Es gibt eine Besorgnis erregende Faustregel bei der Verteilung von Migranten in Deutschland. Sie lautet: Je größer eine Stadt, desto mehr Einwanderer leben in ihr. Laut Statistischem Bundesamt macht in Städten unter 20.000 Einwohnern der Anteil der Migranten rund zwölf Prozent der Bürger aus, in Städten zwischen 20.000 und 50.000 Einwohnern sind es fast 20 Prozent und in Großstädten mit mehr als 100.000 Einwohnern rund 27 Prozent. Dieses Ungleichgewicht dürfte sich mit dem aktuellen Zustrom von Flüchtlingen und Einwanderern noch vergrößern, denn je mehr Zuwanderer an einem Ort leben, desto stärker wirkt dessen Attraktivität auf Verwandte, Bekannte und andere Landsleute.

Was menschlich verständlich ist, weil es das Leben leichter macht, kann für die Integration ein Problem sein, denn es erschwert die Zugänge zur Mehrheitsgesellschaft. Wenn Flüchtlinge gar nicht erst darauf angewiesen sind, sich unter Deutsche zu mischen, sondern in ihrer Sprach- und Kulturblase alle wesentlichen Kontakte finden, verstärken sich die Effekte der Parallelgesellschaften, mit denen es in bestimmten deutschen Stadtvierteln schon genügend Probleme gibt.

Deshalb: Schickt mehr Flüchtlinge auf die Dörfer! Nein – nicht 1.000 Flüchtlinge in Baracken am Rande von 300-Seelen-Weilern. Sondern angemessene Anzahlen dorthin, wo der Bevölkerungsrückgang Lücken geschaffen hat: in all die leerstehenden Häuser, Höfe und Einliegerwohnungen, die es auf dem Land zuhauf gibt.

Soziale Kontrolle oder soziale Einbindung?

Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind großzuziehen, sagt ein afrikanisches Sprichwort. Genauso braucht es ein Dorf, braucht es die Unmittelbarkeit von sich kümmernden und anleitenden Menschen, braucht es gelegentlich auch die klare Aussprache und den direkten Konflikt, um Fremde in eine neue Gemeinschaft hineinwachsen zu lassen.

Ja, aber – will man das Flüchtlingen wirklich empfehlen, ausgerechnet dorthin zu ziehen, wo deswegen Platz ist, weil die klügeren Einwohner diese Gegenden längst verlassen haben und überproportional viele jener Dumpfbacken zurückgeblieben sind, die allenthalben Asylbewerberheime in Flammen aufgehen lassen? Unabhängigkeit davon, ob der Fremdenfeindlichkeitsquotient auf dem Land höher ist als in der Stadt, und von der Frage, wo Doofheit schneller Schwärme bilden kann; solche Vorstellungen von der ländlichen Provinz sind Zerrbilder. Sicher gibt es auch auf Dörfern gesellschaftliche Ränder und Extremismus, aber sie dürften regelmäßig kleiner und weniger aggressiv ausfallen als in Großstädten. Schon mangels Masse, aber auch wegen des Effektes, der gerne abschätzig "soziale Kontrolle" genannt wird, den man aber auch als soziale Einbindung bezeichnen könnte.

Neulich hatte ich dazu ein interessantes Gespräch mit einem Landpastor. Philipp Kurowski, aufgewachsen in Hamburg, betreut seit gut vier Jahren die Kirchengemeinde Großsolt-Kleinsolt in der Nähe von Flensburg. Was ihm im Unterschied zur Stadt dort draußen besonders auffalle, sei, sagt er: "Flüchtlinge sind hier keine anonyme, bedrohliche Masse. Sie haben hier ein Gesicht." Es gebe keine zentrale Unterkunft, kein Zeltlager oder Containerdorf. Stattdessen werde Leerstand systematisch angemietet. Jeder im Dorf wisse, wo eine Flüchtlingsfamilie wohne, woher sie komme und was sie brauche.

Flüchtlingsengagement ist auf dem Land deshalb weniger ein politisches Projekt, dann und wann ausgelebt in einer Unterkunftshalle, sondern für viele eine permanente Selbstverständlichkeit. "Ich wage auch nach den Vorfällen in Köln die Behauptung: Die Flüchtlingshelfer hier sind stärker in der Mitte der Gesellschaft verankert als die Bedenkenträger. Sie sind bei uns auch keine idealistischen Studenten aus dem linken Spektrum oder pensionierte Lehrerinnen mit Alt-68er-Charme. Sondern emeritierte Bürgermeister, Bauersfrauen, Krankenpfleger, Geschäftsleute und dergleichen. Mittiger geht es eigentlich nicht."

Unser Dorf soll schöner werden, hieß früher einmal ein Bundeswettbewerb. Warum heute kein Anreizprogramm schaffen für: Unser Dorf soll voller werden? Auf diese Weise ließen sich gleich zwei Probleme angehen: das langsame Sterben kleiner Kommunen und die bislang suboptimale Verteilung von Flüchtlingen über das Land. Sie richtet sich stur nach dem Königsberger Schlüssel, einer mathematischen Formel, nicht aber nach Qualifikationen und Bedarf.

Dieses System ließe sich umdrehen. Weil jede Kommune am besten weiß, welche Zuwanderer sie unterbringen und gebrauchen kann, könnte jede Kommune ihre eigene kleine Einwanderungspolitik gestalten und sie nach oben melden, an Kreise und Länder. Dorf A braucht Altenpfleger? Dorf B braucht Maurer oder Elektriker? In Dorf C droht die alte Schule dichtzumachen, weil es nicht genügend Kinder gibt? Dorf D hat eine ganz besonderen Plan entwickelt, ein Mehrgenerationenwohnprojekt mit Kinderbetreuung, Fahr- und Einkaufsservice? Es sollte doch möglich sein, Zuzugspläne maßzuschneidern, die allen Seiten helfen – und die nebenbei eine lebendigere Bevölkerungsbalance schaffen.