Wenn am Abend des 13. März die Wahllokale schließen und erste Hochrechnungen auf den Bildschirmen erscheinen, werden auf den Wahlpartys der AfD vermutlich Jubelstürme losbrechen. Glückliche Parteianhänger werden sich in den Armen liegen, überaus zufriedene Spitzenkandidaten selbstbewusst Sätze in die Kameras sprechen. Denn alle Demoskopen sind sich einig: Mit teils zweistelligen Ergebnissen wird die AfD in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt aller Voraussicht nach in die Landtage einziehen. Ihr bisher größter Coup steht bevor: Die junge Partei würde einen weiteren wichtigen Schritt auf dem Weg zu ihrer parlamentarischen Etablierung nehmen und zwei weitere Landtage erobern, nachdem sie 2014 schon in Sachsen, Brandenburg und Thüringen reüssieren konnte. Die viel beschworene Immunität des bundesdeutschen politischen Systems gegen rechtspopulistische Emporkömmlinge wäre weiter beschädigt.

Mit Blick auf die drei AfD-Landesverbände, die zur Wahl stehen, wird dabei gerne auf die Differenzen verwiesen: Hier der gemäßigte Westen, repräsentiert durch den bürgerlich-distinguierten Hochschullehrer Jörg Meuthen, Spitzenkandidat in Baden-Württemberg. Dort der radikale Osten, wo André Poggenburg, Landeschef von Sachsen-Anhalt, mit dem Megafon in der Hand auf Demonstrationen rechtspopulistisch agitiert. Indes: Trotz offenkundiger Schattierungen lässt sich auf programmatischer Ebene über die Landesgrenzen hinweg ein konsistenter ideologischer Kern der AfD identifizieren, wie eine Studie des Göttinger Instituts für Demokratieforschung zur AfD in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt zeigt.

Verlust des Bekannten

Als argumentative Basis und übergreifender Deutungsrahmen dient dabei ein Szenario der umfassenden Bedrohung der Nation und des Verlusts kollektiv bindender Ordnungsprinzipien: Durch Modernisierungs- und Individualisierungsprozesse seien etablierte Strukturen und Normen in Bedrängnis geraten, und im Zuge der "unkontrollierten Masseneinwanderung Kulturfremder" gerieten sie nun vollends aus den Fugen. Der für die AfD charakteristische Dualismus aus solchen drakonischen Bedrohungsbildern und restaurativer Reaktion zeigt sich besonders deutlich entlang dreier länderübergreifend zentraler Topoi.

Sicherheit und Recht: Mit dem Hinweis auf eine geschwächte Polizei, räuberische Banden (oft aus dem Ausland) und die vorgeblich rechtsbeugerische Asylpolitik der Bundesregierung konstatiert die AfD in den untersuchten Landesverbänden erstens einen eklatanten Verlust an Sicherheit und öffentlicher Ordnung. Recht und Gesetz hätten ihre allgemeine Verbindlichkeit verloren, seien bloß noch willfähriges Instrument einer ideologiegetriebenen, vom Volk abgehobenen Politik. Demgegenüber inszeniert sich die AfD als "Rechtsstaatspartei", die dem tatsächlichen Sicherheitsbedürfnis der Bürger Rechnung trage und Härte walten lasse.

Gesellschaftliche Ordnung: Im Zuge einer voranschreitenden Individualisierung und Lösung des Einzelnen aus sozialen Strukturen diagnostiziert die AfD zweitens einen Verfall traditioneller lebensweltlicher Ordnungsprinzipien im privaten Bereich. Vorangetrieben durch "Gender-Ideologie" und Gleichstellungspolitik gerate vor allem die Familie als zentrales gesellschaftliches Ordnungssystem unter Druck und müsse vor einer vollständigen Auflösung bewahrt werden – vor der Homo-Ehe genauso wie vor der völligen Angleichung der Geschlechterrollen. Mithin geriert sich die AfD als Anwältin kinderreicher Familien, traditioneller Erziehungsideale und des männlichen Ernährermodells sowie als konsequente Gegnerin pluralistischer Lebensstile.

Identität und Gemeinschaft: Drittens beschwört die AfD den Verlust der sinnstiftenden nationalen Identität und eines einigenden Heimatbewusstseins infolge von Zuwanderung und einer verbreiteten "Multikulti-Ideologie". "Der Islam" wird dabei als wichtigste expansive Bedrohung herausgestellt. Mit der deutschen Kultur, den Sitten und Gebräuchen sei er nicht vereinbar, er gehöre "nicht zu Deutschland", wie die AfD nicht müde wird zu betonen. Dementsprechend fordert man zum einen eine restriktive Asyl- und Zuwanderungspolitik und die rigorose Anpassung von Migranten. Zum anderen werden diese Forderungen durch den Ruf nach einer Stärkung des kulturellen und nationalen Selbstbewusstseins flankiert.

Parteigewordenes Misstrauen

So gibt die AfD dem Misstrauen und der Abwehr gegenüber sozialem Wandel eine parteipolitische Form. Mit drastischen Sprachbildern befeuert sie in populistischer Manier in verschiedenen Wählermilieus vorhandene Ängste und Ressentiments und setzt sich zugleich in rechtskonservativer Manier als Schutzmacht des Bekannten und Bewährten in Szene. Diese ideologische Grundausrichtung bildet in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt gleichsam den Überzeugungskern der AfD. Jedoch lassen sich in den drei Bundesländern auch deutliche programmatische Differenzen ausmachen.