Von der mächtigsten zur ziemlich einsamen Frau Europas: Angela Merkel bei der Ankunft zum letzten EU-Krisengipfel am 18. Februar © Emmanuel Dunand/AFP/Getty Images

Sie steht. Da mag noch so viel Kritik auf Angela Merkel einprasseln, auch aus den eigenen Reihen, sie lässt sich nicht beirren. Sie setzt beeindruckend unverdrossen auf "ihre" europäische Lösung der Flüchtlingskrise, obwohl zahlreiche EU-Länder längst eigene Wege gehen. "Ich sehe nicht, was mich zum Umsteuern bewegen könnte", sagte sie am Sonntagabend bei Anne Will. Merkel scheint entschlossen, für ihren Kurs unter Einsatz ihrer ganzen Kraft, ja ihres Amtes zu kämpfen. So entschieden kannte man sie nie. Diese Krise ist ihre Schicksalskrise.

Und die von ihr verfochtene Lösung beginnt ja auch schon zu wirken. Erstens Ursachen bekämpfen: In Syrien herrscht seit ein paar Tagen Waffenstillstand. Wenn dann auch noch die Friedensgespräche in Gang kommen, kann man hoffen, dass nicht mehr so viele Syrer das Land verlassen.

Zweitens: der Deal mit der Türkei. Ankara scheint die Zahl der Flüchtlinge über die Ägäis schon zu drosseln, als Gegenleistung für die drei Milliarden Euro aus Brüssel. Die Nato hat ihre Patrouillefahrten aufgenommen, und wenn die Türkei nicht nur die aus Seenot geretteten, sondern auch die Flüchtlinge zurücknimmt, die trotzdem auf die griechischen Inseln gelangen, wäre schon Stufe zwei erreicht.

Flüchtlingspolitik - EU-Staaten gehen in Flüchtlingskrise weiter auf Distanz Österreich und die Westbalkanstaaten verständigten sich am Mittwoch in Wien auf einen eigenen Weg zur Reduzierung des Zuzugs von Flüchtlingen. Kritik aus Berlin wies die Österreichische Innenministerin Johanna Mikl-Leitner zurück.

Merkels Plan greift also. Nicht so schnell und spektakulär wie Grenzschließungen auf der Balkanroute, aber er wirkt nachhaltig und packt das Problem an den Wurzeln.

Ihre Kritiker beeindruckt das wenig. Sie wettern, Europa begebe sich in die Hände des türkischen Autokraten Erdoğan, und alles dauere viel zu lange. Und deshalb ist Merkel vom entscheidenden dritten Teil ihres Plans noch weit entfernt. Denn im Gegenzug dafür, dass die Türkei die Flucht über die Ägäis unterbindet, sollen ihr Kontingente an Flüchtlingen abgenommen und in den EU-Staaten verteilt werden. Statt ungesteuerter, illegaler Migration wäre das eine planvolle Umsiedlung.

Doch wer nimmt die Flüchtlinge aus der Türkei auf? Hier zeigt sich das Elend der EU. Schweden hat die Grenzen geschlossen, wegen Überfüllung, wie es hieß. Frankreich will nur 30.000 Flüchtlinge aufnehmen. Österreich hat Tageskontingente von nur 80 Asylbewerbern eingeführt. Die Balkanstaaten, darunter auch die Nicht-EU-Mitglieder Mazedonien und Serbien, haben eigenmächtig die Balkanroute auf ein schmales Rinnsaal von 580 Flüchtlingen pro Tag reduziert. Und Ungarn will überhaupt keine Flüchtlinge aufnehmen. Von zusätzlichen Kontingenten gar nicht zu reden.

Eine Vereinigung nationalistischer Kleingeister

So entsteht der Eindruck, dass in dieser schwersten Krise der Gemeinschaft jedes Land tut oder lässt, was es will, egal was in Brüssel beschlossen wurde. Luxemburgs Außenminister Asselborn warnte bereits vor "Anarchie". Die EU ist eine Vereinigung von nationalistischen Kleingeistern geworden, die Politik auf eigene Faust machen. Das national-chauvinistische Gift, das quer durch Europa rechtspopulistischen Parteien mächtig Zulauf beschert, frisst sich durch und bedroht das Fundament der Union.

Dabei verstand sich die EU bislang als Gemeinschaft auf Gegenseitigkeit: Jeder hilft jedem, nicht ohne Bedingungen, aber niemand wird fallengelassen. So war es auch in der Eurokrise. Jetzt aber scheint die Losung: Jeder hilft sich selbst, dann ist allen geholfen. Nur dass das nicht aufgeht.

Denn Leidtragender der Balkan-Lösung ist vorläufig Griechenland. Dort stranden all diejenigen, die von Mazedonien und den anderen Balkan-Staaten nicht mehr durchgelassen werden. Zehntausende irren bereits durch das Land. Vermutlich ist die abschreckende Wirkung beabsichtigt. Aber für die Regierung in Athen, die ohnehin mit finanziellen und wirtschaftlichen Problemen zu kämpfen hat, ist es eine Katastrophe, mit der sie allein gar nicht fertig werden kann.

Und falls die Flüchtlinge in der Folge wieder auf die gefährliche Mittelmeerroute nach Italien ausweichen, wird Italien zum zweiten europäischen Auffangbecken. Denn Österreich hat auch hier die Grenzen geschlossen und am Brenner Kontrollen eingeführt. 150.000 Flüchtlinge sollen schon in Libyen auf besseres Wetter für die Überfahrt warten. Die nächste Katastrophe ist programmiert.

Mazedonien - Polizei beschießt Flüchtlinge mit Tränengas Die Situation an der Grenze zwischen Griechenland und Mazedonien ist dramatisch. Tausende Flüchtlinge warten darauf, weiterreisen zu dürfen. Mazedonische Sicherheitskräfte attackierten sie.