Künftig sollen die Daten von Flüchtlingen für alle Behörden gleichermaßen zugänglich sein. So sollen Doppelregistrierungen vermieden werden. © Friso Gentsch/dpa

Das Wichtigste zuerst: Nein, es sind keine 143.000 Flüchtlinge einfach verschwunden. Sie sind auch nicht untergetaucht oder in die Illegalität abgewandert. Das Problem liegt überhaupt nicht bei den Flüchtlingen. Sondern in der deutschen Bürokratie. Und eigentlich ist es auch schon fast behoben.

Am Freitag hatte die Süddeutsche Zeitung gemeldet, das Bundesinnenministerium habe eingeräumt, dass rund 13 Prozent der Menschen, die 2015 als Asylsuchende registriert worden sind, nicht bei der zuständigen Aufnahmeeinrichtung angekommen seien. Insgesamt waren 1,1 Millionen Flüchtlinge neu erfasst worden. "Somit geht es also um mehr als 130.000 Menschen, die nicht in der Unterkunft ankommen, die ihnen zugewiesen wurde", schreibt die SZ weiter.

Bis hierhin ist alles korrekt. Dann jedoch folgt ein fataler Satz: "Als mögliche Gründe nennt das Ministerium unter anderem Weiterreisen in andere Länder und das ‚Untertauchen in die Illegalität’." Die SZ zitiert aus der Antwort der Bundesregierung auf eine kleine Anfrage der Linken-Bundestagsabgeordneten Ulla Jelpke. Aber sie gibt die Antwort nur verkürzt wieder. Was in der Meldung fehlt, sind zwei weitere Gründe, die in der Regierungsantwort genannt werden: Rückreisen in das Heimatland. Und die Schwäche des von den Behörden genutzten Registrierungsprogramms.

Menschen doppelt gezählt

So bleibt hängen: Tausende Flüchtlinge gehen in den Untergrund. Entsprechend groß ist die Aufregung. Doch das ist falsch. Eine kurze Nachfrage beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) reicht aus, um aufzuklären, was wirklich los ist.

Wenn Flüchtlinge nach Deutschland kommen, werden sie gezählt. Aber zunächst nicht als Individuum erfasst. Die Bundespolizei registriert also beispielsweise an der deutsch-österreichischen Grenze, dass wieder hundert neue Flüchtlinge angekommen sind, und trägt das in das elektronische System Erstverteilung von Asylbegehrenden (EASY) ein. Dann wird entschieden, in welche Erstaufnahmeeinrichtung diese Menschen geschickt werden, beispielsweise nach Hamburg.

Was bislang jedoch nicht registriert wird, sind die Namen der Flüchtlinge. Denn es geht nur darum, Menschen entsprechend der Aufnahmekapazitäten der Bundesländer und Kommunen über die Republik zu verteilen. Einzelinteressen der Flüchtlinge sind da nicht relevant. Niemand weiß also, ob der einzelne Flüchtling vielleicht ein anderes Ziel hat als die ihm zugewiesene Stadt.

Doch viele Flüchtlinge wissen genau, wohin sie wollen. Nicht nach Hamburg, sondern beispielsweise nach Schweden. Tausende fuhren durch die Hansestadt, ohne sich hier anzumelden. Stattdessen reisten sie in die Fährhäfen an die Ostsee, um von dort weiter nach Norden zu kommen. Die Landesregierung von Schleswig-Holstein berichtete im Herbst von rund 70.000 Menschen, die so nach Skandinavien weiterzogen. Sie alle fallen aus der Statistik.

Phänomen Reiseschwund

Genauso "verschwand", wer bei einem Verwandten oder Bekannten unterschlüpfen konnte. Oft war das den Kommunen sogar recht, denn die Zeltstädte, Baumärkte und Turnhallen waren ohnehin überlastet. In die Statistik gehen diese Menschen aber nicht mehr ein, weil sie sich nicht in einer offiziellen Einrichtung angemeldet haben.

Ebenso wenig wie Flüchtlinge, die mit einem festen Plan nach Deutschland kamen, der nicht in den Verteilmechanismus der Behörden passte. Wer beispielsweise nach Hamburg geschickt wurde, aber lieber nach Stuttgart ging und sich dort neu anmeldete, weil er schon in Syrien für Daimler gearbeitet hatte, produzierte in der Statistik sogar einen doppelten Fehler: In EASY wurde er zweimal eingetragen. In Hamburg wurde er für die Behörden zugleich unsichtbar.

Das BAMF nennt dieses Phänomen "Reiseschwund". Vermutlich wird es sich in nächster Zeit weitgehend erledigt haben. Denn Mitte Februar trat das sogenannte Datenaustauschverbesserungsgesetz in Kraft. Seither werden beim ersten Kontakt eines Flüchtlings zu einer Behörde alle seine persönlichen Daten erfasst – auch der Name. Die so Registrierten bekommen den neuen Füchtlingsausweis ausgehändigt. Auf diese Stammdaten können alle Einrichtungen zugreifen, die später mit dem Flüchtling zu tun haben. So soll verhindert werden, dass Flüchtlinge doppelt registriert werden oder aus dem System verschwinden.

Die Diakonie Deutschland hat nun vorgeschlagen, dieses neue System zu nutzen, um Verwandte schneller zusammenzuführen. Denn oft reisen nicht alle Familienmitglieder gleichzeitig ein. Kommen sie aber nacheinander, werden sie gegenwärtig noch in unterschiedliche Gegenden verteilt und dürfen seit der Verschärfung des Asylrechts auch nicht mehr so ohne Weiteres umziehen.