Da steht er in der letzten Reihe auf einem Säulenabsatz vor dem Schultor, breitbeinig, die rechte Hand in der Tasche seiner Jeansjacke, den anderen Arm kumpelig über der Schulter seines Nachbarn gelegt, und blickt in die Kamera. Abiturjahrgang 1991 des staatlichen Rhein-Wied-Gymnasiums in Neuwied am Rhein. Mein Jahrgang. Und der von Björn Höcke.

Neun Jahre haben wir miteinander verbracht, sechs davon in einer Lateinklasse. Und ich hatte ihn vergessen. Nun sitze ich am Schreibtisch und starre auf dieses Foto. Ich bin Journalist und schreibe viel über Flüchtlingspolitik. Warum habe ich nicht sofort gemerkt, wer da seit einem halben Jahr die Republik empört? Es brauchte eine E-Mail, um mich darauf zu stoßen. Es war die Antwort auf eine Einladung zur 25-Jahr-Feier unseres Abiturs. Sehr freundlich schrieb jemand etwa so: Vielen Dank für die Einladung, aber sie ging auch an unseren ehemaligen Mitschüler Björn Höcke und ich möchte mit niemandem feiern, der rassistisches Gedankengut verbreitet.

Was ist seit diesem Foto von 1991 mit uns geschehen? Mit Björn Höcke, mit mir, mit den anderen? War er schon immer so und ich zu blind, es zu erkennen? Oder war er damals anders und hat sich so sehr gewandelt?

Kurz vor der Apokalypse

Heute steht er auf einer Bühne auf dem großen Platz vor dem verdunkelten Dom in Erfurt, die rechte Hand am Mikrophon, die markanten Gesichtszüge um die tiefliegenden Augen vom kalten Scheinwerferlicht scharf gezeichnet, den schwarzen Mantel hat er hoch geknöpft an diesem eisigen 13. Januar 2016. Aus der ersten Reihe hinter der Absperrung beobachte ich den altbekannten Fremden.

"Liebe Erfurter, liebe Landsleute!", hebt er an, "wir haben uns wieder versammelt, um unsere Pflicht zu tun", beim Wort "Pflicht" sinkt seine Stimme tiefer, als drücke sie ein gewaltiges Gewicht nieder, "nämlich die Demokratie und die Bürgerfreiheiten für unsere Kinder zu erhalten!" Raunen läuft durch die Reihen seiner Anhänger. Mehrere Tausend sind gekommen, mit Preußen-Fahnen, Schlesier-Flaggen, Kerzen und Taschenlampen jubeln sie ihm zu. Pathosschwer geht es fort, jedes Wort aufgeladen mit Bedeutung, mal donnernd laut, mal gönnerhaft belehrend, dann wieder anzüglich-ironisch, schließlich apokalyptisch beschwörend: "Die Altparteien, allen voran die CDU, sind verantwortlich für das Entstehen von Parallelgesellschaften und nur sie sind verantwortlich für die multikulturelle Revolution, die die Geschichte unseres Volkes jetzt beenden soll."

AfD-Kundgebung auf dem Erfurter Domplatz am 13. Januar 2016 © Martin Schutt/dpa

So klingt sie, die radikalisierte, hässliche Wiederkehr des Konservativismus, von der Matthias Geis jüngst in der ZEIT schrieb. Hier sammeln sich jene, die im vergangenen Jahrzehnt ihre politische Heimat am rechten Rand der Unionsparteien verloren haben, die in der Politik der Bundesregierung den Niedergang des guten alten Deutschlands sehen und die ihre Hoffnung nun in die Alternative für Deutschland setzen, Höckes Partei. Demoskopen sagen der AfD in den kommenden Landtagswahlen am 13. März hohe zweistellige Stimmengewinne voraus.

Björn Höcke, so heißt es, sei eine Schlüsselfigur für den Erfolg der AfD, obwohl er nur Landes- und Fraktionsvorsitzender in Thüringen ist. Seine Anhänger sehen in ihm einen Widerstandskämpfer. Seine großen Gesten, das stete Alles-oder-Nichts faszinieren sie. Viele Konservative erleben die Umbrüche der sich globalisierenden Welt, die sich am stärksten in der Flüchtlingskrise zeigen, als Angriff auf ihre Identität und reagieren mit Aggression. Björn Höcke kultiviert diese Wut. So ist er zu einem Star des rechtskonservativen Milieus aufgestiegen. Ein Star mit einer Mission. "Der glaubt wirklich, dass er der Deutschlandretter ist", sagt ein politischer Weggefährte.

Der Dompteur der Massen kneift

Doch woher nur kommt der Hass, der jedem entgegenschlägt, der ihn heute öffentlich reden hört? Wer ist dieser Mann, den ich als Mitschüler zu kennen glaubte?

Ich will Björn Höcke selbst fragen. Vier Mal schreibe ich ihm und bitte um ein Gespräch. Schließlich kommt eine SMS. Ich soll ihn anrufen. "Ich freue mich erst mal, eine Stimme aus der weit entfernten Vergangenheit zu hören", sagt er ganz jovial am Telefon. Grundsätzlich sei er auch gesprächsbereit. Nur habe er sich wegen des Wirbels um seine Person in den vergangenen Wochen und Monaten mit seinen Parteifreunden verständigt, sich bis zu den Landtagswahlen maximal zurückzuhalten. Aber er werde über meine Bitte nachdenken, mich bald zu treffen. Doch kurz darauf sagt seine Pressesprecherin ab. Nochmals schreibe ich eine E-Mail mit vielen Fragen. Ich will Björn Höcke die Möglichkeit geben, auf die Ergebnisse meiner Recherche zu reagieren, möchte seine Sicht der Dinge hören. Die Antwort fällt kurz aus: Herr Höcke wolle sich nicht äußern. Der Dompteur der Massen kneift. Er will Deutschland retten, wagt es aber nicht, einen ehemaligen Mitschüler zu treffen. Wegen Wahlen in drei anderen Bundesländern.

Der Abiturjahrgang 1991 des Rhein-Wied-Gymnasiums, links hinten Björn Höcke, rechts der Autor © privat

Also reise ich allein in unsere Vergangenheit nach Neuwied bei Koblenz, dann weiter nach Gießen, ins Eichsfeld und nach Erfurt.

Der erste Teil dieser Reise führt mich in meinen Keller. Dort steht ganz hinten im Regal eine Umzugskiste. Klassenfotos liegen darin. Brav sitzen 23 Lateinschüler an ihren Pulten, die Bücher geöffnet. Björn Höcke blickt abwesend aus dem Fenster. Die Klassenfahrt nach Freiburg, ein sonniger Hang vor Schwarzwald-Tannen. Scharf zieht sich der Scheitel durch seine Haare, er trägt Wanderjacke und -hose, dazu schwarze Stiefel, den Kopf hält er gesenkt. Zum Abschluss der zehnten Klasse: Blick geradeaus aus einem Blouson in grellem Gelb, Rosa und Grün. Schließlich noch dieser Schnappschuss: Björn Höcke halb von hinten, Miami-Vice-Sakko, helle Jeans, weiße Stulpen, weiße Turnschuhe, schwarze Digital-Plastikarmbanduhr. Ein Kind der achtziger Jahre. Kein Anführertyp, eher angepasst. Einer, der den Anforderungen der Generation-Golf-Klassenclique zu entsprechen weiß.

Dann finde ich noch einen Leserbrief an eine Schülerzeitung vom Januar 1987. Darin fordert Björn Höcke uns Mitschüler auf, uns mehr für Politik zu interessieren: "Meistens bin ich unter den Diskutierenden, weil ich einigermaßen großes Interesse an Politik habe. Nun findet am 25. Januar dieses Jahres das größte politische Ereignis in diesem unserem Lande statt, das es nur einmal in 4 Jahren gibt, nämlich die Bundestagswahl." So hat doch Helmut Kohl damals geredet. War Björn Höcke schon Mitglied der Jungen Union, als er das schrieb? Später verließ er die CDU-Jugend wieder. Stefan Vomweg, damals JU-Kreisvorsitzender im Ort, kann sich nicht daran erinnern, dass Björn Höcke als aktives Mitglied je aufgefallen wäre. Wie war denn die Grundhaltung in der JU in jenen Jahren? "Naja, als JU-Mitglied steht man schon immer etwas weiter rechts als später in der CDU."

Björn Höcke in der 9. Klasse © privat

Wo die CDU damals stand, zeigte ihr Wahlkampf. Sie kämpfte gegen das Asylrecht. Knapp 100.000 Flüchtlinge waren 1986 in die Bundesrepublik gekommen, mehr als in allen Jahren zuvor, seit Kohl Kanzler geworden war. Dabei hatte der schon zu seinem Amtsantritt 1982 die Ausländerpolitik zu einem Schwerpunktthema gemacht. Kohl wollte "unbegrenzte und unkontrollierte Einwanderung" verhindern. Für seinen CSU-Innenminister Friedrich Zimmermann war das Asylrecht ein "Sesam-öffne-Dich" in das "Sozialparadies Bundesrepublik Deutschland".

Mancher Zungenschlag von damals klingt heute sehr vertraut. Nur dass solche Töne heute auch aus der AfD kommen. Björn Höcke treibt sie in Erfurt in schrille Höhen: "Ich fordere angesichts von Millionen Menschen, die unserer Kultur fremd sind, die überwiegend von Sozialleistungen abhängen und die oftmals weder integrationswillig noch integrationsfähig sind, eine Obergrenze von minus 200.000 im Jahr!"

Ich schiebe die Kiste zurück ins Regal. Erinnerungen sind trügerisch. Jedes Mal, wenn wir uns erinnern, setzen wir die Geschichte neu zusammen und verändern sie damit. Zugleich müssen wir uns erinnern, um die Geschichte vor jenen zu schützen, die sie manipulieren wollen. Wie AfD-Anhänger in Erfurt, die "Wir sind das Volk!" rufen, und damit absichtlich einen demokratischen Freiheitsruf nationalchauvinistisch umdeuten.

Ein "ganz starkes Heimatgefühl"

Neun Jahre lang gingen Björn Höcke und ich in Neuwied zur Schule. Neuwied, das waren seit dem 17. Jahrhundert Menschen aus aller Herren Länder. Als barocke Planstadt gegründet, versprach der Graf zu Wied Religionsfreiheit, um seine Stadt mit Leuten zu füllen. Mennoniten, Lutheraner, Calvinisten, Herrnhuter, Juden, Katholiken kamen und lebten weitgehend friedlich zusammen. Im 20. Jahrhundert dann Vertriebene aus dem Osten, Gastarbeiter aus Italien, Jugoslawien und der Türkei, Aussiedler aus der Sowjetunion, Flüchtlinge aus Syrien und Afghanistan. Nur rund 65.000 Menschen wohnen in Neuwied, doch auf dem zentralen Luisenplatz begegnet man der ganzen Welt. Wer Toleranz lernen wollte oder wissen, wie Integration funktioniert, konnte hier schon immer gut üben.

Die Braunsburg-Grundschule in Anhausen © Karsten Polke-Majewski

Dreispurig schwingt sich die Landstraße in weiten Serpentinen aus der belebten Industriezone des Neuwieder Beckens hinauf auf die Höhen des Westerwalds. Einem regionalen Fernsehsender hat Björn Höcke gesagt, auf diese bewaldeten Höhen habe er sich immer gesehnt, wenn er aus dem Fenster des Hochhauses in Neuwied gesehen habe, wohin die Familie kurz nach seiner Geburt 1972 zunächst gezogen war. Die Straße erreicht eine schneegepuderte Hochebene. Nach wenigen Kilometern komme ich nach Anhausen.

Heidelore Momm ist die Ortsbürgermeisterin, eine freundliche Frau mittleren Alters. Montagvormittags hält sie Bürgersprechstunde. Rund 1.000 Menschen leben in Anhausen, sagt sie. Man ist hier evangelisch, wählte lange Zeit mehrheitlich die SPD. Karneval gibt es nicht, auch kein Schützenfest, dafür einen Burschenverein, eine Kirmes-Gesellschaft und einen Turnverein. Die Höckes, das seien doch Zugezogene, die hätten in den siebziger Jahren drüben im Neubaugebiet gebaut. Aber Frau Momm kennt sie nicht, am Vereinsleben hätten sie sich nicht beteiligt. So seien die Einheimischen, sagt die Sekretärin der Braunsburg-Schule, in der Björn Höcke seine ersten vier Schuljahre verbrachte. Da baut man vor mehr als dreißig Jahren ein Eigenheim und gilt 2016 immer noch als Zugezogener.