Burg Hanstein oberhalb von Bornhagen © Karsten Polke-Majewski

Von Anhausen fährt man rund 90 Minuten nach Gießen. Björn Höcke hat dort vom Wintersemester 1993 bis zum Wintersemester 1998 studiert, nach Wehrdienst und einer zweisemestrigen Jura-Episode in Bonn. Sport und Geschichte auf gymnasiales Lehramt. Oder wohl eher Geschichte und Sport. Horst Giesler war damals Dozent. Er traf Björn Höcke in seinen sporthistorischen Seminaren. Der Student fiel Giesler auf, weil er dieselben Fächer kombinierte, die auch Giesler studiert hatte, und seinen Mitstudenten in historischen Fragen weit voraus war. "Ein Student, der eher still ist, aber nach vorne tritt, wenn er seine Lücke sieht." Er habe damals schon den Eindruck eines eher konservativen Zeitgenossen gemacht, sei sehr wertschätzend gegenüber seinen Dozenten aufgetreten. "Das war keiner, der ständig auf dem Sport-Campus präsent gewesen wäre. Die geselligen Aspekte des Sportstudiums waren ihm nicht so wichtig."

Ähnliches berichtet Ralf Karber. Er studierte zur selben Zeit Sport. Zweimal in der Woche hätten sie sich zur Examenslerngruppe getroffen, auch privat. "Aber bei ihm waren wir nie, ich weiß auch gar nicht, wo er gewohnt hat." Dann sagt Karber noch: "Entweder hat sich seine politische und weltanschauliche Gesinnung in den vergangenen Jahren erst so radikal entwickelt oder er hatte sie damals geschickt verborgen."

Dieses Muster begegnet mir immer wieder, wenn ich mit Menschen spreche, die Björn Höcke kennenlernten, an der Universität, in seinem Wohnort, im Lehrerkollegium, auch unter politischen Weggefährten: nett und zugewandt, trotzdem unauffällig und scheu.

Zu Hause in Bornhagen

Wo Hessen und Thüringen aufeinanderstoßen, fließt die Werra. Fachwerkstädtchen säumen den Fluss, auf den Höhen stehen mittelalterliche Burgen. Einige Kilometer nordöstlich von Bad Sooden-Allendorf schmiegt sich das Dorf Bornhagen an einen Hügel, auf dem die Burg Hanstein thront. Hier begegnen sich die Deutsche Märchen- und die Deutsche Wurststraße. Keine 300 Menschen leben im Ort.

Etwas oberhalb des Klausenhofs, in dem schon die Gebrüder Grimm übernachteten, steht eine graue, unscheinbare evangelische Kirche. Dahinter ein holzvertäfeltes Haus mit einem ebensolchen Seitengebäude. Hier wohnt Björn Höcke heute.

Früher war es einmal das Pfarrhaus, nach dem Krieg lebten zwei Familien darin. Es gibt einen Gewölbekeller, in den sich die Bewohner damals aus Angst vor Blindgängern flüchteten, wenn alliierte Bomber Angriffe auf Kassel flogen. Zu DDR-Zeiten verödete das Dorf. Die Landesgrenze verläuft in unmittelbarer Nähe, Bornhagen lag im Sperrgebiet.

Heute hat sich der Ort herausgeputzt, 60 Flüchtlinge wohnen in einem ehemaligen NVA-Armeeheim. Den Nachbarn ist wenig zu entlocken. Man kennt die Höckes, man sieht den Abgeordneten beim Joggen, "über Politik rede ich nicht mit ihm". Bei der Landtagswahl 2014 erhielt er im Ort 38 Prozent der Erststimmen.

Auf halber Höhe zwischen Bornhagen und der Burg zieht sich ein Weg an der Waldkante entlang. Ich blicke über das Pfarrhaus, die Kirche, das Dorf in die sanfte Hügellandschaft des Eichsfeld und stelle mir Björn Höcke als glücklichen Mann vor. Er hat alles erreicht, was sich für ein bürgerliches Leben wünschen lässt: ein gutes Examen, eine Karriere in der Schule bis zum Oberstudienrat und Ganztageskoordinator. Ein gutes Einkommen, die Besoldungsgruppe A14 in Hessen bringt in seiner Lebenssituation mehr als 70.000 Euro im Jahr ein. Eine große Familie, vier Kinder, ein schickes Haus. Er lebt in einem der freisten und egalitärsten Länder dieser Welt. Trotz aller Konflikte, die um Deutschland herum aufbrechen: Eine existenzielle Bedrohung wie den Kalten Krieg gibt es nicht mehr, keinen großen Feind, den es zu besiegen gälte. Und nie stand Deutschland wirtschaftlich so gut da wie heute.

"Wir kommen wieder!" Abgang.

"Manchmal könnte man meinen, dass unser Land bewusst ins Chaos gestürzt wird, um eine neue autoritäre Ordnung aufzurichten." So gellte Björn Höckes Stimme über den Erfurter Domplatz. Auf dem Weg durch die Altstadt zu seinem Auftritt war ich in eine Gegendemonstration geraten. Bunte Fahnen, eine bunte Menschenmenge, aus Lautsprechern dröhnte laute Musik. Die Polizei hatte den Domplatz mit Gittern in Hälften geteilt. Als die Gegendemo den Platz erreichte, hatte sich an der AfD-Bühne erst eine kleine Anzahl Anhänger versammelt. Ein Mann mit grüner Pudelmütze zischt einem andern zu: "Ich will ja nix sagen, aber die gehörten mal vergewaltigt." "Lass mal, wenn wir erst dran sind, kriegen die auch noch ihr Fett weg", schimpfte der andere zurück. Dann die ersten Rufe: "Höcke, Höcke!"

Erst hält Björn Höcke sich abseits, lässt andere die Menge anheizen. Schließlich tritt er auf die Bühne. Ein Raunen geht durch die Menge, Blitzlichtgewitter, wieder "Höcke, Höcke!", aufgeregtes Gedränge, wie Groupies, die ihrem Star nahe sein wollen. Darauf Wir sind wir, der immergleiche Song von Paul van Dyk, dessen Verwendung van Dyk der AfD inzwischen untersagt hat.

Was folgt, ist mehr als die Wiederkehr eines hässlichen Konservativismus. Es ist auch ein Beispiel für jene Methode der ständigen Provokation, die am Institut für Staatspolitik des Neurechten Götz Kubitschek propagiert wird. Björn Höcke ruft: "Hier stehen keine Fremdenfeinde, hier stehen Inländerfreunde!" "Wir haben Hunderttausende untergetauchte illegale Einwanderer, wir haben Millionen Muslime, die in nicht-integrierten Parallelgesellschaften leben." "Wir schaffen das nicht und wir wollen das nicht schaffen." "Merkel hat den Verstand verloren, sie muss in den politischen Ruhestand geschickt werden oder in einer Zwangsjacke aus dem Bundeskanzleramt abgeführt werden." Staatskrise, Notlage, gescheiterter Staat, "Lückenpresse", "geistig-moralisch kastrierte Schreiberlinge", Deutschland ist nicht verhandelbar. "Wir kommen wieder!" Abgang.

Höcke verschiebt die Grenzen des Sagbaren nach rechts

Allmählich wird deutlich: Es war keine plötzliche Wandlung. Der ideologische Kern war längst gereift, nur für die meisten, die ihm begegneten, nicht sichtbar. Björn Höcke kennt rechtskonservatives Denken offenbar seit Jugendtagen. Und zumindest für die vergangenen zehn Jahre lässt sich zeigen, dass er nach Möglichkeiten suchte, sich politisch auszudrücken. 2006 druckt die Hessisch-Niedersächsische Allgemeine einen Leserbrief von Björn Höcke. Er schreibt über den alliierten Angriff auf Dresden 1945: "In der Weltgeschichte sind niemals zuvor und niemals danach in so kurzer Zeit so viele Menschen vom Leben zum Tode befördert worden wie im ehemaligen Elbflorenz." Als hätte es den Holocaust nie gegeben. Björn Höcke trifft im Jahr darauf Dieter Stein und Heiner Hofsommer bei einer Versammlung einer rechtskonservativen Gruppe in Fulda. Im Oktober 2008 schreibt Björn Höcke der Jungen Freiheit einen Leserbrief, in dem er dazu auffordert, einen "Dritten Weg" als Alternative zum "zinsbasierten Globalkapitalismus" zu diskutieren. Wiederum ein Jahr später empfiehlt er angeblich im Geschichtsunterricht, das Buch Psychologie der Massen von Gustave Le Bon zu lesen, berichtet ein Schüler. Das Buch hatte großen Einfluss auf die Propaganda der Nationalsozialisten. 2011 lud Björn Höcke Gleichgesinnte ein, um eine "Patriotische Deutsche Gesellschaft" zu gründen, die jedoch über die Einrichtung einer Website nie wesentlich hinauskam. Im August 2013 wird Björn Höcke Landesprecher der AfD in Thüringen und steigt schnell zur Führungsgestalt auf.

Ist Björn Höcke nur ein Populist - oder schon ein Fall für die Justiz? Christian Fuchs und Martin Machowecz schreiben in der aktuellen Ausgabe der ZEIT über den "Mann an der Grenze".

Seither ist alles Provokation, was Björn Höcke sagt: Rassistische Aussagen über angebliche afrikanische Reproduktionsstrategien, empörende Anspielungen wie "1.000 Jahre Deutschland". Aber immer formuliert er so, dass Wohlmeinende ihn noch am rechten Rand des demokratischen Konservativismus verorten können, während die äußerste Rechte die Bilder wohl zu lesen weiß. Stück für Stück verschiebt er die Grenze des Sagbaren immer weiter nach rechts.

Doch dahinter steht kein fertiges Weltbild. Fachleute finden Anleihen der Neuen Rechten, der Vorkriegstradition der "Konservativen Revolution", völkisches Denken und Naturmystik, Nationalchauvinismus und neuheidnische Elemente, dazu eine merkwürdige Vorstellung preußischer Tugenden. "Das ist keine konsistente Ideologie, die durchgebildet wäre, geformt in einer Gruppe, die ähnlich denkt", sagt der Soziologe Helmut Kellershohn. Benjamin Hoff, Chef der Staatskanzlei in Thüringen, nennt es einen politischen Diskurs, der als "eine Art Schnittstellenmanagement zwischen Konservativismus und Rechtsextremismus" verstanden werden könne.

In dieser Unschärfe bietet sich Björn Höcke seinen Anhängern als Projektionsfläche an für vielfältige deutschtümelnde, islamophobe, eliten- und systemfeindliche Vorstellungen. Zugleich liefert er starke Gefühle. Wer an einem eisig-dunklen Januarabend mit seiner Taschenlampe den unbeleuchteten Erfurter Dom anfunzelt und ihn rufen hört "Wie schön er ist, u-n-s-e-r Dom!", der kann sich groß fühlen. Der Höcke-Jubel dieser Leute bedient wiederum Björn Höckes Bedürfnis nach Anerkennung. Das drückt sich aus, wenn er in Magdeburg vor dem Dom dem dort vor 1.000 Jahren begrabenen Kaiser Otto zuruft "Otto – ich grüße Dich!", als würde jener antworten. Oder wenn er die Kanzlerin oder auch nur Horst Seehofer in Erfurt auffordert, doch endlich auf ihn zu hören. Es schlägt sich auch in einem zweiseitigen Brief an seine ehemaligen Lehrerkollegen in Bad Sooden-Allendorf nieder, in dem er sich beschwert, dort nicht ehrenvoll verabschiedet worden zu sein, "ein Mann, der nichts Böses im Schilde führt" und "allein aus Sorge um die Zukunft seines Landes" handelt.

Auf der Heimfahrt muss ich noch einmal an eine Episode aus unserer gemeinsamen Schulzeit denken. Geschichte Leistungskurs, kurz nach dem 3. Oktober 1990. Begeistert erzählte Björn Höcke, wie er mit seinen JU-Freunden die Einheitsfeier am Deutschen Eck in Koblenz erlebte. 35.000 Menschen waren gekommen und hatten zugesehen, wie die Fahnen der neuen Bundesländer aufgezogen worden waren. Ein großer deutscher Moment. Unsere Geschichtslehrerin erinnert sich an Björn Höckes Erzählung. "Da hat er sich sehr gefreut. Den anderen im Kurs war das ja eher fremd."

Haben Sie Informationen zu diesem Thema? Oder zu anderen Vorgängen in Politik und Wirtschaft, von denen die Öffentlichkeit sie erfahren sollte? Wir sind dankbar für jeden Hinweis. Dokumente, Daten oder Fotos können Sie hier in unserem anonymen Briefkasten deponieren.

Mitarbeit: Christian Fuchs und Martin Machowecz