Das Einfamilienhaus der Höckes steht am Drosselweg. Gleich gegenüber liegt der Friedhof, Vater und Großeltern sind dort begraben. Hier lebte Björn Höcke mit seinen Eltern und zwei Schwestern. Die Großeltern zogen später in ein Nachbardorf. Eine "hochpolitische Familie" seien sie gewesen, sagte Björn Höcke dem Regionalsender. Seine Großeltern hätten ihn intensiv mit der Familiengeschichte konfrontiert. Manchmal habe er als Junge zwischen den Großeltern im großen Bett gelegen und sie hätten ihm von früher erzählt. "Ich habe ein ganz starkes und intaktes Heimatgefühl." Für welche Heimat eigentlich?

Für die Großeltern war es Ostpreußen. Dort wurde Großmutter Hildegard 1921 in einem kleinen Weiler geboren, der kaum mehr als 200 Seelen zählte. Sie war das Familienoberhaupt, wird die Familie 2014 auf ihre Todesanzeige schreiben. Ihr Mann, Kurt Höcke, war 12 Jahre älter als sie. Eine Weile, sagte Björn Höcke, habe er selbst Gärtner werden wollen wie sein Großvater. Irgendwann sei er davon abgekommen und habe einen Beruf gesucht, "wo man sich auch selbst ein bisschen entwickeln kann in seiner Intellektualität".

Im Oktober 1944 erreichte die Rote Armee Ostpreußen. Einen Monat nach Kriegsende wurde im Juni 1945 Björn Höckes Onkel Uwe geboren, dessen Namen Björn Höcke als zweiten trägt. Drei Jahre später kam 1948 Vater Wolfgang zur Welt, in Westerstede im Ammerland. Der Landstrich westlich von Oldenburg war durch den Krieg vergleichsweise wenig zerstört worden, die britische Besatzungsmacht schickte deshalb viele Flüchtlinge dorthin. 1.614 Ostpreußen fanden in Westerstede bis 1946 Unterkunft. Manche von ihnen siedelten sich dort an, andere zogen weiter. So wie die Höckes.

Für die Familie Höcke muss die Vertreibung ein wichtiges Thema gewesen sein. Die Traueranzeige der Großmutter trägt die Elchschaufel, das Wappen der Landsmannschaft Ostpreußen, ebenso die Anzeige von Björn Höckes Vater Wolfgang, der nie in Ostpreußen gelebt hatte, nicht einmal dort geboren wurde. Und warum sonst sollte Björn Höcke diese Herkunft so betonen? Warum hing später, als er als Lehrer im nordhessischen Bad Sooden-Allendorf unterrichtete, eine Karte in seinem Klassenraum, die weit nach Osteuropa reichte? So berichtet es jemand aus der Schule. Schülern, die danach fragten, habe er gesagt: "Damit ihr eure europäischen Wurzeln immer vor Augen habt."

Meine Großeltern sind auch Vertriebene, aber es hat keine prägende Bedeutung für mich gehabt. Einige schöne Anekdoten, manche spät erzählte Grausamkeit, wenige Fotos.

Wichtige Stationen im Leben von Björn Höcke

Mentale Obdachlosigkeit

Doch in vielen Familien sei die Vertreibung nach dem Krieg zum ständigen Thema geworden, sagt Andreas Kossert. Er hat über die Folgen der Vertreibung nach 1945 geforscht. Vertriebene hätten oft eine gebrochene Identität. Nach außen hin zeigten diese Familien alle Insignien einer bürgerlichen Erfolgsgeschichte, während sie nach innen eine Art vereinsamte Parallelgesellschaft pflegten. Bis in die dritte Generation wirke das nach.

Ähnlich antwortet Wolfgang Thüne. Er ist Sprecher der Landesgruppe Rheinland-Pfalz in der Landsmannschaft Ostpreußen. "Es hat nie wieder nach dem Krieg so einen Familienzusammenhalt gegeben, wie er in Ostpreußen war. Ich habe hier meinen Wohnsitz, ich finde es schön hier, aber ich bin nach wie vor Ostpreuße." Kamen denn viele Ostpreußen nach Rheinland-Pfalz? "Nicht sehr viele. Die Franzosen haben ja erst nach 1948 Vertriebene in ihre Besatzungszone aufgenommen."

Eine einsame ostpreußische Familie lebt in einem Dorf im Westerwald, das für sie keine neue Heimat geworden ist – muss man es sich so vorstellen?

Dazu passt der Opfermythos, den viele Vertriebene pflegen. Verjagt aus der Heimat und zum Sündenbock für die Verbrechen der Deutschen in Krieg und Holocaust gemacht. Von den Einheimischen im Westen diskriminiert. Von der SPD verraten, als die Brandt-Regierung die Ostverträge aushandelte. Von der CDU und Helmut Kohl abermals verraten, als Wende und Wiedervereinigung kamen und Mitteldeutschland zu Ostdeutschland wurde, der alte Osten verschwand. All das, nachdem man der gewalttätigen Rückgewinnung der Heimat abgeschworen hatte. Obwohl man fleißig geschuftet hatte, um das Land wieder aufbauen zu können. Kossert nennt es "mentale Obdachlosigkeit".

Auch Björn Höcke spielt gerne mit dem Bild des Opfers. Der arme, unbedarfte Lehrer, der aus Sorge um sein Land in die Politik gehen muss. Der missverstandene Neupolitiker, dem das politische Establishment und die Medien Übles wollen.

Nach Hause durch den Wald gejoggt

Die Nachbarn in Anhausen erzählen von einer freundlichen, aber damals zurückgezogen lebenden Familie. Die Mutter von Björn Höcke, Krankenschwester und Altenpflegerin, sei immer hilfsbereit gewesen und habe Schwiegermutter, Schwager und Mann aufopferungsvoll gepflegt. Der Vater, Sonderschullehrer an der Landesblindenschule in Neuwied und selbst sehbehindert, sei ein netter Mann gewesen, wenn auch etwas emotional, "ein Stoßvogel". So nennt man hier die Polterer. Auch die Großmutter lebte eher für sich. "In Rüscheid wohnen nur 800 Leute, und trotzdem kannten viele Leute nicht einmal den Namen Höcke", sagt ein Nachbar.

Und Björn Höcke? "Der Björn war so ein richtig lieber Kerl, den man gern hatte." Ähnliches berichten die Lehrer: "ein unauffälliger Schüler"; "vielleicht etwas stromlinienförmig"; "in Geschichte hat er ein sehr gutes Abitur geschrieben"; "der ist doch immer nach Hause gejoggt durch den Wald – war sehr sportlich".

Rechtskonservative Verbindungen

Ein durchschnittliches bürgerliches Leben. Wäre da nicht dieses Abonnement. Der Name seines Vaters Wolfgang Höcke, so belegen es Recherchen des Soziologen Andreas Kemper und von ZEIT ONLINE, taucht in der Abo-Datei der antisemitischen Zeitschrift Die Bauernschaft auf. Der Holocaust-Leugner Thies Christophersen, ein Landwirt aus Schleswig-Holstein, verantwortete das Heft. In Deutschland war es verboten.

Der Name Wolfgang Höcke findet sich auch unter einem Solidaritätsaufruf für den CDU-Abgeordneten Martin Hohmann. Hohmann war aus der CDU ausgeschlossen worden, weil er eine als antisemitisch empfundene Rede gehalten hatte. In der Unterzeichnerliste steht auch der Name Heiner Hofsommer. Er ist ebenfalls ehemaliges CDU-Mitglied, wurde als hessischer Schulrektor wegen rassistischer Äußerungen abgelöst und trat in Thüringen als Berater von Björn Höcke auf, als dieser schon Fraktionsvorsitzender der AfD war. Beide, Hohmann und Hofsommer, gehörten zum nationalkonservativen Flügel der CDU, der sich einst in Osthessen um Alfred Dregger geschart hatte. Hohmann hatte später Dreggers Wahlkreis in Fulda übernommen.

Björn Höcke im Landtagswahlkampf 2014 © Jens Schlueter/Getty Images

Der Aufruf wurde in einem Buch dokumentiert, in dem auch der heutige Landesvorsitzende der AfD in Brandenburg, Alexander Gauland, zitiert wird. Damals noch Herausgeber der Regionalzeitung Märkische Allgemeine, schrieb Gauland: "Es reicht nicht zu sagen, der Mann hat keinen Platz in unseren Reihen, man muss auch begründen, warum in Deutschland einer wie Hohmann keine zweite Chance bekommt, während Michel Friedman die seine bereits nutzt." Inzwischen kandidiert Hohmann bei den hessischen Kommunalwahlen für die AfD.

Schließlich steht der Name Wolfgang Höcke noch in einer Kondolenzliste, abgedruckt in einer Gedenkschrift für den deutschnationalen Journalisten Wolfgang Venohr. Das Buch hat der Chefredakteur der rechtskonservativen Zeitung Junge Freiheit, Dieter Stein, 2005 herausgegeben. Die Gedenkschrift versammelt viele rechtsgerichtete Autoren.

Einige dieser Namen tauchen später wieder im Umfeld von Björn Höcke auf, Karlheinz Weißmann beispielsweise. Weißmann war neben Götz Kubitschek lange eine wichtige Gestalt am Institut für Staatspolitik, das seit den neunziger Jahren den Plan verfolgt, eine rechte Elite aufzubauen, um einen Umschwung im Land herbeizuführen. Björn Höcke wiederum hielt an ebenjenem Institut seinen berüchtigten Vortrag, in dem er Afrikanern und Europäern unterschiedliche Fortpflanzungsstrategien unterstellte. Er nutzte das Institut zudem als Tagungsort für die thüringische AfD-Landtagsfraktion.

In der Kondolenzliste mit Wolfgang Höckes Namen steht wiederum Martin Hohmann, noch weiter unten auch der Kreisverband Hochtaunus der rechtsextremen Republikaner – alles Unterstützer, die laut Herausgeber Stein "dankenswerterweise durch einen erhöhten Kaufpreis zur Finanzierung der Druckkosten dieses Buches beitragen". Geworben hatte sein Verlag diese Unterstützer durch ein Massenmailing an Abonnementen der Jungen Freiheit, sagte Stein ZEIT ONLINE.

Björn Höcke wuchs also offenbar in einem Haushalt auf, in dem rechtskonservative Gedanken gepflegt wurden, in einer Zeit, in der Anhänger solcher Ideen es meist noch für klüger hielten, ihre Ansichten vor der Welt zu verbergen. Das Haus am Drosselweg wurde im vergangenen Jahr verkauft. Wolfgang Höcke ist 2010 gestorben. "Tapfer, mutig, kraftvoll, warmherzig", steht auf seinem Grabstein.