Acht Monate ist es her, da trafen sich zwei Wirtschaftsprofessoren in einem Asia-Imbiss am Hauptbahnhof in Karlsruhe. Joachim Starbatty, emeritierter Ökonom der Uni Tübingen und Europa-Abgeordneter der AfD, und Jörg Meuthen von der Hochschule Kehl, damals stellvertretender Landesvorsitzender der Partei in Baden-Württemberg. Als die beiden zusammensaßen waren es noch wenige Wochen bis zum entscheidenden Parteitag in Essen, die Spaltung der Partei war abzusehen. "Wir haben da gesessen und überlegt: was machen wir denn jetzt?" erinnert sich Meuthen. Mit Bernd Lucke und seinen gemäßigten Mitstreitern aussteigen? Oder mit der entsicherten Restpartei weitermachen?

 

Starbatty verließ die AfD. Er hat jetzt noch eine politische Restlaufzeit von etwas über drei Jahren als EU-Abgeordneter. Meuthen hingegen ist geblieben – und wurde in der Partei "nach oben gespült", wie er das kokettierend nennt. Er ist jetzt einer von zwei Bundesvorsitzenden, Landesvorsitzender und Spitzenkandidat in Baden-Württemberg, und wenn die Umfragen nicht völlig täuschen, könnte Meuthen nach den Wahlen am 13. März die dann größte AfD-Fraktion anführen.

Starbatty hat sich für die Skrupel entschieden. Meuthen für die Macht.

Es heißt oft, die Radikalisierung der einstigen "Professorenpartei" AfD sei von Ostdeutschland aus betrieben worden, im Westen sei sie gemäßigter. Jörg Meuthen, der Professor aus dem tiefen Südwesten, belegt und widerlegt diese Sichtweise zugleich. So, wie ein Besuch bei der Baden-Württembergischen AfD überhaupt zeigt, dass die Partei hier ganz anders ist als in ihren ostdeutschen Hochburgen, und doch sehr ähnlich.

Verlust von Anstand, Fairness und Niveau

Politischer Aschermittwoch im Tagungszentrum Blaubeuren bei Ulm. Draußen demonstrieren Gewerkschaftler und andere AfD-Gegner, drinnen sammeln sich die Anhänger der Partei an langen, schmucklosen Tischen. Der Männeranteil liegt irgendwo jenseits der 75 Prozent, das ist schon mal wie im Osten. Die Parteiprominenz bietet heute das AfD-Rundum-Programm: Beatrix von Storch spricht über Gender (die EU verteufele das Muttersein und wolle die Ehe zerstören), Alexander Gauland über die Welt von Bismarck bis heute ("Wir dürfen Russland nicht demütigen!"). Jörg Meuthen nutzt seine Redezeit, um über den "desaströsen Zustand des politischen Establishments" zu spotten und den "nahezu vollständigen Verlust an Anstand, an Fairness und an Niveau." Er meint damit den Umgang der anderen mit der AfD.

Meuthens großer Vorteil ist: Die wirklich unerhörten Dinge sagt er nicht selbst. Muss er auch nicht. Es gibt ja, nicht nur in Person des Thüringers Björn Höcke, genug Leute in der AfD, die immer weiter in völkische Gefilde vordringen. Die vom "deutschen Widerstand" raunen und der "tausendjährigen Zukunft" Deutschlands. Oder Dinge über Waffengewalt gegen Flüchtlinge sagen, die mindestens missverständlich sind. All das ermöglicht es Meuthen erst, sich als letzten gemäßigten Professor an der Parteispitze zu inszenieren.

Neulich wurde Meuthen in einer Talkshow gefragt, wie viele Flüchtlinge er denn für verkraftbar hielte. 150.000 bis 200.000 im Jahr, sagte er. Dafür habe ihn später André Poggenburg kritisiert, erzählt Meuthen. "Wie kannst du eine so hohe Zahl sagen?", habe der Spitzenkandidat in Sachsen-Anhalt gefragt. "Die richtige Zahl ist Null!" Meuthen lächelt zufrieden, als er die kleine Anekdote erzählt. Zeigt sie ihn doch genau dort, wo er sich sieht: weit weg von den anderen Parteien, aber nicht ganz so weit am Rand wie andere AfD-Vertreter.

Die anderen sind Grau in Grau

CDU, SPD und Grüne machen ihm dieses Spiel relativ leicht. Nicht nur, mit ihrer zeitweisen Weigerung, sich in eine gemeinsame TV-Elefantenrunde mit der AfD zu setzen. Meuthen profitiert auch von der landespolitischen Gemengelage in der Flüchtlingspolitik. Der grüne Ministerpräsident Winfried Kretschmann sagte jüngst, er bete deswegen "täglich für Angela Merkel". Sein CDU-Gegner Guido Wolf greift die eigene Kanzlerin auch nicht frontal an, wie sähe das auch aus.

Das heißt nicht, dass es keine Unterschiede zwischen den Parteien gibt. Sie haben unterschiedliche Vorstellungen davon, welche Länder wie schnell sichere Herkunftsstaaten werden sollen, wie rigoros abgelehnte Asylbewerber abgeschoben werden müssen, und wie genau sich eine möglichst erfolgreiche Integration politisch gestalten lässt. Das aber sind Grautöne, für die sich offenbar viele nicht mehr interessieren. Wer nur noch schwarzsieht, bekommt bei der AfD das konsequentere Angebot.

Beim Aschermittwoch in Blaubeuren sitzt Andreas Welling, ein Mann in seinen Vierzigern mit Brille und Fast-Glatze. Welling arbeitet im Maschinenbau. Er ist heute zum ersten Mal bei einer AfD-Veranstaltung, weil er "mal hören möchte, was die zu sagen haben". Einen Mitgliedsantrag in der Partei hat aber schon gestellt. Welling, der eigentlich anders heißt, aber wie so viele hier Journalisten grundsätzlich keine seriöse Arbeit mehr zutraut, hat "sein Leben lang CDU gewählt", wie er sagt. Aber nun, das "Asylchaos, da kann ja jeder kommen, der will", das habe ja nichts mehr mit dem zu tun, wofür die CDU eigentlich stehe.

"Das hat mit dem Islam zu tun"

Er lese jetzt jeden Tag von Ausländern, die Frauen belästigen und vergewaltigen. Da habe er seine Frau gefragt, die oft in Stuttgart sei, auch samstags während der Spiele des VfB, ob sie da von den Fußballfans schon mal begrapscht worden sei. "Nicht ein Mal! Die sind da nur betrunken und grölen. Daran sieht man doch schon, dass das was mit dem Islam zu tun hat." Ob er dann alle Muslime ausweisen wolle oder zumindest keine mehr reinlassen? "Nein, also ich habe ja in der Nachbarschaft auch ganz viele nette Türken."

Auf der Bühne vorne spottet Meuthen über die "Globuli-Politik" der Bundesregierung gegen die hohen Flüchtlingszahlen. "Da wird in homöopathischen Dosen gegengesteuert." Er will richtig dichtmachen, zur Not auch mit Zäunen. Legt man seine Talkshow-Zahl von 150.000-200.000 verkraftbaren Flüchtlingen im Jahr zugrunde, dürfte ja, damit Deutschland mal aufatmen kann, nun mindestens fünf Jahre kein Einziger mehr ins Land kommen. "Das ist klar, dass das auch hässliche Bilder gibt", sagt Meuthen zu seinen Grenzplänen. "Das werden vier, fünf schmerzhafte Wochen. Aber dann ist Ruhe. Und das ist, was wir brauchen."

Man kann mit Meuthen durchdeklinieren, was dann passiert: Weil auch alle anderen Länder auf den Flüchtlingsrouten längst eine restriktive Grenzpolitik verfolgen, stauen sich die Menschen, wenn sie nicht im Mittelmeer ertrinken, zurück bis in die Türkei. Soll das Land also übernehmen, wozu die EU nicht bereit ist? "Ja glauben Sie denn doch nicht, dass Herr Erdoğan mit Euros zu überzeugen ist?", fragt er da grinsend zurück. Es ist eine rhetorische Frage.