Wieder ist die Kanzlerin zu Gast bei der CSU in Wildbad Kreuth. Und wieder wird die CDU-Vorsitzende vor ihrem Auftritt massiv von Spitzenpolitikern der bayerischen Schwesterpartei attackiert: Sie verlangen einen Kurswechsel der Kanzlerin in der Flüchtlingspolitik, vor allem eine Obergrenze für die Zahl der Asylbewerber in Deutschland. Das lehnt Merkel bislang kategorisch ab.

Doch die bayerischen Unionspolitiker lassen nicht locker, der Ton führender CSU-Politiker wird immer schärfer. Bayerns Innenminister Joachim Herrmann verlangte von der Kanzlerin "jetzt schnell einen Bremsklotz für den Flüchtlingsstrom". Dafür, so der CSU-Politiker in der Bild-Zeitung,  habe die Kanzlerin nur noch wenige Wochen Zeit. "Der völlig unkontrollierte Zustrom an Migranten hat nichts, aber auch gar nichts, mit einer humanitären Geste in einer Notlage zu tun."

Auch Herrmanns Kabinettskollege Markus Söder warnte, die Zeit für ein Umsteuern in der Flüchtlingspolitik dränge. "Das Zeitfenster wird immer kleiner", sagte der Finanzminister der Passauer Neuen Presse. Innere Sicherheit dulde keinen Aufschub, und spätestens seit den massenhaften Übergriffen auf dem Kölner Domplatz sei klar, dass wir nicht so weitermachen könnten wie bisher. "Viele Menschen wünschen sich anstelle von Willkommenskultur endlich eine Vernunftskultur", kritisierte Söder Merkels Vorgehen.

Nach Meinung von CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer helfe auch das ständige Verweisen der Kanzlerin auf eine europäische Lösung nicht weiter. "Meine Partei ist da skeptisch, ob wir das schnell hinbekommen", sagte er. Deshalb müsse die Kanzlerin "schnellstens" ihre Politik ändern. "Klare Lage für die CSU ist: Wir haben keine Zeit mehr", sagte Scheuer.

"Wer hat in der Union die Hosen an?"

Druck auf Merkel kommt nicht nur aus Bayern, sondern auch vom Koalitionspartner – allerdings in umgekehrter Richtung: Die SPD erwartet von der Kanzlerin, dass sie die CSU endlich in ihre Grenzen weise. "Angela Merkel muss zeigen, wer in der Union die Hosen an hat", sagte SPD-Generalsekretärin Katarina Barley. Die ständigen Querschüsse aus den eigenen Reihen müsse die Kanzlerin unterbinden. "Immer neue und illusorische Forderungen bringen uns nicht weiter." 

Auch SPD-Fraktionschef Thomas Oppermann forderte Merkel zu "klaren Worten in Wildbad Kreuth" auf und macht sich zudem Sorgen um die Außenwirkung der Koalition. Die schwarz-rote Regierung mache derzeit einen "katastrophalen Eindruck", sagte er im ZDF. Die CSU schüre Panik und Hysterie, wodurch am Ende vor allem radikale Kräfte wie die AfD gestärkt werden. "Wenn man in der Regierung ist, dann darf man nicht durch Worte glänzen, sondern dann muss man durch Taten glänzen", so der Sozialdemokrat. Wenn die CSU einen Plan B wolle, dann solle sie ihn ausarbeiten und mit der Kanzlerin besprechen, anstatt auf offener Bühne einen Schlagabtausch zu inszenieren. "Sonst wird aus der Flüchtlingskrise eine Regierungskrise." 

"Schließung der Grenzen wäre ein Debakel"

Rückendeckung kommt auch von Bundesjustizminister Heiko Maas, der Merkel gegen die Kritik an ihrer Flüchtlingspolitik verteidigte. "Die ständigen Drohungen der CSU helfen genauso wenig wie Unterschriftensammlungen für oder gegen Frau Merkel in ihrer eigenen Fraktion", sagte der SPD-Politiker der Rhein-Neckar-Zeitung. Streit nütze nur den radikalen Populisten. Doch auch Maas fordert mehr Kontrolle – die Geschwindigkeit des Zuzugs von Flüchtlingen müsse "auf ein vernünftiges Maß" reduziert werden. Zudem dürfe beim Thema Integration keine Zeit verloren werden. Deutschland stehe "vor der größten Bewährungsprobe seit der Deutschen Einheit".

Unterstützung erhält Merkel zudem aus dem EU-Parlament in Straßburg. Sowohl CDU-Europapolitiker Elmar Brok als auch der Vize-Präsident des Europaparlaments, Alexander Graf Lambsdorff, mahnten zur Mäßigung. Man müsse der Kanzlerin mehr Zeit geben, um das Problem dauerhaft zu lösen, sagte etwa Brok der Rheinischen Post. Es könne nur eine europäische Lösung mit drastisch reduzierten Flüchtlingszahlen geben. Und der FDP-Politiker Lambsdorff ergänzt: "Die Schließung der deutschen Grenzen wäre ein Debakel für die Flüchtlinge, für die Wirtschaft, aber auch für Millionen Pendler und Urlauber."