Da steht AfD-Kandidat Jörg Meuthen also bei den "verantwortungslosen Hasardeuren" der "Kartellparteien", wie er sie nennt, und ist kaum von ihnen zu unterscheiden. Er ist ebenfalls ein Mann im besten Alter, er trägt ebenfalls einen anthrazitfarbenen Anzug und ergrautes Haar – wie Grünen-Ministerpräsident Winfried Kretschmann, Linken-Spitzenkandidat Bernd Riexinger und Hans-Ulrich Rülke von der FDP, die ihn umrahmen.

Auf der Bühne der Stuttgarter Liederhalle lehnen sich die Landespolitiker auf ihre Rednerpulte, auch SPD-Kandidat Nils Schmid und CDU-Herausforderer Guido Wolf sind anwesend. Die Wassergläser stehen bereit für diese Diskussion zur "Landtagswahl in politisch turbulenten Zeiten", wie sie der Gastgeber, die Stuttgarter Nachrichten, getauft hat. Chefredakteur Christoph Reisinger erklärt stolz, dass er alle Parteien eingeladen habe, die nach dem 13. März im Stuttgarter Landtag sitzen könnten – also auch die AfD.  Das Ziel dieses Abends sei: "Wir reden miteinander und nicht übereinander." Jörg Meuthen nimmt in diesem Moment bedacht einen Schluck Wasser, er ist ganz ruhig, er ist bereit.

Für ihn ist es schon ein Erfolg, dass er dabei sein darf bei dieser Veranstaltung mit mehreren Hundert Zuhörern zwei Wochen vor der Wahl. Und dass die Aufmerksamkeit auf ihn gerichtet ist: Noch zu Beginn des Jahres hatten Kretschmann und Schmid damit gedroht, ein gemeinsames TV-Format im SWR abzusagen, weil sie Sorge hätten, die Moderatoren würden die rechtspopulistischen Tendenzen der Partei nicht genug thematisieren und der AfD damit eine zu große Bühne geben. Die Drohung ging ordentlich nach hinten los: Schnell standen die Wahlkämpfer wie Feiglinge da, die sich nicht zutrauen, einem unangenehmen politischen Gegner Paroli zu bieten. "Sehr unglücklich" sei das alles gelaufen, heißt es im Nachhinein bedauernd bei SPD und Grünen, die nun doch mit der AfD ins Fernsehen wollen.

Am Mittwochabend nun gibt es eine erste Gelegenheit, Meuthen in einer landespolitischen Runde zu stellen. Kretschmann und Schmid wissen: Sie müssen jetzt erst recht beweisen, dass sie der AfD die Stirn bieten können. Und CDU-Herausforderer Wolf muss seine Forderung aus einem Interview wahr machen: "Wir müssen diese Partei zwingen, Gesicht zu zeigen."

Leider funktioniert das nicht so, wie erhofft. Das liegt zum Teil am AfD-Kandidaten selbst, der als hochintelligent sowie schwer zu fassen beschrieben wird. Von ihm sind in der Flüchtlingskrise bisher keine Skandalzitate überliefert: Meuthen, der zum liberaleren Flügel der einst nur eurokritischen Partei gezählt wird, lässt lieber andere rechtspopulistisches Gedankengut verbreiten. Was nichts daran ändert, dass seine AfD mit ihren Untertönen in der Flüchtlingskrise Prozentpunkt um Prozentpunkt gut macht. Zehn bis zwölf Prozent geben ihr die Umfragen, vor wenigen Monaten waren es noch sechs bis acht. Meuthen erntet, will aber nicht gesät haben.

Aufgeheizte Stimmung im Publikum

Deshalb hilft es wenig, dass Ministerpräsident Kretschmann zu Beginn der Diskussion die "Demagogie" und "Sprache von Extremisten" im baden-württembergischen Landtagswahlprogramm anprangert. Da steht, die deutsche Flüchtlingspolitik locke weltweit "Hunderte Millionen Umsiedlungswillige" ins Land. Meuthen aber will über die Zahl "Hunderte Millionen" nicht streiten, er deutet an: Diese könne etwas übertrieben sein. Aber eines stimme doch, betont der AfD-Mann: Merkel "lockt Migranten in unser Land".

Die Spitzenkandidaten der Landtagswahl in Baden-Württemberg, Meuthen (AfD), Riexinger (Linke) und Kretschmann (Grüne) © Thomas Kienzle/AFP/Getty Images

So argumentiert Meuthen, der neben der radikaleren Frauke Petry auch Bundesparteichef ist: Jede krasse AfD-Parole wird von ihm so lange differenziert und zerkleinert, bis sie so auch von manchen CDU-Politikern unterschrieben werden könnte. Auf die Frage des Moderators, warum er sich nicht von den Hetzern in der AfD distanziere, die das Brennen eines geplanten Flüchtlingsheims auch mal als "zivilen Ungehorsam" bezeichneten, antwortet Meuthen: Es sei die "völlig klare Parteilinie", dass "wir Menschen, die als Migranten zu uns kommen, nichts Böses tun".

Schon gleich zu Beginn der Veranstaltung ist die Stimmung im Publikum aufgeheizt, eine kleine Gruppe von AfD-Anhängern bejubelt den eigenen Kandidaten und kommentiert jede Antwort der etablierten Politiker laut und hämisch. Meuthen hingegen bleibt stets leise, kultiviert. Mit ruhiger Stimme beklagt er unfaire Behandlung: Leider habe ihn SPD-Kandidat Schmid im Zuge der Diskussion um die SWR-Elefantenrunde als "Rassisten" bezeichnet. Schmid widerspricht: Er habe sich auf den Thüringer AfD-Politiker Björn Höcke bezogen, der bekannt für sein völkisches Weltbild ist. "Höcke ist ein Rassist und Sie decken ihn", ruft der SPD-Mann.

Meuthen bleibt an der Oberfläche

Der ehrenwerte Versuch von Kretschmann und Schmid, die Radikalität der AfD zu benennen, um Meuthens angeblich individuelle Harmlosigkeit zu entlarven, endet in gegenseitigen Vorwürfen. Eine wirkliche Diskussion entsteht nicht. Auch Wolf hält sein Versprechen nicht, Meuthen zu entlarven. Das kann der CDU-Mann – strategisch betrachtet – auch nicht: Als Merkel-Kritiker muss er den Spagat vollbringen, die AfD zu verdammen und deren potenzielle Wähler an sich zu binden. Die hätten nämlich Sorgen wegen der vielen Flüchtlinge und daher sei es auch seine Position, dass die Integrationsfähigkeit des Landes nicht riskiert werden dürfe, sagt Wolf.
Dabei hätte man doch gerne gewusst, ob der angeblich so moderate Herr Meuthen seine "vernünftige" Politik zu Ende gedacht hat, zum Beispiel seinen Wahlkampfslogan: "Asylchaos stoppen. Deutsche Grenzen sichern." Was würde mit den Flüchtlingen passieren, wenn die Schlagbäume fallen? Würde er notfalls auch einen Schießbefehl anwenden, so wie es seine Co-Chefin Frauke Petry zuletzt suggerierte? Und kann er es mit seinem Wertekanon vereinbaren, dass Alexander Gauland findet: "Wir können uns nicht von Kinderaugen erpressen lassen"?

Im Detail aber muss sich Meuthen an diesem Abend gar nicht rechtfertigen, er kann an der bequemen politischen Oberfläche bleiben. Dabei denkt er bezüglich der grausamen Bilder einer möglichen Grenzschließung ähnlich wie Gauland. Er formuliert nur bedachter. Meuthen muss an diesem Abend auch nicht erklären, was das Schließen der Grenzen für die EU und die deutsche Wirtschaft bedeuten würde.

Als Problem entpuppt sich dabei auch das Diskussionsformat: Sechs Politiker wollen in kurzer Redezeit ihre Positionen unterbringen. Also sind die anderen Parteien zu beschäftigt damit, sich erst mal wortgewaltig von der AfD zu distanzieren, um sich wirklich mit ihr auseinanderzusetzen.

Vielsagender wird das Wahlforum, als es das Thema AfD verlässt. Linken-Chef Bernd Riexinger, in Baden-Württemberg auch Spitzenkandidat, behält mit seiner Prophezeiung recht: Die Rechtspopulisten, findet er, solle man nicht so viel über Flüchtlinge reden lassen. Man müsse sie über andere landespolitische Themen stellen – davon hätten sie nämlich ebenfalls keine Ahnung, aber auch keine Parolen parat. Tatsächlich verstummt Meuthen, immerhin Professor für Finanzwissenschaft, als das Thema Haushaltsdisziplin und Länderfinanzausgleich aufkommt: Geld wolle er vor allem über die Eindämmung der Flüchtlingszahlen sparen, gibt er schließlich zu Protokoll.

Ausgerechnet die FDP bringt Meuthen an diesem Abend dann doch noch ein wenig in die Defensive. Und zwar noch recht am Anfang beim Thema steigende Flüchtlingszahlen: "Ihre Partei freut sich doch über diese Entwicklung", ruft Kandidat Rülke laut. Da weiß Herr Meuthen auch nicht so recht, wie er protestieren soll.