Da steht er in der letzten Reihe auf einem Säulenabsatz vor dem Schultor, breitbeinig, die rechte Hand in der Tasche seiner Jeansjacke, den anderen Arm kumpelig über der Schulter seines Nachbarn gelegt, und blickt in die Kamera. Abiturjahrgang 1991 des staatlichen Rhein-Wied-Gymnasiums in Neuwied am Rhein. Mein Jahrgang. Und der von Björn Höcke.

Neun Jahre haben wir miteinander verbracht, sechs davon in einer Lateinklasse. Und ich hatte ihn vergessen. Nun sitze ich am Schreibtisch und starre auf dieses Foto. Ich bin Journalist und schreibe viel über Flüchtlingspolitik. Warum habe ich nicht sofort gemerkt, wer da seit einem halben Jahr die Republik empört? Es brauchte eine E-Mail, um mich darauf zu stoßen. Es war die Antwort auf eine Einladung zur 25-Jahr-Feier unseres Abiturs. Sehr freundlich schrieb jemand etwa so: Vielen Dank für die Einladung, aber sie ging auch an unseren ehemaligen Mitschüler Björn Höcke und ich möchte mit niemandem feiern, der rassistisches Gedankengut verbreitet.

Was ist seit diesem Foto von 1991 mit uns geschehen? Mit Björn Höcke, mit mir, mit den anderen? War er schon immer so und ich zu blind, es zu erkennen? Oder war er damals anders und hat sich so sehr gewandelt?

Kurz vor der Apokalypse

Heute steht er auf einer Bühne auf dem großen Platz vor dem verdunkelten Dom in Erfurt, die rechte Hand am Mikrophon, die markanten Gesichtszüge um die tiefliegenden Augen vom kalten Scheinwerferlicht scharf gezeichnet, den schwarzen Mantel hat er hoch geknöpft an diesem eisigen 13. Januar 2016. Aus der ersten Reihe hinter der Absperrung beobachte ich den altbekannten Fremden.

"Liebe Erfurter, liebe Landsleute!", hebt er an, "wir haben uns wieder versammelt, um unsere Pflicht zu tun", beim Wort "Pflicht" sinkt seine Stimme tiefer, als drücke sie ein gewaltiges Gewicht nieder, "nämlich die Demokratie und die Bürgerfreiheiten für unsere Kinder zu erhalten!" Raunen läuft durch die Reihen seiner Anhänger. Mehrere Tausend sind gekommen, mit Preußen-Fahnen, Schlesier-Flaggen, Kerzen und Taschenlampen jubeln sie ihm zu. Pathosschwer geht es fort, jedes Wort aufgeladen mit Bedeutung, mal donnernd laut, mal gönnerhaft belehrend, dann wieder anzüglich-ironisch, schließlich apokalyptisch beschwörend: "Die Altparteien, allen voran die CDU, sind verantwortlich für das Entstehen von Parallelgesellschaften und nur sie sind verantwortlich für die multikulturelle Revolution, die die Geschichte unseres Volkes jetzt beenden soll."

AfD-Kundgebung auf dem Erfurter Domplatz am 13. Januar 2016 © Martin Schutt/dpa

So klingt sie, die radikalisierte, hässliche Wiederkehr des Konservativismus, von der Matthias Geis jüngst in der ZEIT schrieb. Hier sammeln sich jene, die im vergangenen Jahrzehnt ihre politische Heimat am rechten Rand der Unionsparteien verloren haben, die in der Politik der Bundesregierung den Niedergang des guten alten Deutschlands sehen und die ihre Hoffnung nun in die Alternative für Deutschland setzen, Höckes Partei. Demoskopen sagen der AfD in den kommenden Landtagswahlen am 13. März hohe zweistellige Stimmengewinne voraus.

Björn Höcke, so heißt es, sei eine Schlüsselfigur für den Erfolg der AfD, obwohl er nur Landes- und Fraktionsvorsitzender in Thüringen ist. Seine Anhänger sehen in ihm einen Widerstandskämpfer. Seine großen Gesten, das stete Alles-oder-Nichts faszinieren sie. Viele Konservative erleben die Umbrüche der sich globalisierenden Welt, die sich am stärksten in der Flüchtlingskrise zeigen, als Angriff auf ihre Identität und reagieren mit Aggression. Björn Höcke kultiviert diese Wut. So ist er zu einem Star des rechtskonservativen Milieus aufgestiegen. Ein Star mit einer Mission. "Der glaubt wirklich, dass er der Deutschlandretter ist", sagt ein politischer Weggefährte.

Der Dompteur der Massen kneift

Doch woher nur kommt der Hass, der jedem entgegenschlägt, der ihn heute öffentlich reden hört? Wer ist dieser Mann, den ich als Mitschüler zu kennen glaubte?

Ich will Björn Höcke selbst fragen. Vier Mal schreibe ich ihm und bitte um ein Gespräch. Schließlich kommt eine SMS. Ich soll ihn anrufen. "Ich freue mich erst mal, eine Stimme aus der weit entfernten Vergangenheit zu hören", sagt er ganz jovial am Telefon. Grundsätzlich sei er auch gesprächsbereit. Nur habe er sich wegen des Wirbels um seine Person in den vergangenen Wochen und Monaten mit seinen Parteifreunden verständigt, sich bis zu den Landtagswahlen maximal zurückzuhalten. Aber er werde über meine Bitte nachdenken, mich bald zu treffen. Doch kurz darauf sagt seine Pressesprecherin ab. Nochmals schreibe ich eine E-Mail mit vielen Fragen. Ich will Björn Höcke die Möglichkeit geben, auf die Ergebnisse meiner Recherche zu reagieren, möchte seine Sicht der Dinge hören. Die Antwort fällt kurz aus: Herr Höcke wolle sich nicht äußern. Der Dompteur der Massen kneift. Er will Deutschland retten, wagt es aber nicht, einen ehemaligen Mitschüler zu treffen. Wegen Wahlen in drei anderen Bundesländern.

Der Abiturjahrgang 1991 des Rhein-Wied-Gymnasiums, links hinten Björn Höcke, rechts der Autor © privat

Also reise ich allein in unsere Vergangenheit nach Neuwied bei Koblenz, dann weiter nach Gießen, ins Eichsfeld und nach Erfurt.

Der erste Teil dieser Reise führt mich in meinen Keller. Dort steht ganz hinten im Regal eine Umzugskiste. Klassenfotos liegen darin. Brav sitzen 23 Lateinschüler an ihren Pulten, die Bücher geöffnet. Björn Höcke blickt abwesend aus dem Fenster. Die Klassenfahrt nach Freiburg, ein sonniger Hang vor Schwarzwald-Tannen. Scharf zieht sich der Scheitel durch seine Haare, er trägt Wanderjacke und -hose, dazu schwarze Stiefel, den Kopf hält er gesenkt. Zum Abschluss der zehnten Klasse: Blick geradeaus aus einem Blouson in grellem Gelb, Rosa und Grün. Schließlich noch dieser Schnappschuss: Björn Höcke halb von hinten, Miami-Vice-Sakko, helle Jeans, weiße Stulpen, weiße Turnschuhe, schwarze Digital-Plastikarmbanduhr. Ein Kind der achtziger Jahre. Kein Anführertyp, eher angepasst. Einer, der den Anforderungen der Generation-Golf-Klassenclique zu entsprechen weiß.

Dann finde ich noch einen Leserbrief an eine Schülerzeitung vom Januar 1987. Darin fordert Björn Höcke uns Mitschüler auf, uns mehr für Politik zu interessieren: "Meistens bin ich unter den Diskutierenden, weil ich einigermaßen großes Interesse an Politik habe. Nun findet am 25. Januar dieses Jahres das größte politische Ereignis in diesem unserem Lande statt, das es nur einmal in 4 Jahren gibt, nämlich die Bundestagswahl." So hat doch Helmut Kohl damals geredet. War Björn Höcke schon Mitglied der Jungen Union, als er das schrieb? Später verließ er die CDU-Jugend wieder. Stefan Vomweg, damals JU-Kreisvorsitzender im Ort, kann sich nicht daran erinnern, dass Björn Höcke als aktives Mitglied je aufgefallen wäre. Wie war denn die Grundhaltung in der JU in jenen Jahren? "Naja, als JU-Mitglied steht man schon immer etwas weiter rechts als später in der CDU."

Björn Höcke in der 9. Klasse © privat

Wo die CDU damals stand, zeigte ihr Wahlkampf. Sie kämpfte gegen das Asylrecht. Knapp 100.000 Flüchtlinge waren 1986 in die Bundesrepublik gekommen, mehr als in allen Jahren zuvor, seit Kohl Kanzler geworden war. Dabei hatte der schon zu seinem Amtsantritt 1982 die Ausländerpolitik zu einem Schwerpunktthema gemacht. Kohl wollte "unbegrenzte und unkontrollierte Einwanderung" verhindern. Für seinen CSU-Innenminister Friedrich Zimmermann war das Asylrecht ein "Sesam-öffne-Dich" in das "Sozialparadies Bundesrepublik Deutschland".

Mancher Zungenschlag von damals klingt heute sehr vertraut. Nur dass solche Töne heute auch aus der AfD kommen. Björn Höcke treibt sie in Erfurt in schrille Höhen: "Ich fordere angesichts von Millionen Menschen, die unserer Kultur fremd sind, die überwiegend von Sozialleistungen abhängen und die oftmals weder integrationswillig noch integrationsfähig sind, eine Obergrenze von minus 200.000 im Jahr!"

Ich schiebe die Kiste zurück ins Regal. Erinnerungen sind trügerisch. Jedes Mal, wenn wir uns erinnern, setzen wir die Geschichte neu zusammen und verändern sie damit. Zugleich müssen wir uns erinnern, um die Geschichte vor jenen zu schützen, die sie manipulieren wollen. Wie AfD-Anhänger in Erfurt, die "Wir sind das Volk!" rufen, und damit absichtlich einen demokratischen Freiheitsruf nationalchauvinistisch umdeuten.

Ein "ganz starkes Heimatgefühl"

Neun Jahre lang gingen Björn Höcke und ich in Neuwied zur Schule. Neuwied, das waren seit dem 17. Jahrhundert Menschen aus aller Herren Länder. Als barocke Planstadt gegründet, versprach der Graf zu Wied Religionsfreiheit, um seine Stadt mit Leuten zu füllen. Mennoniten, Lutheraner, Calvinisten, Herrnhuter, Juden, Katholiken kamen und lebten weitgehend friedlich zusammen. Im 20. Jahrhundert dann Vertriebene aus dem Osten, Gastarbeiter aus Italien, Jugoslawien und der Türkei, Aussiedler aus der Sowjetunion, Flüchtlinge aus Syrien und Afghanistan. Nur rund 65.000 Menschen wohnen in Neuwied, doch auf dem zentralen Luisenplatz begegnet man der ganzen Welt. Wer Toleranz lernen wollte oder wissen, wie Integration funktioniert, konnte hier schon immer gut üben.

Die Braunsburg-Grundschule in Anhausen © Karsten Polke-Majewski

Dreispurig schwingt sich die Landstraße in weiten Serpentinen aus der belebten Industriezone des Neuwieder Beckens hinauf auf die Höhen des Westerwalds. Einem regionalen Fernsehsender hat Björn Höcke gesagt, auf diese bewaldeten Höhen habe er sich immer gesehnt, wenn er aus dem Fenster des Hochhauses in Neuwied gesehen habe, wohin die Familie kurz nach seiner Geburt 1972 zunächst gezogen war. Die Straße erreicht eine schneegepuderte Hochebene. Nach wenigen Kilometern komme ich nach Anhausen.

Heidelore Momm ist die Ortsbürgermeisterin, eine freundliche Frau mittleren Alters. Montagvormittags hält sie Bürgersprechstunde. Rund 1.000 Menschen leben in Anhausen, sagt sie. Man ist hier evangelisch, wählte lange Zeit mehrheitlich die SPD. Karneval gibt es nicht, auch kein Schützenfest, dafür einen Burschenverein, eine Kirmes-Gesellschaft und einen Turnverein. Die Höckes, das seien doch Zugezogene, die hätten in den siebziger Jahren drüben im Neubaugebiet gebaut. Aber Frau Momm kennt sie nicht, am Vereinsleben hätten sie sich nicht beteiligt. So seien die Einheimischen, sagt die Sekretärin der Braunsburg-Schule, in der Björn Höcke seine ersten vier Schuljahre verbrachte. Da baut man vor mehr als dreißig Jahren ein Eigenheim und gilt 2016 immer noch als Zugezogener.

Europäische Wurzeln im Osten

Das Einfamilienhaus der Höckes steht am Drosselweg. Gleich gegenüber liegt der Friedhof, Vater und Großeltern sind dort begraben. Hier lebte Björn Höcke mit seinen Eltern und zwei Schwestern. Die Großeltern zogen später in ein Nachbardorf. Eine "hochpolitische Familie" seien sie gewesen, sagte Björn Höcke dem Regionalsender. Seine Großeltern hätten ihn intensiv mit der Familiengeschichte konfrontiert. Manchmal habe er als Junge zwischen den Großeltern im großen Bett gelegen und sie hätten ihm von früher erzählt. "Ich habe ein ganz starkes und intaktes Heimatgefühl." Für welche Heimat eigentlich?

Für die Großeltern war es Ostpreußen. Dort wurde Großmutter Hildegard 1921 in einem kleinen Weiler geboren, der kaum mehr als 200 Seelen zählte. Sie war das Familienoberhaupt, wird die Familie 2014 auf ihre Todesanzeige schreiben. Ihr Mann, Kurt Höcke, war 12 Jahre älter als sie. Eine Weile, sagte Björn Höcke, habe er selbst Gärtner werden wollen wie sein Großvater. Irgendwann sei er davon abgekommen und habe einen Beruf gesucht, "wo man sich auch selbst ein bisschen entwickeln kann in seiner Intellektualität".

Im Oktober 1944 erreichte die Rote Armee Ostpreußen. Einen Monat nach Kriegsende wurde im Juni 1945 Björn Höckes Onkel Uwe geboren, dessen Namen Björn Höcke als zweiten trägt. Drei Jahre später kam 1948 Vater Wolfgang zur Welt, in Westerstede im Ammerland. Der Landstrich westlich von Oldenburg war durch den Krieg vergleichsweise wenig zerstört worden, die britische Besatzungsmacht schickte deshalb viele Flüchtlinge dorthin. 1.614 Ostpreußen fanden in Westerstede bis 1946 Unterkunft. Manche von ihnen siedelten sich dort an, andere zogen weiter. So wie die Höckes.

Für die Familie Höcke muss die Vertreibung ein wichtiges Thema gewesen sein. Die Traueranzeige der Großmutter trägt die Elchschaufel, das Wappen der Landsmannschaft Ostpreußen, ebenso die Anzeige von Björn Höckes Vater Wolfgang, der nie in Ostpreußen gelebt hatte, nicht einmal dort geboren wurde. Und warum sonst sollte Björn Höcke diese Herkunft so betonen? Warum hing später, als er als Lehrer im nordhessischen Bad Sooden-Allendorf unterrichtete, eine Karte in seinem Klassenraum, die weit nach Osteuropa reichte? So berichtet es jemand aus der Schule. Schülern, die danach fragten, habe er gesagt: "Damit ihr eure europäischen Wurzeln immer vor Augen habt."

Meine Großeltern sind auch Vertriebene, aber es hat keine prägende Bedeutung für mich gehabt. Einige schöne Anekdoten, manche spät erzählte Grausamkeit, wenige Fotos.

Wichtige Stationen im Leben von Björn Höcke

Mentale Obdachlosigkeit

Doch in vielen Familien sei die Vertreibung nach dem Krieg zum ständigen Thema geworden, sagt Andreas Kossert. Er hat über die Folgen der Vertreibung nach 1945 geforscht. Vertriebene hätten oft eine gebrochene Identität. Nach außen hin zeigten diese Familien alle Insignien einer bürgerlichen Erfolgsgeschichte, während sie nach innen eine Art vereinsamte Parallelgesellschaft pflegten. Bis in die dritte Generation wirke das nach.

Ähnlich antwortet Wolfgang Thüne. Er ist Sprecher der Landesgruppe Rheinland-Pfalz in der Landsmannschaft Ostpreußen. "Es hat nie wieder nach dem Krieg so einen Familienzusammenhalt gegeben, wie er in Ostpreußen war. Ich habe hier meinen Wohnsitz, ich finde es schön hier, aber ich bin nach wie vor Ostpreuße." Kamen denn viele Ostpreußen nach Rheinland-Pfalz? "Nicht sehr viele. Die Franzosen haben ja erst nach 1948 Vertriebene in ihre Besatzungszone aufgenommen."

Eine einsame ostpreußische Familie lebt in einem Dorf im Westerwald, das für sie keine neue Heimat geworden ist – muss man es sich so vorstellen?

Dazu passt der Opfermythos, den viele Vertriebene pflegen. Verjagt aus der Heimat und zum Sündenbock für die Verbrechen der Deutschen in Krieg und Holocaust gemacht. Von den Einheimischen im Westen diskriminiert. Von der SPD verraten, als die Brandt-Regierung die Ostverträge aushandelte. Von der CDU und Helmut Kohl abermals verraten, als Wende und Wiedervereinigung kamen und Mitteldeutschland zu Ostdeutschland wurde, der alte Osten verschwand. All das, nachdem man der gewalttätigen Rückgewinnung der Heimat abgeschworen hatte. Obwohl man fleißig geschuftet hatte, um das Land wieder aufbauen zu können. Kossert nennt es "mentale Obdachlosigkeit".

Auch Björn Höcke spielt gerne mit dem Bild des Opfers. Der arme, unbedarfte Lehrer, der aus Sorge um sein Land in die Politik gehen muss. Der missverstandene Neupolitiker, dem das politische Establishment und die Medien Übles wollen.

Nach Hause durch den Wald gejoggt

Die Nachbarn in Anhausen erzählen von einer freundlichen, aber damals zurückgezogen lebenden Familie. Die Mutter von Björn Höcke, Krankenschwester und Altenpflegerin, sei immer hilfsbereit gewesen und habe Schwiegermutter, Schwager und Mann aufopferungsvoll gepflegt. Der Vater, Sonderschullehrer an der Landesblindenschule in Neuwied und selbst sehbehindert, sei ein netter Mann gewesen, wenn auch etwas emotional, "ein Stoßvogel". So nennt man hier die Polterer. Auch die Großmutter lebte eher für sich. "In Rüscheid wohnen nur 800 Leute, und trotzdem kannten viele Leute nicht einmal den Namen Höcke", sagt ein Nachbar.

Und Björn Höcke? "Der Björn war so ein richtig lieber Kerl, den man gern hatte." Ähnliches berichten die Lehrer: "ein unauffälliger Schüler"; "vielleicht etwas stromlinienförmig"; "in Geschichte hat er ein sehr gutes Abitur geschrieben"; "der ist doch immer nach Hause gejoggt durch den Wald – war sehr sportlich".

Rechtskonservative Verbindungen

Ein durchschnittliches bürgerliches Leben. Wäre da nicht dieses Abonnement. Der Name seines Vaters Wolfgang Höcke, so belegen es Recherchen des Soziologen Andreas Kemper und von ZEIT ONLINE, taucht in der Abo-Datei der antisemitischen Zeitschrift Die Bauernschaft auf. Der Holocaust-Leugner Thies Christophersen, ein Landwirt aus Schleswig-Holstein, verantwortete das Heft. In Deutschland war es verboten.

Der Name Wolfgang Höcke findet sich auch unter einem Solidaritätsaufruf für den CDU-Abgeordneten Martin Hohmann. Hohmann war aus der CDU ausgeschlossen worden, weil er eine als antisemitisch empfundene Rede gehalten hatte. In der Unterzeichnerliste steht auch der Name Heiner Hofsommer. Er ist ebenfalls ehemaliges CDU-Mitglied, wurde als hessischer Schulrektor wegen rassistischer Äußerungen abgelöst und trat in Thüringen als Berater von Björn Höcke auf, als dieser schon Fraktionsvorsitzender der AfD war. Beide, Hohmann und Hofsommer, gehörten zum nationalkonservativen Flügel der CDU, der sich einst in Osthessen um Alfred Dregger geschart hatte. Hohmann hatte später Dreggers Wahlkreis in Fulda übernommen.

Björn Höcke im Landtagswahlkampf 2014 © Jens Schlueter/Getty Images

Der Aufruf wurde in einem Buch dokumentiert, in dem auch der heutige Landesvorsitzende der AfD in Brandenburg, Alexander Gauland, zitiert wird. Damals noch Herausgeber der Regionalzeitung Märkische Allgemeine, schrieb Gauland: "Es reicht nicht zu sagen, der Mann hat keinen Platz in unseren Reihen, man muss auch begründen, warum in Deutschland einer wie Hohmann keine zweite Chance bekommt, während Michel Friedman die seine bereits nutzt." Inzwischen kandidiert Hohmann bei den hessischen Kommunalwahlen für die AfD.

Schließlich steht der Name Wolfgang Höcke noch in einer Kondolenzliste, abgedruckt in einer Gedenkschrift für den deutschnationalen Journalisten Wolfgang Venohr. Das Buch hat der Chefredakteur der rechtskonservativen Zeitung Junge Freiheit, Dieter Stein, 2005 herausgegeben. Die Gedenkschrift versammelt viele rechtsgerichtete Autoren.

Einige dieser Namen tauchen später wieder im Umfeld von Björn Höcke auf, Karlheinz Weißmann beispielsweise. Weißmann war neben Götz Kubitschek lange eine wichtige Gestalt am Institut für Staatspolitik, das seit den neunziger Jahren den Plan verfolgt, eine rechte Elite aufzubauen, um einen Umschwung im Land herbeizuführen. Björn Höcke wiederum hielt an ebenjenem Institut seinen berüchtigten Vortrag, in dem er Afrikanern und Europäern unterschiedliche Fortpflanzungsstrategien unterstellte. Er nutzte das Institut zudem als Tagungsort für die thüringische AfD-Landtagsfraktion.

In der Kondolenzliste mit Wolfgang Höckes Namen steht wiederum Martin Hohmann, noch weiter unten auch der Kreisverband Hochtaunus der rechtsextremen Republikaner – alles Unterstützer, die laut Herausgeber Stein "dankenswerterweise durch einen erhöhten Kaufpreis zur Finanzierung der Druckkosten dieses Buches beitragen". Geworben hatte sein Verlag diese Unterstützer durch ein Massenmailing an Abonnementen der Jungen Freiheit, sagte Stein ZEIT ONLINE.

Björn Höcke wuchs also offenbar in einem Haushalt auf, in dem rechtskonservative Gedanken gepflegt wurden, in einer Zeit, in der Anhänger solcher Ideen es meist noch für klüger hielten, ihre Ansichten vor der Welt zu verbergen. Das Haus am Drosselweg wurde im vergangenen Jahr verkauft. Wolfgang Höcke ist 2010 gestorben. "Tapfer, mutig, kraftvoll, warmherzig", steht auf seinem Grabstein.

Radikal? Unauffällig und scheu

Burg Hanstein oberhalb von Bornhagen © Karsten Polke-Majewski

Von Anhausen fährt man rund 90 Minuten nach Gießen. Björn Höcke hat dort vom Wintersemester 1993 bis zum Wintersemester 1998 studiert, nach Wehrdienst und einer zweisemestrigen Jura-Episode in Bonn. Sport und Geschichte auf gymnasiales Lehramt. Oder wohl eher Geschichte und Sport. Horst Giesler war damals Dozent. Er traf Björn Höcke in seinen sporthistorischen Seminaren. Der Student fiel Giesler auf, weil er dieselben Fächer kombinierte, die auch Giesler studiert hatte, und seinen Mitstudenten in historischen Fragen weit voraus war. "Ein Student, der eher still ist, aber nach vorne tritt, wenn er seine Lücke sieht." Er habe damals schon den Eindruck eines eher konservativen Zeitgenossen gemacht, sei sehr wertschätzend gegenüber seinen Dozenten aufgetreten. "Das war keiner, der ständig auf dem Sport-Campus präsent gewesen wäre. Die geselligen Aspekte des Sportstudiums waren ihm nicht so wichtig."

Ähnliches berichtet Ralf Karber. Er studierte zur selben Zeit Sport. Zweimal in der Woche hätten sie sich zur Examenslerngruppe getroffen, auch privat. "Aber bei ihm waren wir nie, ich weiß auch gar nicht, wo er gewohnt hat." Dann sagt Karber noch: "Entweder hat sich seine politische und weltanschauliche Gesinnung in den vergangenen Jahren erst so radikal entwickelt oder er hatte sie damals geschickt verborgen."

Dieses Muster begegnet mir immer wieder, wenn ich mit Menschen spreche, die Björn Höcke kennenlernten, an der Universität, in seinem Wohnort, im Lehrerkollegium, auch unter politischen Weggefährten: nett und zugewandt, trotzdem unauffällig und scheu.

Zu Hause in Bornhagen

Wo Hessen und Thüringen aufeinanderstoßen, fließt die Werra. Fachwerkstädtchen säumen den Fluss, auf den Höhen stehen mittelalterliche Burgen. Einige Kilometer nordöstlich von Bad Sooden-Allendorf schmiegt sich das Dorf Bornhagen an einen Hügel, auf dem die Burg Hanstein thront. Hier begegnen sich die Deutsche Märchen- und die Deutsche Wurststraße. Keine 300 Menschen leben im Ort.

Etwas oberhalb des Klausenhofs, in dem schon die Gebrüder Grimm übernachteten, steht eine graue, unscheinbare evangelische Kirche. Dahinter ein holzvertäfeltes Haus mit einem ebensolchen Seitengebäude. Hier wohnt Björn Höcke heute.

Früher war es einmal das Pfarrhaus, nach dem Krieg lebten zwei Familien darin. Es gibt einen Gewölbekeller, in den sich die Bewohner damals aus Angst vor Blindgängern flüchteten, wenn alliierte Bomber Angriffe auf Kassel flogen. Zu DDR-Zeiten verödete das Dorf. Die Landesgrenze verläuft in unmittelbarer Nähe, Bornhagen lag im Sperrgebiet.

Heute hat sich der Ort herausgeputzt, 60 Flüchtlinge wohnen in einem ehemaligen NVA-Armeeheim. Den Nachbarn ist wenig zu entlocken. Man kennt die Höckes, man sieht den Abgeordneten beim Joggen, "über Politik rede ich nicht mit ihm". Bei der Landtagswahl 2014 erhielt er im Ort 38 Prozent der Erststimmen.

Auf halber Höhe zwischen Bornhagen und der Burg zieht sich ein Weg an der Waldkante entlang. Ich blicke über das Pfarrhaus, die Kirche, das Dorf in die sanfte Hügellandschaft des Eichsfeld und stelle mir Björn Höcke als glücklichen Mann vor. Er hat alles erreicht, was sich für ein bürgerliches Leben wünschen lässt: ein gutes Examen, eine Karriere in der Schule bis zum Oberstudienrat und Ganztageskoordinator. Ein gutes Einkommen, die Besoldungsgruppe A14 in Hessen bringt in seiner Lebenssituation mehr als 70.000 Euro im Jahr ein. Eine große Familie, vier Kinder, ein schickes Haus. Er lebt in einem der freisten und egalitärsten Länder dieser Welt. Trotz aller Konflikte, die um Deutschland herum aufbrechen: Eine existenzielle Bedrohung wie den Kalten Krieg gibt es nicht mehr, keinen großen Feind, den es zu besiegen gälte. Und nie stand Deutschland wirtschaftlich so gut da wie heute.

"Wir kommen wieder!" Abgang.

"Manchmal könnte man meinen, dass unser Land bewusst ins Chaos gestürzt wird, um eine neue autoritäre Ordnung aufzurichten." So gellte Björn Höckes Stimme über den Erfurter Domplatz. Auf dem Weg durch die Altstadt zu seinem Auftritt war ich in eine Gegendemonstration geraten. Bunte Fahnen, eine bunte Menschenmenge, aus Lautsprechern dröhnte laute Musik. Die Polizei hatte den Domplatz mit Gittern in Hälften geteilt. Als die Gegendemo den Platz erreichte, hatte sich an der AfD-Bühne erst eine kleine Anzahl Anhänger versammelt. Ein Mann mit grüner Pudelmütze zischt einem andern zu: "Ich will ja nix sagen, aber die gehörten mal vergewaltigt." "Lass mal, wenn wir erst dran sind, kriegen die auch noch ihr Fett weg", schimpfte der andere zurück. Dann die ersten Rufe: "Höcke, Höcke!"

Erst hält Björn Höcke sich abseits, lässt andere die Menge anheizen. Schließlich tritt er auf die Bühne. Ein Raunen geht durch die Menge, Blitzlichtgewitter, wieder "Höcke, Höcke!", aufgeregtes Gedränge, wie Groupies, die ihrem Star nahe sein wollen. Darauf Wir sind wir, der immergleiche Song von Paul van Dyk, dessen Verwendung van Dyk der AfD inzwischen untersagt hat.

Was folgt, ist mehr als die Wiederkehr eines hässlichen Konservativismus. Es ist auch ein Beispiel für jene Methode der ständigen Provokation, die am Institut für Staatspolitik des Neurechten Götz Kubitschek propagiert wird. Björn Höcke ruft: "Hier stehen keine Fremdenfeinde, hier stehen Inländerfreunde!" "Wir haben Hunderttausende untergetauchte illegale Einwanderer, wir haben Millionen Muslime, die in nicht-integrierten Parallelgesellschaften leben." "Wir schaffen das nicht und wir wollen das nicht schaffen." "Merkel hat den Verstand verloren, sie muss in den politischen Ruhestand geschickt werden oder in einer Zwangsjacke aus dem Bundeskanzleramt abgeführt werden." Staatskrise, Notlage, gescheiterter Staat, "Lückenpresse", "geistig-moralisch kastrierte Schreiberlinge", Deutschland ist nicht verhandelbar. "Wir kommen wieder!" Abgang.

Höcke verschiebt die Grenzen des Sagbaren nach rechts

Allmählich wird deutlich: Es war keine plötzliche Wandlung. Der ideologische Kern war längst gereift, nur für die meisten, die ihm begegneten, nicht sichtbar. Björn Höcke kennt rechtskonservatives Denken offenbar seit Jugendtagen. Und zumindest für die vergangenen zehn Jahre lässt sich zeigen, dass er nach Möglichkeiten suchte, sich politisch auszudrücken. 2006 druckt die Hessisch-Niedersächsische Allgemeine einen Leserbrief von Björn Höcke. Er schreibt über den alliierten Angriff auf Dresden 1945: "In der Weltgeschichte sind niemals zuvor und niemals danach in so kurzer Zeit so viele Menschen vom Leben zum Tode befördert worden wie im ehemaligen Elbflorenz." Als hätte es den Holocaust nie gegeben. Björn Höcke trifft im Jahr darauf Dieter Stein und Heiner Hofsommer bei einer Versammlung einer rechtskonservativen Gruppe in Fulda. Im Oktober 2008 schreibt Björn Höcke der Jungen Freiheit einen Leserbrief, in dem er dazu auffordert, einen "Dritten Weg" als Alternative zum "zinsbasierten Globalkapitalismus" zu diskutieren. Wiederum ein Jahr später empfiehlt er angeblich im Geschichtsunterricht, das Buch Psychologie der Massen von Gustave Le Bon zu lesen, berichtet ein Schüler. Das Buch hatte großen Einfluss auf die Propaganda der Nationalsozialisten. 2011 lud Björn Höcke Gleichgesinnte ein, um eine "Patriotische Deutsche Gesellschaft" zu gründen, die jedoch über die Einrichtung einer Website nie wesentlich hinauskam. Im August 2013 wird Björn Höcke Landesprecher der AfD in Thüringen und steigt schnell zur Führungsgestalt auf.

Ist Björn Höcke nur ein Populist - oder schon ein Fall für die Justiz? Christian Fuchs und Martin Machowecz schreiben in der aktuellen Ausgabe der ZEIT über den "Mann an der Grenze".

Seither ist alles Provokation, was Björn Höcke sagt: Rassistische Aussagen über angebliche afrikanische Reproduktionsstrategien, empörende Anspielungen wie "1.000 Jahre Deutschland". Aber immer formuliert er so, dass Wohlmeinende ihn noch am rechten Rand des demokratischen Konservativismus verorten können, während die äußerste Rechte die Bilder wohl zu lesen weiß. Stück für Stück verschiebt er die Grenze des Sagbaren immer weiter nach rechts.

Doch dahinter steht kein fertiges Weltbild. Fachleute finden Anleihen der Neuen Rechten, der Vorkriegstradition der "Konservativen Revolution", völkisches Denken und Naturmystik, Nationalchauvinismus und neuheidnische Elemente, dazu eine merkwürdige Vorstellung preußischer Tugenden. "Das ist keine konsistente Ideologie, die durchgebildet wäre, geformt in einer Gruppe, die ähnlich denkt", sagt der Soziologe Helmut Kellershohn. Benjamin Hoff, Chef der Staatskanzlei in Thüringen, nennt es einen politischen Diskurs, der als "eine Art Schnittstellenmanagement zwischen Konservativismus und Rechtsextremismus" verstanden werden könne.

In dieser Unschärfe bietet sich Björn Höcke seinen Anhängern als Projektionsfläche an für vielfältige deutschtümelnde, islamophobe, eliten- und systemfeindliche Vorstellungen. Zugleich liefert er starke Gefühle. Wer an einem eisig-dunklen Januarabend mit seiner Taschenlampe den unbeleuchteten Erfurter Dom anfunzelt und ihn rufen hört "Wie schön er ist, u-n-s-e-r Dom!", der kann sich groß fühlen. Der Höcke-Jubel dieser Leute bedient wiederum Björn Höckes Bedürfnis nach Anerkennung. Das drückt sich aus, wenn er in Magdeburg vor dem Dom dem dort vor 1.000 Jahren begrabenen Kaiser Otto zuruft "Otto – ich grüße Dich!", als würde jener antworten. Oder wenn er die Kanzlerin oder auch nur Horst Seehofer in Erfurt auffordert, doch endlich auf ihn zu hören. Es schlägt sich auch in einem zweiseitigen Brief an seine ehemaligen Lehrerkollegen in Bad Sooden-Allendorf nieder, in dem er sich beschwert, dort nicht ehrenvoll verabschiedet worden zu sein, "ein Mann, der nichts Böses im Schilde führt" und "allein aus Sorge um die Zukunft seines Landes" handelt.

Auf der Heimfahrt muss ich noch einmal an eine Episode aus unserer gemeinsamen Schulzeit denken. Geschichte Leistungskurs, kurz nach dem 3. Oktober 1990. Begeistert erzählte Björn Höcke, wie er mit seinen JU-Freunden die Einheitsfeier am Deutschen Eck in Koblenz erlebte. 35.000 Menschen waren gekommen und hatten zugesehen, wie die Fahnen der neuen Bundesländer aufgezogen worden waren. Ein großer deutscher Moment. Unsere Geschichtslehrerin erinnert sich an Björn Höckes Erzählung. "Da hat er sich sehr gefreut. Den anderen im Kurs war das ja eher fremd."

Haben Sie Informationen zu diesem Thema? Oder zu anderen Vorgängen in Politik und Wirtschaft, von denen die Öffentlichkeit sie erfahren sollte? Wir sind dankbar für jeden Hinweis. Dokumente, Daten oder Fotos können Sie hier in unserem anonymen Briefkasten deponieren.

Mitarbeit: Christian Fuchs und Martin Machowecz