In der Pause zwischen seinen zwei Auftritten steht Frank-Jürgen Weise, oberster deutscher Flüchtlingsmanager und Chef des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (Bamf), für ein paar Minuten im Foyer der Bundespressekonferenz und blickt auf einen Fernseher. Dort zeigte ein Nachrichtensender gerade ein Zitat des Innenministers von Nordrhein-Westfalen, Ralf Jäger (SPD): "Damit Integration erfolgreich sein kann, muss das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge schneller und besser werden", fordert er. Jäger wünscht sich schnellere Asylverfahren, "ein klares Signal an die Menschen, die keinen Anspruch auf Asyl und damit bei uns auch keine Zukunftsperspektive haben". Weise schaute auf Jäger im Fernsehen, dann sagte er zu seinen Mitarbeitern: "Lassen Sie uns doch die Unterlagen noch mal durchgehen."

Weise weiß: Er muss jetzt liefern. An ihn richten sich die Forderungen von Jäger und all den anderen Politikern, die in den vergangenen Tagen auf höhere Effizienz und Effektivität bei Asylverfahren drängten. Bundesratspräsident Stanislaw Tillich nannte das Bamf ein "Nadelöhr, das nun zu einem großen Entscheidungstor werden muss". Die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer sagte: "Wenn ich die Zahlen nüchtern betrachte, stelle ich fest, dass die Situation besser werden muss." An diesem Freitag ist Weise mit seinen Mitarbeitern nach Berlin gekommen, um zu erklären, wie er das erreichen will.

370.000 Anträge haben sich im vergangenen Jahr angestaut und sind noch unbearbeitet, dazu kommen nach Schätzungen des Bamf weitere 300-400.000 Menschen, die sich zwar in Deutschland aufhalten, aber noch nicht mal einen Antrag gestellt haben. Ein Berg von mindestens 670.000 alten Fällen also. "Diese Situation ist nicht akzeptabel", sagt Weise gleich zu Beginn der Pressekonferenz. "Es ist für die Menschen schlimm, so lange zu warten. Es ist das Gefühl, dass rechtsstaatliche Ordnung fehlt."

Weises Antwort: Das Bamf muss größer werden. Und besser. Im vergangenen Jahr schaffte das Amt 280.000 Anträge, in diesem sollen es 1,1 bis 1,2 Millionen sein, das ist das Ziel. Dazu soll die Zahl der Mitarbeiter von 3.500 zum Jahreswechsel auf 6.300 bis Mitte 2016 aufgestockt werden, die Bundesregierung hat das bereits bewilligt. Hinzu kommen weitere 1.000 Kollegen, die zumindest befristet von anderen Behörden ausgeliehen werden und helfen könnten. 2.000 Entscheidungen über Asylverfahren soll das Amt so jeden Tag schaffen. Anfang 2015 seien es nur 600 gewesen.

Weise und seine Kollegen referieren diese Kennziffern wie die Eckpunkte eines Businessplans, und das sind sie im Grunde ja auch. Weise, der seit 2004 schon die Bundesagentur für Arbeit leitet, wurde im vergangenen September zum Bamf geholt, um das Amt aus- und umzubauen, neu zu managen. Dabei helfen ihm Vertraute wie Kajta Wilken-Klein, die nun zuständig ist für "Verfahrensoptimierung" und auf der Pressekonferenz den schönen Satz sagt: "Wir entfernen sämtliche Liege- und Wartezeiten aus dem Prozess."

Ab in die "Wartezone"

So beschreibt sie die erhofften Verbesserungen durch sogenannte Ankunftszentren. Mindestens eines davon soll in jedem Bundesland entstehen, vier davon gibt es bereits, in Heidelberg, Bad Fallingbostel, Bamberg und Manching. Dort sollen alle Fälle vorsortiert werden. Die Bewerber aus unsicheren Ländern mit guten Aussichten auf Asyl kommen in ein beschleunigtes Verfahren und sollen noch am nächsten Tag ihren (positiven) Bescheid erhalten. Die Bewerber aus sicheren Ländern wiederum kommen in eine "Wartezone" direkt im Ankunftszentrum, bis sie, möglichst innerhalb weniger Tage, ihren (negativen) Bescheid bekommen und das Land verlassen müssen.  

Übrig bleiben nur die "komplexeren" Fälle, wie das Bamf das nennt. Diese landen dann wie bisher in einer der vielen Unterkünfte im ganzen Land und ihr Verfahren übernimmt eine der bisherigen Außenstellen des Bamf. "Mithilfe der Unterscheidung in Fallprofile und des damit verbundenen Ablaufs kann das Bamf die Asylverfahren in vielen Fällen bereits nach 48 Stunden abschließen", verspricht das Amt.

Hinzu kommt eine einheitliche Datenbank für alle Asylbewerber und ein Flüchtlingsausweis. Alle Änderungen zusammen sollen dann das ergeben, was Weise "Integriertes Flüchtlingsmanagement" nennt. Doch wie geschmeidig dieses neue System funktionieren wird und zu welchem Preis die Verfahren beschleunigt werden, ist strittig. Warum sollte sich ein Bewerber aus einem sicheren Land beispielsweise per Ausweis als solcher zu erkennen geben, wenn er weiß, dass er dann innerhalb weniger Tage abgewiesen wird? Verschleiert er seine Identität, wird das Verfahren komplizierter und er darf länger bleiben.