Tick, tack, tick, tack. Über dem Kanzleramt hängen die Ultimaten in der Luft wie große Uhren. 55 Tage sind es noch auf der, die Edmund Stoiber aufgehängt hat. Bis zum 31. März gibt der ehemalige CSU-Vorsitzende Angela Merkel in der Flüchtlingspolitik Zeit, "dann muss das gelöst sein". Daneben tickt die Uhr der SPD runter bis zum Frühjahrsanfang, bis dahin soll Merkel bitte eine europäische Lösung gefunden haben. Etwas am Rande hängen schon ausrangiert die Ultimaten zur "Wende" in der Flüchtlingspolitik von Horst Seehofer: Das erste lief Ende Oktober 2015 aus, das zweite dann zu Silvester und das dritte, das Seehofer erst am 16. Januar gestellt hatte, endete am 30. Januar.

All diese dramatischen Fristen suggerieren nicht nur, dass nach ihrem Ablauf das Land in irgendeine Art von Abgrund fällt. Sie tragen auch zum falschen Bild eines potenziell allmächtigen Staates bei. Der Bundesregierung wird eine Aufgabe gestellt und eine Frist gesetzt. Liefert sie nicht termingerecht, hat sie versagt. Die Anspruchshaltung an Politik ist längst ins Irreale gewachsen.

Das ist eine Frage der Geschwindigkeit. Einerseits beschleunigen sich öffentliche Debatten über politische Probleme, die Ungeduld wird so zum Dauerzustand. Anderseits kann der demokratische Staat nicht einfach deshalb schneller arbeiten, weil die Öffentlichkeit es erwartet.

Beispiel Köln: Nach den Silvesterüberfällen wurde für einige Wochen der Ruf nach mehr Polizei laut. Selbst wenn die Landesregierungen entsprechend mehr Stellen schaffen würden: der ehemalige Vorsitzende der Gewerkschaft der Polizei hat vor einigen Tagen in einem Interview daran erinnert, wie lange es dauern würde, bis diese Polizisten nach Auswahlverfahren und Ausbildung tatsächlich auf der Straße wären: dreieinhalb Jahre.

Beispiel Sachsen: Dort hat die Landesregierung schon im Sommer 2014 entschieden, 56 neue Richter einzustellen, um Asylklagen schneller entscheiden zu können. 36 davon im Jahr 2016, 20 weitere dann in den Jahren 2017 und 2018.

Ja, es geht auch schneller. Das hat dann aber einen Preis.

In Sachsen entscheiden jetzt Jungrichter anders als früher ab ihrem ersten Arbeitstag allein über Asylklagen. Betroffene und der Verband Pro Asyl klagen über Überforderung.

Im Bundesamt für Migration und Flüchtlinge schrieben im vergangenen Jahr Mitarbeiter einen wütenden Brief an ihren Chef Frank-Jürgen Weise. Sie beklagen Arbeitsbedingungen, "die mit einem rechtsstaatlichen Verfahren nicht vereinbar" sind, weil Weise auch Praktikanten und andere Anfänger über Asylverfahren entscheiden ließ. Der erfahrene Manager Weise hatte den Auftrag der Bundesregierung umgesetzt, die Verfahren zu beschleunigen. Das ging dann eben auf Kosten der Qualität.

Entweder schnell oder gründlich: diese Floskel aus der Arbeitswelt darf jeder für sich in Anspruch nehmen. Nur der Staat offenbar nicht.

Der Hamburger Flüchtlingskoordinator Anselm Sprandel hat der ZEIT gerade ein interessantes Interview gegeben, in dem zwischen den Zeilen genau dieses Dilemma deutlich wird. Da trifft die öffentliche Erwartung, das Flüchtlingsproblem schnell und effizient wegzuregeln, auf ein aus guten Gründen schwerfälliges System und seine Vertreter. Die Kollegen beklagen zum Beispiel, dass Sprandels Stelle weder eindeutig der Innen- noch der Sozialbehörde zugeordnet ist. Das sei nicht effizient und er womöglich "ein König ohne Land". Die nüchterne Antwort des Flüchtlingskoordinators: "Die Monarchie ist abgeschafft."

Genau darum geht es. Im demokratischen Rechtsstaat ist kein Platz für einsame Entscheider, die in voller Machtfülle die Dinge einfach mal so durchziehen, wie sie sie für richtig halten. Dass Sprandel mit den anderen beteiligten Behörden um Lösungen ringen muss, dass seine Macht beschränkt ist und es generell für den Geschmack der ungeduldigen Öffentlichkeit so verflixt langsam vorangeht in deutschen Behörden – das ist auch eine demokratische Qualität. Manches, was von außen nach behäbigen Verfahren aussieht, ist eigentlich gewissenhafte Arbeit.

Noch mal Hamburg: Dort beschweren sich Bürger über von der Stadt geplante Großsiedlungen für Flüchtlinge auf der grünen Wiese. Man solle die Menschen doch lieber in kleineren Einheiten und über die Stadt verteilt unterbringen. Problem nur: je mehr Anwohner, desto aufwendiger die Bürgerbeteiligungen, desto länger die Planungsverfahren. Das Baurecht lässt zudem so viele Einspruchsmöglichkeiten zu, dass man einen Bau leicht um bis zu 15 Jahre verzögern kann. Würde der Gesetzgeber diese für ihn lästigen Bremsen und Mitspracherechte abschaffen, wäre wahrscheinlich der Aufschrei all jener, die nun schnellere Lösungen fordern, noch größer: Ihr hört uns ja gar nicht mehr!

Vielleicht würde deshalb in der gegenwärtigen Aufregung schon etwas mehr öffentliches Verständnis für die Umstände staatlichen Handelns helfen. Seine Mittel sind begrenzt und seine Durchsetzungskraft auch. Nach innen durch demokratische Einhegung. Nach außen durch die konkurrierenden Interessen anderer Staaten, siehe die verfahrene EU-Flüchtlingspolitik. Wenn der Staat nicht das liefert, was der Bürger von ihm will, muss das nicht sein Fehler sein. Es kann ihm auch unmöglich gewesen sein.