In Chemnitz sind sie jetzt bei neun Angriffen. Mal besprühten Unbekannte die Scheibe des dortigen Büros der Alternative für Deutschland mit brauner Farbe, mal werfen sie Steine darauf. Am 16. Januar malten die Angreifer dann einen Galgen auf die Eingangstür, und damit auch jeder wusste, wem sie drohten, schrieben sie einen Namen dazu. "Hütter", wie Carsten Hütter, örtlicher Landtagsabgeordneter der AfD.

Seit ihrer Gründung im Frühjahr 2013 werden Politiker, Büros und Veranstaltungen der AfD immer wieder angegriffen. In Bremen schubsten einst Vermummte den damaligen Parteichef Bernd Lucke von der Bühne. In der Firma der heutigen Parteichefin Frauke Petry warfen vermutlich Linksradikale Scheiben ein und verteilten Buttersäure, das Auto des Bundesvorstandsmitglieds Beatrix von Storch wurde abgefackelt. Und dann ist da noch die Sache mit den Wahlplakaten: Zehntausende davon würden zerstört, sagt die AfD. Am 23. Januar wurde dann ein Plakatierer von einem Bewaffneten in Karlsruhe angegriffen.

Die Gewalt gegen sie ist fester Bestandteil der jungen Geschichte der AfD. Niemand bestreitet, dass es diese Angriffe gibt. Aber thematisiert werden sie doch fast ausschließlich von der Partei selbst. Der Rest der Öffentlichkeit, vor allem die anderen Parteien, tut sich in den allermeisten Fällen schwer, die AfD auch als Opfer zu behandeln. Das wiederum ermöglicht es der rechtspopulistischen Partei, ein Schweigekartell zu beklagen, wenn nicht gar eine klammheimliche Unterstützung der Gewalt durch "Pinocchio-Presse" und "Altparteien". So wird das Gewaltopfer AfD gleich auch noch zum Opfer eines vermeintlich ungerechten Diskurses.

Man kann darüber gut mit Armin-Paul Hampel reden. Der ist Mitglied im Bundesvorstand und Landesvorsitzender in Niedersachsen, vor allem aber hat Hampel beim vergangenen Bundesparteitag in Hannover die "ZESS" vorgestellt. Das steht für "Zentrale Erfassungsstelle Salzgitter". Ein kleines Team aus sechs bis acht freiwilligen AfD-Mitgliedern, das gerade alle Angriffe und Diskriminierungen auf die Partei seit der Gründung zu registrieren versucht. Es gab schon einmal eine Zentrale Erfassungsstelle Salzgitter, dort erfassten westdeutsche Ermittler Straftaten des DDR-Regimes gegen ostdeutsche Bürger: Schüsse an der Grenze, Haftstrafen für Andersdenkende. In Salzgitter führten sie Buch über den Alltag in einem Unrechtsstaat.

Hampel hat sich den Namen ausgedacht und ist stolz darauf, die Parallele ist Absicht. Schließlich sei es auch Unrecht, wie die Bundesrepublik mit der AfD umgehe.

Nicht nur dieser Vergleich ist absichtlich großkalibrig gewählt. Hampel nennt auch die Zahl 10.000. So viele "Vorfälle" habe es gegen die AfD seit 2013 gegeben, sagt er erst. Fragt man dann nach, stellt sich erstens heraus, dass es eher 10.000 "Hinweise" von AfD-Mitgliedern oder Sympathisanten sind, denen das Team um Hampel nun nachgeht. Außerdem unterscheidet das Vorstandsmitglied in dieser Zahl aktenkundige Vorfälle nicht von "Diskriminierungen". Diskriminierend sei, so Hampel, "wenn Gaststätten oder Hotels uns absagen, weil sie unter Druck gesetzt werden". Deswegen müssen immer wieder kurzfristig Veranstaltungen ausfallen oder Parteitagsbesucher umplanen. "Das ist aktive Behinderung und keine normale politische Auseinandersetzung mehr", klagt Hampel.

Den qualitativen Unterschied zwischen solchen legalen Ausgrenzungen (Hotels und Gaststätten haben schließlich Hausrecht und können selbst entscheiden, wen sie als Gast haben wollen) und Straftaten gegen die AfD lässt Hampel in der gigantischen Zahl verwischen. Er kann oder will noch nicht sagen, wie viele der angeblich 10.000 Hinweise sich auf Straftaten beziehen und wie viele nur auf die vermeintlichen Diskriminierungen.

Für die AfD hängt das sowieso zusammen. Der Umgang der anderen Parteien und der Medien mit ihnen ist Schuld an der Gewalt gegen sie. Der Bundesvorsitzende Jörg Meuthen schreibt all jenen eine "schändliche Mitverantwortung" für die Angriffe zu, die die AfD als rechtsradikal oder rassistisch bezeichnen und so ausgrenzen. Die Junge Alternative, Jugendorganisation der AfD, nennt den SPD-Vorsitzenden Sigmar Gabriel, dessen Stellvertreter Ralf Stegner und Justizminister Heiko Maas "geistige Brandstifter".