Selber fliegen wird er nicht. Man muss das extra dazusagen, wenn ein bayerischer Ministerpräsident nach Moskau reist, des großen Ur- und Vorbilds wegen. Die Geschichte kennt jeder in der CSU: Wie Franz Josef Strauß am 28. Dezember 1987 eigenhändig seine Cessna auf dem gesperrten Moskauer Flughafen aufsetzte, obwohl er im Schneetreiben die vereiste Landebahn nicht sah, und wie es dem Waigel Theo und dem Stoiber Edmund und den anderen Passagieren kurz die Sprache verschlug, als sie hörten, dass der Sprit für einen zweiten Versuch auch gar nicht mehr gereicht hätte. Aber die Haudegen werden auch in der CSU seltener. Horst Seehofer fliegt Linie am nächsten Donnerstag. Ungemütlich wird diese Visite erst nach der Landung.

Als Stoiber ihm die Audienz bei Wladimir Putin besorgte, war das in vollem Umfang noch nicht absehbar. Sicher, der russische Präsident stand wegen seiner Ukrainepolitik in Europa weiter unter Beobachtung, als Seehofer den Termin Ende letzten Jahres bekannt machte. Auch die Flüchtlingskrise und Russlands Einmischung in Syrien standen schon auf der politischen Tagesordnung.

Aber mit dem "Fall Lisa" ist plötzlich ein Thema aktuell, das direkt das deutsch-russische Verhältnis betrifft. Dass russische Medien und ganz offenkundig staatlich gelenkte Online-Akteure das zeitweise Verschwinden der 13-Jährigen zur Schauergeschichte westlicher Verderbnis und Vertuschung umdeuteten, ist inzwischen normal. Aber dass Außenminister Sergej Lawrow das Märchen zur diplomatischen Staatsaffäre aufbauschte, ist eine neue Qualität im russischen Desinformationskrieg.

Die Sache kann Seehofer die ganze Tour vermasseln. Dabei hatte die sich so schön angelassen. Seit Strauß selig gehört die Behauptung von Bayerns eigenständiger Rolle in der Weltpolitik zum Inventar christsozialer Selbstbespiegelung. Praktisch merkt man davon freilich meistens nichts. Weiter als bis Berlin kommt der Herr in der Münchner Staatskanzlei selten; schon Brüssel liegt ihm eher fern. Und nach China oder Indien reisen zwecks regionaler Wirtschaftsförderung auch Ministerpräsidenten aus Bundesländern, mit denen man in Bayern keinesfalls verglichen werden möchte.

Die obligatorische Wirtschaftsdelegation reist nicht mit

Seehofers Putin-Besuch sticht aber aus dieser Routine heraus. Erstens nimmt er nicht die obligatorische Wirtschaftsdelegation mit – dafür ist später eine zweite Reise geplant. Zweitens kriegt nicht jeder einen Termin bei Putin. Den hat Stoiber vermittelt. Der wiederum sieht sich als guter Kumpel des russischen Präsidenten, seit der ihn im Mai 2010 eingeladen und fürstlich behandelt hatte.

Der Zeitpunkt damals war auf den ersten Blick kurios: Stoiber war gestürzt und nur noch vorläufig im Amt. Aber Putin erwies sich als längerfristig denkender Stratege. Er umschmeichelte den Bayern mit allem Pomp. Stoiber war Gast in Putins Villa und bekam sogar eine Privatvorführung der historisch kostümierten Kreml-Reiterarmee. Nebenbei legte der Präsident dem Besucher dar, dass die US-Raketenabwehr in Europa Russlands Sicherheit bedrohe. Putin hatte den Gast richtig eingeschätzt. Stoiber verbreitete die frisch erworbene Erkenntnis prompt weiter.