, darunter sechs Kinder im Alter unter fünf Jahren. Aktivisten berichteten, die Menschen ernährten sich von Blättern, Hunden und Katzen.

Aushungern als systematische Waffe

Zeitgleich mit der Hilfe für Madaja traf eine Lieferung in den von Rebellen belagerten Orten Fua und Kafraja im Nordwesten Syriens ein. Diese Dörfer werden von Regierungstruppen gehalten. Die Hilfslieferungen in Madaja und den beiden Dörfern gehen auf eine von den Vereinten Nationen vermittelte Abmachung zwischen dem Regime von Baschar al-Assad und Rebellen zurück.

Das gezielte Aushungern von Zivilisten gilt völkerrechtlich als Kriegsverbrechen. Schon im Juni 2015 hatte der Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen in einem Bericht zur Lage im Bürgerkriegsland Syrien darauf hingewiesen, dass alle Konfliktparteien systematisches Aushungern wie in der Stadt Madaja als Kampfmethode einsetzen.